Bundestagswahl 2021

Söder, Habeck, Schröder, Merkel – vom Umgang mit Niederlagen

Der Traum der Kanzlerkandidatur ist für die Partei-Chefs Habeck und Söder in dieser Woche vorerst geplatzt. Verlieren gehört zum Alltag in der Politik – ein Rückblick auf historische Niederlagen.
Robert Habeck, Parteivorsitzender der Grünen, hat im innerparteilichen Machtkampf verloren. © dpa

Es gibt unterschiedliche Wege, Niederlagen zu verarbeiten. Man kann abtauchen, sich zum heimlichen Gewinner erklären oder seinen Schmerz herausschreien. Das gilt im Privaten, aber eben auch in der Politik.

Zwei Spitzenpolitiker mussten in dieser Woche zurückstecken: CSU-Chef Markus Söder und der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck mussten Armin Laschet und Annalena Baerbock im Rennen um die Kanzlerkandidatur ihrer Parteien an sich vorbeiziehen lassen. Niederlagen gibt es in der Politik ständig. Ein Überblick über besonders eindrucksvolle Beispiele aus der deutschen Politik.

Rausschreien – Robert Habeck

Der Grünen-Chef verarbeitet seine Niederlage in einem Interview kurz nach der Kandidatenkür. Er spricht von einer „persönlichen Niederlage“. „Nichts wollte ich mehr, als dieser Republik als Kanzler zu dienen“, sagt er der „Zeit“. Die Frage, ob auch bei den Grünen zwei Züge aufeinander zugerast seien, weist er nicht zurück, sondern schweigt nur.

Die Grünen haben ihre Kanzlerkandidatin ernannt: Annalena Baerbock. © dpa © dpa

Ganz so harmonisch, wie die Inszenierung der Grünen es vermitteln wollte, war der Prozess zwischen Habeck und Baerbock also nicht gewesen. Habeck zeigt Verletzlichkeit, das ist ungewöhnlich in der Politik, wo auch Verlierer sich oft noch ein Lächeln abringen. Es passt zu der Ankündigung der Grünen-Spitze, einen neuen Stil in der Politik prägen zu wollen.

Seine neue Rolle definiert Habeck selbst: Nummer zwei im Team und der Mann hinter den Kulissen, der die Regierungsübernahme vorbereitet. „Die Bühne gehört Dir“, sagt er Baerbock in einem gemeinsamen Auftritt. Zumindest in dem Interview verzichtet er auf ein Lob der Siegerin.

Fäuste ballen – Markus Söder

Verbissen hat CSU-Chef Markus Söder um die Unions-Kanzlerkandidatur gekämpft, erst in einem monatelangen Fernduell, zum Schluss in einem mehrtägigen Showdown, der die Schwesterparteien entzweit und Gräben innerhalb der CDU aufreißt.

Auf einen gemeinsamen Auftritt mit dem Sieger Armin Laschet verzichtet Söder. Aus der Ferne gesteht er ihm die Kandidatur zu und versichert seine Unterstützung. Er sei ganz „ohne Groll“, versichert Söder. Aber dennoch betont er vor allem, wie groß sein eigener Fanclub in der Union gewesen sei: Die Jungen, die Modernen, die Mutigen hätten an einer Seite gestanden.

CSU-Chef Markus Söder wollte gerne Kanzlerkandidat der Union werden. © dpa © dpa

Kein Wort des Lobes für Laschet kommt ihm über die Lippen. Sein Generalsekretär preist Söder als „Kanzlerkandidat der Herzen“. Der wahre Sieger, soll das heißen, kommt aus Bayern. Es ist eine freundlich vorgetragene Misstrauenserklärung. Ein Akzeptieren einer Niederlage sieht anders aus.

Abtauchen – Andrea Nahles

Andrea Nahles hat im innerparteilichen Machtkampf in der SPD hoch gepokert, als sie im Mai 2019 entscheidet, die Wahl zur Fraktionsvorsitzenden vorziehen zu wollen. Zu hoch. In einer denkwürdigen Fraktionssitzung hagelt es Kritik – nicht zuletzt an ihrem als wenig überzeugend empfundenen öffentlichen Auftreten.

Nahles zieht die Reißleine und tritt als Partei- und Fraktionschefin zurück. Die Rheinland-Pfälzerin, von vielen in der Fraktion damals als zu autoritär beschrieben, erweist sich als sehr gute Verliererin. Denn sie beweist eine Selbstbeherrschung, die vielen ihrer ausschließlich männlichen Vorgänger fehlte.

Andrea Nahles wirkt nach ihrem Rückzug aus der Politik wie abgetaucht. Andere Ex-SPD-Vorsitzenden belehren ihre Nachfolger lieber. © dpa © dpa

Nahles verlässt die Politik und klagt nicht – obwohl ihr durch den von vielen Beobachtern als brutal empfundenen Sturz im Abgang mehr öffentliche Sympathien zukommen als jemals in ihrer kurzen Zeit als Parteichefin. Sie kritisiert auch ihre Nachfolger nicht. Sie taucht einfach ab.

Aufbrausen – Sigmar Gabriel

Ein Paradebeispiel für den polternden, aufbrausenden Verlierer ist Sigmar Gabriel. Er hat nach unglücklichen Jahren als Parteivorsitzender endlich seinen Traumjob gefunden: den des Außenministers. Auch die Umfragewerte stimmen.

Dann – als es nach der Bundestagswahl 2017 nach langem Gezerre doch auf eine große Koalition hinausläuft – entscheidet der damalige SPD-Chef Martin Schulz, dass er sich das Amt des Außenministers lieber selbst greifen will.

Gabriel zürnt. Er sieht sich von Schulz hintergangen. „Du musst nicht traurig sein, Papa, jetzt hast Du doch mehr Zeit mit uns. Das ist doch besser als mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht“, zitiert er seine Tochter in einem Interview. Das finden viele in der SPD so daneben, dass Gabriel nur noch wenig Unterstützung hat, als Schulz kurz darauf als Parteichef stürzt. Außenminister wird keiner der beiden.

Verdrängen – Gerhard Schröder

Es ist möglicherweise der Auftritt, der von Bundeskanzler Gerhard Schröder am deutlichsten in Erinnerung bleiben wird: Am Abend der Bundestagswahl 2005 landet seine SPD auf dem zweiten Platz hinter der Union und ihrer Spitzenkandidatin Angela Merkel.

Schröder erklärt sich in der abendlichen Elefantenrunde der Spitzenkandidatin dennoch zum Sieger, es sei absurd zu glauben, dass Merkel Kanzlerin werden könne. Seine Begründung: Die SPD habe deutlich besser abgeschnitten, als die Umfragen vorhergesagt haben, die Union deutlich schlechter. Niemand außer ihm selber könne eine stabile Regierung bilden.

Ein paar Wochen später wird Angela Merkel als Bundeskanzlerin vereidigt, ihr Koalitionspartner ist die SPD. Schröder erklärt seinen Rückzug aus der Politik. Er hat mittlerweile eingeräumt, sein TV-Auftritt sei „suboptimal“ gewesen und Merkel auch ab und an mal gelobt.

Abwarten und wiederkommen – Angela Merkel

Angela Merkel zieht früh die Reißleine: Im Januar 2002 fährt sie nach Wolfratshausen. Frühmorgens schaut sie zuhause beim damaligen CSU-Chef und bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber vorbei. Beim „Wolfratshauser Frühstück“ trägt sie ihm die Unions-Kanzlerkandidatur an.

2002 zieht Merkel (CDU) ihren Anspruch auf die Kanzlerkandidatur zurück und lässt Edmund Stoiber (CSU) scheitern. © picture-alliance / dpa/dpaweb © picture-alliance / dpa/dpaweb

Wochenlang haben die Ministerpräsidenten der CDU da schon gegen sie Stimmung gemacht, die K-Frage zermürbt die Schwesterparteien. Merkel zieht zurück. Stoiber scheitert spektakulär: Am Abend der Bundestagswahl im Herbst sieht er sich bereits als Sieger, am nächsten Morgen hat dann doch die SPD die Nase vorn.

Bei der nächsten Bundestagswahl 2005 tritt Merkel an. Als das Wahlergebnis schwächer ausfällt als prognostiziert und die Ministerpräsidenten sich wieder zum Meutern sammeln, hat sie gelernt und kann ihre Position behaupten. Sie wird Kanzlerin und bleibt es für die nächsten 16 Jahre.

RND

Der Artikel "Söder, Habeck, Schröder, Merkel – vom Umgang mit Niederlagen" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland

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