„Freiheit, Freiheit“ – Vor 100 Jahren wurde Sophie Scholl geboren

Sophie Scholl, Mitglied der Weißen Rose, wird heute quasi als Heilige verehrt. Doch sie hatte auch Widersprüche, Ecken und Kanten – nur so wird man ihrer Person und ihrem Vorbild gerecht.
Das undatierte Foto zeigt Sophie Scholl (geboren 9. Mai 1921), Mitglied der Weißen Rose. In Flugblättern prangerte die Widerstandsgruppe die Verbrechen der Nationalsozialisten an. Nach einer Flugblattaktion am 18. Februar 1943 wurden Scholl und andere verhaftet und zum Tode verurteilt. © picture-alliance / dpa

Als die Anklageschrift sie erreicht, nimmt Sophie Scholl ihren Bleistift zur Hand, dreht den Stapel Papier um, der ihren Tod bedeuten wird, und schreibt zwei Worte auf die Rückseite. Besser: Sie zeichnet sie. „Freiheit, Freiheit“ steht nun groß und verschnörkelt auf der Rückseite des Dokuments, auf dessen Grundlage Scholl wegen „landesverräterischer Feindbegünstigung, Vorbereitung zum Hochverrat, Wehrkraftzersetzung“ am 22. Februar 1943 durch den notorischen Richter Freisler zum Tode verurteilt wird.

Noch am gleichen Tag wurde sie durch das Fallbeil hingerichtet, gemeinsam mit ihrem Bruder Hans und dem Mitverschwörer Christoph Probst. Die Freunde Alexander Schmorell, Willi Graf und der Musikprofessor Kurt Huber wurden kurz darauf abgeurteilt und ebenfalls hingerichtet.

Die Weiße Rose – das waren nicht nur die Geschwister Scholl

Die Weiße Rose war zwar nicht die überregional vernetzte Widerstandsgruppe, die sie zu sein vorgab und für die sie die Gestapo streckenweise hielt – aber sie bestand aus weit mehr Mitgliedern als den Geschwistern. Dennoch sind es Sophie und Hans Scholl, die Schwester noch mehr als der Bruder, die zu den bekanntesten Widerständlern gegen das NS-Regime wurden, zu unumstrittenen, quasi heiligen Helden.

Sophie Scholls Büste steht in der Walhalla in Regensburg, man sieht dort ein rundes Gesicht ohne Ecken und Kanten mit braven halblangen Haaren. Sie wirkt unnahbar. Und genau davor warnt Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden: „Die mutigen Widerstandskämpfer der NS-Zeit wie perfekte Menschen darzustellen halte ich nicht für klug“, sagt er. „Denn perfekte Menschen gibt es nicht. Und wenn sie auf einen Sockel gestellt werden, taugen sie nicht mehr als Vorbild. Denn dann werden sie unerreichbar.“

Ernst wirkt Sophie Scholl auch auf dem ikonischen Foto, in Strickjacke und mit Margeritenblüte am Revers, zwischen Hans und Christoph Probst in Uniform. Ernst war auch der Anlass: Sophie verabschiedete an diesem Tag, dem 23. Juli 1942, am Münchner Ostbahnhof die Weggefährten als Sanitäter an die Ostfront. Die Weiße Rose hatte sich schon zuvor zusammengefunden, vier Flugblätter wurden verschickt. Hans versuchte die jüngere Schwester noch am Rand der Widerstandsaktivitäten zu halten.

Erst am Rand, dann im Kern der Weißen Rose

Doch während die Männer in Russland waren, bereitete Sophie weitere Aktionen vor, gehörte für die letzten Aktionen fest zum Kern der Gruppe. Am 9. Mai 1921, vor 100 Jahren, wurde Sophie Scholl in der kleinen fränkisch-württembergischen Stadt Forchtenberg geboren. Sie war das vierte Kind von Lina und Robert Scholl, Hans war das zweitälteste. Robert Scholl war Bürgermeister der Kleinstadt, ein liberaler, herrischer, korrekter Mann, das Gegenteil eines volksnahen Schultheißen. Er schloss Forchtenberg ans Straßen- und Eisenbahnnetz an und wurde dennoch 1930 schmachvoll abgewählt. Die Familie verließ den Ort, zog erst nach Ludwigsburg, dann nach Ulm.

Bildung, Religion, Liberalität und auch ein gewisses elitäres Verhalten gehörten zur Grundausstattung, die Sophie und ihre Geschwister aus diesem Haushalt mitnahmen. Aber auch Freiheit und Leidenschaft gehörten dazu. Wie alle Geschwister steht auch Sophie – die sich damals noch „Sofie“ schrieb – in Konkurrenz mit ihren Brüdern und Schwestern: „Die Brävste bin ich nicht, die Schönste will ich gar nicht sein, aber die Klügste bin ich immer noch“, soll sie gesagt haben, berichtet ihre Biografin Maren Gottschalk.

„Auch das ist ein Zug von Sophie Scholl: Sie hält sich für besonders schlau und damals vielleicht auch für schlauer als ihre Geschwister. Ein paar Jahre später wird sie sich für ihre Arroganz schämen“, schreibt Gottschalk.

Teils wurde sie als „Mannweib“ beschimpft

Im Band „Wie schwer ein Menschenleben wiegt“ (Verlag C.H.Beck) versucht sie eben jene Ecken und Kanten herauszuarbeiten, die das glatte Denkmal verschweigt. „Man muss auch nicht alles an Sophie Scholl sympathisch finden“, sagt Gottschalk. Sie gibt sich Mühe, das Bild der ernsten, der Quasiheiligen auseinanderzunehmen, zeigt das Mädchen, die Heranwachsende mit all ihren Sehnsüchten.

Voller Begeisterung tritt Sophie dem nationalsozialistischen Bund Deutscher Mädel (BDM) bei, übernimmt eine Anführerinnenrolle, die sie eher im Geiste der bündischen Jugend interpretiert: Körperliches Verausgaben, viele Lieder am Lagerfeuer, Abenteuergeschichten. Mit Kurzhaarschnitt und wenig mädchenhaftem Benehmen wurde sie stellenweise als „Mannweib“ beschimpft.

Sie will an ihre Grenzen gehen, sich spüren

In Ulm schwimmt Sophie mit einer Freundin in der Donau, zwischen den Pfeilern der Brücke, wo die Strömung am stärksten ist. Sie will sich spüren, an ihre Grenzen gehen, körperlich und geistig. Ab 17 unterhält sie eine Liebesbeziehung zum vier Jahre älteren Offiziersschüler Fritz Hartnagel. Sie sucht auch einen intellektuellen Sparringspartner und einen, der ihren tiefen christlichen Glauben teilt. „Wir haben alle unsre Maßstäbe in uns selbst, nur werden sie zu wenig gesucht“, schreibt sie an Fritz. „Vielleicht auch, weil es die härtesten Maßstäbe sind.“

Vom BDM und dem nationalsozialistischen Ideal der „Volksgemeinschaft“ hat sie sich da längst desillusioniert abgewandt. Wie und wann sie genau zur Nazi-Gegnerin wurde, bleibt im Dunkeln. Berichte über den Krieg, das Morden im Osten, die Judenvernichtung spielten eine zentrale Rolle. Am 18. Februar 1943 gingen Hans und Sophie Scholl mit einem rotbraunen Koffer ins Hauptgebäude der Universität in München.

Sie legten das sechste Flugblatt vor den Hörsälen aus und auf die Balustrade im zweiten Stock. Sophie – hier ein letztes Mal die übermütige Sophie – gab dem Stapel einen Schubs, die Flugblätter segelten in den Innenhof, der Hausmeister entdeckte die Geschwister, schrie: „Ich verhafte Sie!“

Opfer verquerer Vergleiche

Sophie Scholl ist heute auch Opfer verquerer Vergleiche. Am 1. Mai demonstrierten „Querdenker“ in Weimar und legten weiße Rosen vor dem Amtsgericht nieder. Weiße Rosen – natürlich spielten die „Querdenker“ damit auf die Geschwister Scholl und an deren Widerstandsgruppe an. „Der Faschismus ist etabliert“, sagte „Querdenker“ Ralf Ludwig dazu. Jens-Christian Wagner, Leiter der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, reagierte eindeutig: „Ludwig und seine Mitstreiter sind, man kann es nicht anders sagen, notorische NS-Verharmloser“, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Bereits im Herbst rief eine 22-jährige „Jana aus Kassel“ in Hannover von der Bühne: „Ich fühle mich wie Sophie Scholl, da ich seit Monaten hier aktiv im Widerstand bin, Reden halte, auf Demos gehe, Flyer verteile und auch seit gestern Versammlungen anmelde“, sagte sie.

„Was für eine armselige Anmaßung“, schreibt die SPD-Bundestagskandidatin Derya Türk-Nachbaur danach auf Twitter. Der schiefe Vergleich und die anmaßende Vereinnahmung zeigen ja gerade die Macht des Gedenkens, die Präsenz des Namens Sophie Scholl und ihres Opfers – selbst in Opferneid und Selbstgleichsetzung.

RND

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