Zukunftsangst bei Jugendlichen

Studie: Jeder und jede zweite Jugendliche hat in der Pandemie Zukunftsängste

Keine Hobbys, keine Partys, kein Präsenzunterricht: In der Pandemie sind Jugendliche dazu gezwungen, auf vieles zu verzichten. Sorgen bereitet vielen vor allem ihre Ausbildung.
Niedersachsen, Hannover: Menschen genießen am Abend das Frühlingswetter im Ihmepark. In der Corona-Pandemie fehlt es Jugendlichen einer aktuellen Studie zufolge an Perspektiven. © picture alliance/dpa

Seit rund einem Jahr infiziert das Coronavirus den Alltag: Kontakt­beschränkungen, fehlender Mannschaftssport und begrenzte Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung stehen auf der Tagesordnung. Heranwachsende trifft das in vielen Fällen hart. Doch neben aller Frustration über die langweilige alltägliche Routine und die ausbleibenden Partynächte macht sich vor allem eines breit: Angst um die Zukunft.

Schülerinnen und Schüler befinden sich im Distanz- oder Wechselunterricht, damit sind Schulausfälle sowie mangelnde digitale Unterrichtsangebote verbunden. Auch ihre Abschlussprüfungen schreiben sie in einer Ausnahmesituation. Viele von ihnen sorgen sich deshalb um die eigenen Studien- und Berufsaussichten. Einer aktuellen Umfrage der Betriebskrankenkasse Pronova BKK nach geht jeder und jede zweite junge Erwachsene davon aus, wegen der Pandemie künftig deutliche Nachteile im Berufsleben zu haben.

Etwa die Hälfte der im Rahmen der Studie „Generation Corona“ befragten 1000 Menschen im Alter von 16 bis 29 Jahren begründete das mit der Annahme, mittlere Reife, Abitur und Bachelorabschluss würden trotz aller Anstrengung nicht so anerkannt wie sonst.

Erschwerte Suche nach Praktika, Jobs, Ausbildungs- und Studienplätzen

Nicht nur wegen der Ausnahme­abschlüsse, sondern auch wegen der eingeschränkten Suchmöglichkeiten nach Ausbildungs- oder Studienplätzen, Praktika und Jobs haben es Jugendliche in der Krise schwerer. Ganze Branchen fallen als Arbeitgeber weg, andere stecken in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Rund 25 Prozent der Befragten gaben deshalb an, die Pandemie hätte ihnen die Chance auf ein Praktikum, einen Studienplatz oder einen neuen Job genommen.

Eine Möglichkeit, das nachzuholen, gibt es oftmals nicht. Hiervon sind vor allem die Jüngsten, die in dieser Lebensphase eigentlich wertvolle Berufserfahrung sammeln, der Umfrage nach betroffen: 43 Prozent der Schülerinnen und Schüler mussten nach eigenen Angaben auf Praktika oder Ähnliches verzichten. Unter den Studierenden konnten 33 Prozent ihren Job während oder nach dem Studium nicht antreten.

Fehlende Orientierung gleich fehlende Motivation?

Schulische Berufs­informationen, Schnuppertage und Praktika spielen bei der Berufswahl oftmals eine große Rolle: Selbst wenn ein paar Wochen in einem Job beweisen, dass eine bestimmte Branche keineswegs infrage kommt, ist auch das eine Erkenntnis. Mehr als die Hälfte der Befragten gab daher an, durch das eingeschränkte Angebot weniger Möglichkeiten zu haben, sich umzusehen und zu orientieren.

„Zudem fehlt in der Krise oft der Austausch mit Gleichaltrigen“, heißt es seitens Gerd Herolds, eines Beratungsarztes bei der Pronova BKK. „Das Gefühl, ohnehin benachteiligt zu sein, nimmt den jungen Menschen derzeit oftmals die Motivation, aktiv die berufliche Zukunft anzugehen.“

Die Sorge um die Zukunft wirkt sich daher auch auf ihre Planung aus. 33 Prozent der Umfrage­teilnehmerinnen und Umfrageteilnehmer, darunter vor allem Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger, haben der Auswertung nach keine Lust mehr, Pläne zu schmieden. Etwa ein Drittel von ihnen ging noch einen Schritt weiter und verabschiedete sich ganz von seinen Vorstellungen. Wer dagegen noch Konzepte für die Zukunft hat, ist sich der Umsetzung oftmals nicht sicher – diese Aussage traf etwa jeder und jede dritte Befragte.

Jobverluste in der Corona-Krise: Auch bei Jugendlichen keine Seltenheit

Dass ein Praktikumsplatz, eine Lehre oder ein Studium nicht zwangsläufig Sicherheit bedeutet, mussten 24 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer am eigenen Leib erfahren: Sie gaben an, in einer beruflichen Orientierungsphase ihren Job verloren zu haben. Und auch andere mögliche Lebensentwürfe fallen in der Corona-Krise weg: 14 Prozent aller Befragten haben vor der Pandemie geplante Auslands­aufenthalte aufgeben müssen.

Zudem gaben rund 12 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an, anlässlich der Krise ihren festen Job verloren zu haben. Betroffen waren laut Auswertung vor allem junge Eltern. Ein Grund ist womöglich die Kombination von Homeoffice, Homeschooling und Haushalt: Sie setzt Eltern in Zeiten der Corona-Krise massiv unter Druck.

Hilferufe von Kindern und Jugendlichen nehmen in der Pandemie zu

Die Analyse der Pronova BKK zeigt auch: Der Druck in der jungen Generation wächst grundsätzlich. Mehr als die Hälfte der unter 30-Jährigen fühlt sich demnach häufiger traurig oder depressiv als noch vor einem Jahr. 52 Prozent klagen über innere Unruhe. Vor allem junge Frauen zeigen sich derzeit öfter traurig – betroffen sind laut Auswertung 63 Prozent. Ihnen fehlt der persönliche Kontakt, die herzliche Umarmung.

Es ist eine Entwicklung, die mehrere Studien bestätigen. Fast jedes dritte Kind im Alter zwischen sieben und 17 Jahren zeige inzwischen psychische Auffälligkeiten, berichtet etwa die Hamburger Copsy-Studie. Risikofaktoren seien ein geringes Bildungsniveau und begrenzter Wohnraum.

Deutschlandweit haben Fachleute festgestellt, dass deutlich mehr Kinder und Jugendliche zur Behandlung in psychiatrische Kliniken kommen. So zeigt eine Auswertung der Krankenkasse DAK, dass sich in Berlin im ersten Halbjahr 2020 die Psychiatrie­einweisungen junger Menschen fast verdoppelt haben. Im ersten Halbjahr 2019 wurden danach 22 junge Leute bis 17 Jahre wegen depressiver Episoden in Klinikpsychiatrien behandelt. In den ersten sechs Monaten 2020 waren es 39.

Medizin­ethikerin: „Die junge Generation hat jetzt Solidarität der Gesellschaft verdient“

Gerade auch vor diesem Hintergrund fordert die Medizin­ethikerin Christiane Woopen: „Die junge Generation hat jetzt die Solidarität der Gesellschaft verdient, damit sie möglichst schnell wieder ein normales Leben führen kann.“ Das heißt für die Vorsitzende des Europäischen Ethikrates, dass die Impfmobile nicht nur sozial benachteiligte Viertel, sondern auch Schulhöfe und Uni-Campusse ansteuern sollten oder dass die Impfzentren gezielt für 16- bis 25-Jährige sowie für Eltern jüngerer Kinder öffnen.

Die von Bundes­gesundheits­minister Jens Spahn (CDU) angekündigte Aufhebung der Impf­priorisierung zum 7. Juni sieht Woopen kritisch: „Wenn ein so wertvolles Gut wie Impfstoff knapp ist, dann sollte dessen Verteilung nach Kriterien der Gerechtigkeit erfolgen und nicht einem freien Wettrennen überlassen werden.“ Denn das dürfte jenen zugutekommen, die den besten Zugang und die besten Verbindungen haben. Die Jungen sind das in aller Regel nicht.

Anders sieht es der Bonner Virologe Hendrik Streeck. Er unterstützt die Entscheidung von Spahn: „Die Unterschiede, die wir jetzt noch haben, sind nicht mehr so groß, als dass sie eine Priorisierung rechtfertigen würden“, ist seine Überzeugung. Die Gerechtigkeitsdebatte sei gut und richtig, betont er. „Mein Fokus wäre aber ein anderer: Wir sollten so schnell impfen, dass sich die Frage bald gar nicht mehr stellt. Wenn die Infektionszahlen weiter so sinken wie zurzeit, dann werden sowieso bald viele von uns ihre Grundrechte zurückhaben, ganz egal, ob sie geimpft sind oder nicht.“

Der Artikel "Studie: Jeder und jede zweite Jugendliche hat in der Pandemie Zukunftsängste" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland
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