Coronavirus

Mode im Corona-Jahr – zum Wegwerfen?

Der Handel sitzt auf einem Berg von einer halben Milliarde unverkaufter Modeartikel – viele davon könnten vernichtet werden. Die Umweltorganisation Greenpeace will dagegen klagen.
Die Ständer hängen voll, die Läden sind leer: Bei den Händlern stapelt sich im Lockdown die Ware. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Die Winterkollektion 2020/21 hängt wie Blei an den Ständern. In den Läden und Lagern stapelt sich die Winterkleidung – die Regale quellen über. Das Geschäft mit der niemals versiegenden Begierde nach Neuem funktioniert in Zeiten von Homeoffice und Kontaktbeschränkungen nicht.

Nach Schätzungen der Handelsverbände Textil (BTE), Schuhe (BDSE) und Lederwaren (BLE) türmt sich im stationären Handel bis Ende Januar ein Berg von einer halben Milliarde unverkaufter Modeartikel auf. Die Branche sieht ein „gewaltiges Warenproblem“ – ganz zu schweigen von dem Verlust Tausender Geschäfte und Zehntausender Jobs allein im stationären Modehandel.

Greenpeace will die Vernichtung von Kleidung notfalls per Klage stoppen

Ist der Lockdown irgendwann zu Ende, könnte auch die Zeit für Daunenjacken und Winterstiefel vorbei sein. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace befürchtet nun, dass der riesige Berg an unverkaufter nagelneuer Kleidung – insbesondere von den Handelsriesen – komplett verbrannt oder geschreddert wird. Die Umweltschützer wollen mit einer Eilaktion die große Vernichtung verhindern.

Dazu haben sie bundesweit an rund 130 deutsche Abfallbehörden sowie den zuständigen Landesumweltministern Briefe geschickt mit der Aufforderung, die infrage kommenden Modehändler und -hersteller auf drohende Gesetzesverstöße hinzuweisen und ihnen Konsequenzen anzudrohen, wenn sie ihre Ware vernichten lassen. Wird der Aufforderung nicht nachgekommen, will Greenpeace notfalls klagen. Die den Behörden gesetzte Frist dafür läuft zu Wochenbeginn aus.

Grundlage der Forderung ist die im Oktober neu eingeführte Obhutspflicht des Kreislaufwirtschaftsgesetzes. Damit hat der Staat erstmals rechtliche Handhabe gegen die Vernichtung von Neuwaren oder Retouren. Die Pflicht stärkt die Produktverantwortung von Herstellern und Händlern. Sie müssen künftig Produkte beim Vertrieb möglichst gebrauchstauglich halten, anstatt sie aus wirtschaftlichen Motiven wegzuwerfen, heißt es dazu aus dem Umweltbundesministerium.

Die Regelung zu diesem „Vernichtungsverbot“ liegt in den Grundzügen vor und müsse nach Auffassung vieler Experten durch konkrete Verordnungen ergänzt werden. Das sieht Greenpeace anders: „Wir sind uns sicher, dass die Verordnung schon jetzt so umgesetzt werden kann“, sagt Greenpeace-Konsumexpertin Viola Wohlgemuth dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Mode ist zu verderblicher Ware geworden

Doch auch wenn die Vernichtung gestoppt wird, der Kleiderberg bleibt hoch. Daran werden auch Rabattaktionen wenig ändern. Ginge es nach Greenpeace, könnte eine Andienungspflicht – also eine Weitergabe gebrauchsfähiger Produkte an eine Sammelstelle – hier Abhilfe schaffen. Doch für eine solches Unterfangen wäre eine gesetzliche Grundlage erforderlich, weil in Eigentumsrechte eingegriffen wird.

Die Branche müsste eigene Konzepte entwickeln und notfalls Produkte so lange lagern, bis eine Lösung gefunden ist, so Greenpeace. „Im Moment hoffen wir noch, einiges an Ware zu verkaufen“, sagte ein Sprecher des Handelsverbands Textil (BTE) kürzlich der „Welt“.

Mode ist eine verderbliche Ware geworden. Und genau hier liegt ein Problem. Noch nie haben die Deutschen so viel Kleidung besessen: Seit dem Jahr 2000 hat sich der Konsum verdoppelt, von 50 auf rund 100 Milliarden neu gekaufter Stücke. Gleichzeitig sind die Ausgaben für Bekleidung gesunken und die Tragezeit hat sich halbiert. Durch ständig wechselnde Kollektionen wird das Konsumverhalten stark beeinflusst. Was heute modern ist, kann morgen schon out sein.

52 Mikrokollektionen im Jahr, um den Konsum anzutreiben

„Die Fashionriesen haben teilweise bis zu 52 Mikrokollektionen im Jahr“, sagt Wohlgemuth. Neues gibt es im Wochentakt. Das Phänomen hat einen Namen: „Fast Fashion“. Mittlerweile gibt es sogar den Trend „ultrafast“, das heißt, die Kollektionen werden noch öfter gewechselt, um den Konsum anzutreiben. Einer Studie von Greenpeace zufolge besitzt jeder Erwachsene in Deutschland im Schnitt 95 Kleidungsstücke – Unterwäsche und Socken nicht mitgerechnet. Rund 60 Teile kommen jedes Jahr dazu.

Die Kollektionen aus dem Corona-Jahr sind zu Ladenhütern geworden – könnte sie nicht 2021 erneut getragen werden? „Das funktioniert nicht“, sagt Claudine Brignot, Designerin und Professorin für Modemarketing in Berlin, dem RND. „Wenn die Kollektionen schon einmal kommuniziert wurden, erwarten die Kunden etwas Neues.“ Trotzdem sieht sie derzeit Bewegung auf dem Modemarkt. Viele Bereiche würden ins Digitale abwandern, „sodass Kunden ihre Konsumwünsche dort ausleben“.

„Eine Bewusstseinsänderung ist zu beobachten“

Außerdem würden Marken ihre Kollektionen verkleinern und mehr auf die Nische setzen. „Eine Bewusstseinsänderung ist zu beobachten, Kunden überlegen sich genauer, wofür sie ihr Geld ausgeben und achten auf Nachhaltigkeit“, so Brignot. Dabei konsumierten ältere Kunden weniger als jüngere, bei denen der Statusdruck ein höherer sei. Doch auch Brignot sieht die Vernichtung von Kleidung mit Sorge und merkt an, dass dies durchaus kein Problem von Fast Fashion sei. „Auch High Fashion, also Markenware, wird jedes Jahr vernichtet – schon allein, um die Preise zu halten.“

Wegwerfen – das ist nicht nur für den Handel ein Thema. Auch überdurchschnittlich viele Privatleute haben in der Corona-Zeit ihren Kleiderschrank ausgemistet. Da viele Kleiderkammern und Secondhandläden aktuell geschlossen haben, landen Blusen und Co. im Container. Und auch die quellen über. Laut der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen zufolge gibt jeder Bundesbürger pro Jahr 16 Kleidungsstücke in die Straßensammlung oder in den Altkleidercontainer.

Billige Kunstfasern taugen nicht einmal mehr für Herstellung von Lappen

Ein Teil der Textilien landet sofort im Müll, der Großteil kommt in die Altkleidersammlung, ein Teil wird verkauft oder in osteuropäische oder afrikanische Länder exportiert. Rund die Hälfte der Stücke ist zum weiteren Tragen unbrauchbar und geht an Recyclingfirmen, wo aus den Fasern Putzlappen oder Dämmstoffe hergestellt werden. Ein kleiner Teil dient als Ersatzbrennstoff für Kohle oder geht in die Müllverbrennung.

Bislang ein lukratives Geschäft, doch das muss nicht so bleiben. Schon jetzt haben Textilrecycler und karitative Einrichtungen ein Problem: Die Qualität der Ware – insbesondere der Fast Fashion – hat in den vergangenen Jahren deutlich nachgelassen. Aus billigen Kunstfasern und minderwertigen Stoffe lassen sich oft nicht einmal mehr Putzlappen herstellen. Für Sortierbetriebe wird so der Altkleiderhandel zum Minusgeschäft. Und so werden deutschlandweit immer mehr Container abgebaut oder zumindest zeitweise stillgelegt.

Ab 2025 dürfen keine Altkleider mehr in den Hausmüll

Damit nicht genug. Neue Gesetze dürften das Entsorgungsproblem verschärfen. 2025 müssen europaweit und flächendeckend Alttextilien getrennt gesammelt werden, dürfen also nicht mehr im Restmüll geworfen und damit verbrannt werden. Die sowieso schon hohen Altkleiderberge werden mit der Umsetzung dieser EU-Richtlinie weiter wachsen und die Preise für Recycler damit sinken.

Für den Handel ist die Entsorgung von neuwertiger Kleidung immer noch billiger als sie zu spenden, weil eben dabei Umsatzsteuer anfällt. Das bestätigen eine Studie der Universität Bamberg. Es bleibt abzuwarten, wie sich das Kaufverhalten der Deutschen nach der Pandemie entwickelt – und was sich durchsetzt: nachhaltige oder schnelle Mode.

RND

Der Artikel "Mode im Corona-Jahr – zum Wegwerfen?" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland

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