Corona-Impfung

Mehr Schwangere mit Corona auf Intensivstation – Frauenärzte fordern neue Impfempfehlung

Ärzte fordern, dass Schwangeren eine Corona-Impfung empfohlen wird. Eine intensivmedizinische Behandlung bei an Covid erkrankten Schwangeren sei rund sechsmal häufiger notwendig als sonst.
Großbritannien und Österreich gehen bereits andere Wege – trotz unvollständig vorliegender Daten. © picture alliance/dpa

Theresa Bascher aus Hannover war in der 18. Schwangerschaftswoche, als sie bemerkte, dass ihre frisch gekauften Kaffeebohnen nach gar nichts rochen. Die Diagnose kam kurz danach. Bascher hatte sich mit Covid-19 infiziert. Auch ihren Mann und ihre dreijährige Tochter hatte sie mit dem Virus angesteckt.

Die 34-Jährige geht davon aus, dass sie sich auf der Arbeit angesteckt hat. Theresa Bascher ist nicht ihr richtiger Name, dem RND ist er aber bekannt. Sie ist Ärztin in einer Praxis, wollte noch allen Patientinnen und Patienten gerecht werden, bevor sie in den Mutterschutz ging, und sagte keine Termine ab. An ihrem drittletzten Arbeitstag muss sie sich angesteckt haben, sagt Bascher heute – und dass sie nach der Diagnose in Tränen ausgebrochen sei. „Ich habe mich so geärgert und mir Sorgen um das Kind gemacht“, berichtet sie. Mittlerweile geht es ihr und ihrer Familie gut, sie hat die Infektion überstanden.

Mehr Jüngere erkranken an Corona – damit auch Schwangere

Während der dritten Corona-Welle stecken sich laut RKI vermehrt jüngere Menschen mit dem Coronavirus an. Die Älteren sind teilweise schon geimpft. Unter den Infizierten sind auch schwangere Frauen, deren Erkrankung auch dramatischer als bei Theresa Bascher verlaufen kann. Frauen, die ein Baby erwarten – um die 30 Jahre alt und nicht vorerkrankt – müssen wegen Covid-19 auf Intensivstationen versorgt werden.

Am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) versorgten Teams in den ersten vier Monaten dieses Jahres sieben Schwangere wegen Covid-19 auf der Intensivstation. 2020 habe es dort hingegen nur einen Fall gegeben, berichtet das Krankenhaus. Das Problem: Wenn sich Schwangere mit Sars-CoV-2 infizieren, kann das riskant werden. Ihr Immunsystem sei generell etwas herabgesetzt und die Sauerstoffaufnahme reduziert, erklärte Stefan Kluge, der Direktor der Klinik für Intensivmedizin am UKE, jüngst und sprach sich dafür aus, deswegen auch Schwangere gegen das Coronavirus zu impfen. Mit zunehmender Virusverbreitung bei jüngeren Menschen und Kindern häuften sich auch solche, an sich seltenen Verläufe.

Frauenärzte sprechen sich für Impfung aus

„Eine Impfung aller Schwangeren wäre daher äußerst sinnvoll“, sagt auch Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte. Sein Verband und zehn weitere Fachverbände, darunter die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), empfehlen in einer Erklärung, die dem Redaktionsnetzwerk Deutschland vorliegt, Schwangeren prioritär eine Impfung mit mRNA-Impfstoffen anzubieten und auch stillenden Frauen ein entsprechendes Impfangebot zu machen. Sie fordern in der Erklärung außerdem, dass die Ständige Impfkommission (Stiko) ihre Empfehlungen für die Corona-Impfung von Schwangeren ändert.

Derzeit verweist die Stiko auf fehlende Studien zu dem Thema und rät nur in Ausnahmefällen, etwa bei bestimmten Vorerkrankungen, zur Impfung von Schwangeren. Auch nicht vorerkrankte Schwangere könnten sich zwar theoretisch impfen lassen, allerdings befürchten Ärzte, bei Komplikationen haftbar gemacht werden zu können, und lehnen eine Impfung daher häufig ab.

Stiko-Empfehlung aus Haftungsgründen wichtig

„Bei jeder Schwangerschaft sind Komplikationen möglich. Wenn diese während der Schwangerschaft in zeitlicher Nähe zu einer Impfung oder wenn andere Schäden auftreten, sind Patientinnen und impfende Ärztinnen und Ärzte durch eine Staatshaftung geschützt. Das gilt aber nur, wenn eine Impfempfehlung des RKI, der Stiko, von Bundes- oder Länderregierungen vorliegt“, sagt Albring. Eine alleinige Unterschrift einer gesunden Schwangeren unter ihrem Impfwunsch und der Aufklärung reiche nicht aus. Albring spricht sich des Weiteren dafür aus, Schwangere priorisiert zu impfen, falls die politischen Rahmenbedingungen dafür geändert würden.

„In informierter partizipativer Entscheidungsfindung und nach Ausschluss allgemeiner Kontraindikationen soll die mRNA-basierte Impfung gegen Covid-19 allen Schwangeren empfohlen und priorisiert ermöglicht werden, sobald das RKI, die Stiko, die Bundes- oder Länderregierung grünes Licht gibt“, so der Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte. Infrage sollen also vor allem die Mittel von Biontech/Pfizer und Moderna kommen.

Ihre Empfehlungen begründen die Fachverbände mit Studienergebnissen aus dem Ausland und aus Deutschland. Demnach werden bei infizierten Schwangeren im Vergleich zu Nichtschwangeren sechsmal häufiger eine intensivmedizinische Betreuung und eine Beatmung mehr als 23-mal häufiger notwendig.

Die Deutsche Gesellschaft für perinatale Medizin führt zudem seit rund einem Jahr ein Onlineregister über Schwangere in Deutschland, die coronapositiv getestet und in einem Krankenhaus betreut wurden. Rund ein Drittel der deutschen Geburtskliniken ist dort vertreten. Von knapp zweitausend dort erfassten an Covid-19 erkrankten Schwangeren landeten 78 auf der Intensivstation, 18 Neugeborene wurden nach der Geburt positiv auf Corona getestet.

Coronabedingte Todesfälle bei Schwangeren sind selten

Coronabedingte Todesfälle sind allerdings auch bei Schwangeren laut RKI selten. Auch die Wahrscheinlichkeit für einen schweren Krankheitsverlauf sei gering, wenn auch höher als bei nicht schwangeren Frauen im gebärfähigen Alter, schreibt das RKI in einem epidemiologischen Steckbrief über das Virus. Besonders sei, dass coronapositive Schwangere vergleichsweise seltener Symptome wie Fieber, Atemnot und Muskelschmerzen aufwiesen.

So verfahren andere Länder

In anderen Ländern wird längst ausdrücklich auch Schwangeren die Impfung gegen Covid-19 empfohlen, in der Regel mit mRNA-Impfpräparaten wie Biontech oder Moderna. In Israel hatten der Frauenärzteverband sowie das Gesund­heits­ministerium bereits im Januar eine Empfehlung zur Impfung schwangerer und stillender Frauen gegen das Coronavirus abgegeben. In dem Land gab es mehrere Todesfälle bei schwangeren Frauen sowie Totgeburten nach einer Corona-Infektion.

In den USA haben sich bereits mehr als 100.000 Schwangere impfen lassen. Studienergebnisse von dort deuten an, dass die Frauen die gegen das Virus gebildeten Antikörper an ihr Baby weitergeben. Die britische Impfkommission hat Mitte April ihre Empfehlungen geändert und rät Schwangeren nun, sich mit mRNA-Präparaten gegen Corona impfen zu lassen. Auch in Frankreich und Österreich sind schwangere Frauen nach dem dritten Monat impfberechtigt.

Nachdem Theresa Bascher ihre Corona-Infektion und die Quarantäne überstanden hatte, besuchte sie sofort ihre Frauenärztin. Diese konnte sie beruhigen. Mit dem ungeborenen Kind schien alles in Ordnung zu sein. Baschers Baby kommt in einigen Wochen. Für sie persönlich steht fest, dass sie sich nach der Geburt ihres Kindes so schnell wie möglich gegen das Coronavirus impfen lassen will.

RND

Der Artikel "Mehr Schwangere mit Corona auf Intensivstation – Frauenärzte fordern neue Impfempfehlung" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland
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