Existenzangst

Tätowierer über Lockdownfolgen: „Wir müssen unser Haus verkaufen“

Tätowierer machen sich nackt: In sozialen Netzwerken drücken sie aus, wie es um sie nach 7 Monaten Umsatzausfall und zähfließenden Hilfen geht. Viele bangen um ihre Existenz.
Dawid Hilgers-Lehner, Bayreuther Tätowierer, posiert mit einem Schild mit dem Hashtag #ihrmachtunsNACKT. Deutsche Tätowierer protestieren nackt gegen stockende Auszahlungen der Corona-Hilfen. (zu dpa "«ihrmachtunsnackt» - Aus Protest lassen Tätowierer Kleider fallen") +++ dpa-Bildfunk +++ © picture alliance/dpa/Privat

Die Bundesrepublik ringt um Wirtschaftshilfen: Erneut haben sich an diesem Dienstag in Berlin Wirtschaftsverbände und Spitzenpolitiker getroffen, um über die schleppende Auszahlung der angekündigten Finanzspritzen für Unternehmen und Selbstständige zu sprechen. Allmählich nehmen sie Fahrt auf, doch für das Tattoostudio von Dawid Hilgers könnte es zu spät sein.

Normalerweise würde man den Hilgers in seinem Studio in der Bayreuther Altstadt treffen: Hier, hinter Bruchsteinmauern und einer kleinen Schaufensterscheibe, hat der 39-Jährige fast zehn Jahre lang Tätowierungen und Piercings gestochen. Er erzählt, dass er sich bei der Eröffnung gezielt für das winzige Ladenlokal entschieden hat. „So klein wie möglich, dann hat man bessere Chancen, Krisen zu überstehen.“

Konto deutlich im Minus

Geholfen hat das kaum. Wegen der Pandemie und des Lockdowns fehlen Hilgers mittlerweile die Umsätze aus sieben Monaten, auch für den März erwartet er keine Verbesserung der Lage. Miete und die Nebenkosten fielen hingegen weiterhin an – weshalb Hilgers in den vergangenen Monaten von der Substanz gelebt hat. „Mein Konto war bis kürzlich mehr als 6000 Euro im Minus, ich musste mir Geld von den Schwiegereltern leihen und die Rücklagen sind längst aufgebraucht“, schildert Hilgers seine finanzielle Situation.

Umso ungeduldiger blickt der Soloselbstständige nach Berlin: Am Dienstag hat Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) dort Vertreter zahlreicher Wirtschaftsverbände getroffen, zwei Stunden Zeit nahm sich der Minister für die rund 40 Gesprächspartner aus der Wirtschaft. Eine Öffnungsstrategie für Handel und Dienstleister soll nun erarbeitet werden – doch gleich mehrere Spitzenverbände meldeten schon kurz nach dem Treffen erneuten Verbesserungsbedarf bei den Staatshilfen an.

Die Hilfen kommen kaum an

Denn die fließen nur zäh, wie Hilgers aus eigener Erfahrung weiß: Die November- und Dezemberhilfen hat er – im Gegensatz zu manchen seiner Kollegen – mittlerweile auf dem Konto. „Das Geld ist eigentlich schon wieder weg“, sagt Hilgers. Denn er muss noch zwei Monatsmieten nachzahlen, Versicherungen und das Finanzamt warten ebenfalls auf Geld. „Außerdem muss ich mir selber Gehalt überweisen“, erzählt Hilgers.

Dabei sollten Selbstständige genau darauf im Moment eigentlich nicht angewiesen sein. Die Bundesagentur für Arbeit hat den Zugang zu Sozialleistungen für Selbstständige wie Hilgers deutlich erleichtert. Doch der Familienvater profitiert von den Corona-Sonderregelungen nicht, weil seine Frau zu viel verdient – jedenfalls auf dem Papier, wie Hilgers betont. „Beim Antrag wird ihr Gehalt aus dem vergangenen Jahr zugrunde gelegt, dabei ist sie gerade in Elternzeit.“

Und so fällt die Familie durch das soziale Netz, das die Bundesregierung angesichts der grassierenden Pandemie gesponnen hat. Stattdessen helfen Eltern und weitere Verwandte mit kleinen Zahlungen aus. „Wir leben so sparsam, wie es nur geht“, sagt Hilgers. Doch das Haus muss abbezahlt werden, die Miete für das Geschäft fällt weiterhin an und obendrein müssen ja auch Versicherungen bezahlt werden. Lange gehe das nicht mehr gut, meint Hilgers: „Wir müssen unser Haus verkaufen.“

Viele Tätowierer protestieren

Trotzdem gehört der Tätowierer nicht zu denen, die den Lockdown grundsätzlich infrage stellen. Stattdessen merkt man im Gespräch, wie zerrissen der Familienvater ist. „Als gelernter Intensivpfleger weiß ich ja, worum es geht“, sagt Hilgers über die Pandemie. Auch in seiner Familie habe es schon Corona-Fälle gegeben.

„Meine Tante hat drei Monate kämpfen müssen“, so Hilgers. Doch zugleich ist er überzeugt, dass das Ansteckungsrisiko in Tätowierstudios beherrschbar ist. Er habe meist nur einen Kunden pro Tag „und dessen Kontaktdaten kann ich vorab aufnehmen und auch nachfragen, ob es Corona-Symptome gibt“.

„Deswegen wächst bei uns das Unverständnis, dass wir nicht öffnen dürfen“, sagt der Tätowierer, der sich mittlerweile mit Kollegen zusammengetan hat. Unter dem Hashtag #ihrmachtunsnackt posten sie Bilder ihrer meist üppig verzierten Körper – und appellieren an die Politik, ihnen stärker unter die Arme zu greifen und vor allem die als „Neustarthilfen“ angekündigten Gelder für Januar und Februar schnellstmöglich auszuzahlen.

Hilgers will vielleicht aufgeben

Das soll nun anlaufen, hat Wirtschaftsminister Altmaier kurz vor dem Wirtschaftsgipfel angekündigt. „Ein Lichtblick, wenn es denn funktioniert“, sagt Hilgers dazu – und ärgert sich trotzdem über Altmaier und dessen Kabinettskollegen, Finanzminister Olaf Scholz (SPD). „Als ich gehörte habe, wie der Wirtschaftsgipfel ablaufen soll, musste ich lachen.“

Er wünscht sich stattdessen, dass sich ein Politiker Zeit nimmt und ausführlich erklärt, warum die Hilfen so lange auf sich warten lassen und warum lange Zeit nur Betriebs- aber keine Lebensunterhaltskosten erstattet wurden. „Was denken die denn, wovon wir unseren Lebensunterhalt bestreiten?“

Hilgers denkt nun darüber nach, sein Geschäft vorerst aufzugeben. „Aber das fällt mir extrem schwer, ich habe das immerhin über zehn Jahre lang aufgebaut.“ Was er stattdessen machen könnte, weiß er noch nicht – nur, dass eine Rückkehr in die Krankenpflege aufgrund von Vorerkrankungen seiner Frau nicht infrage kommt. Stattdessen überlegt Hilgers, im Betrieb seines Vaters einzusteigen. Der ist Gärtner und kann trotz Pandemie arbeiten.

RND

Der Artikel "Tätowierer über Lockdownfolgen: „Wir müssen unser Haus verkaufen“" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland

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