Coronavirus

Dr. Joseph Mercola – Der Arzt, dem die Querdenker vertrauen

Der US-Arzt Joseph Mercola behauptet, dass die Impfung gegen Covid-19 das Immunsystem schädigen könne. Seine Falschinformationen tragen zur Radikalisierung der deutschen Impfgegner-Szene bei.
Impfgegner berufen sich oft auf die scheinbar wissenschaftlich fundierten Aussagen von US-Arzt Joseph Mercola. Doch der gilt in den Staaten als skrupelloser Betrüger. © picture alliance/dpa

„Riesenskandal aufgedeckt: Covid-19-Impfung zerstört unser Immunsystem nachhaltig“ lautet die reißerische Überschrift eines „medizinischen Fachartikels“, der erstmals im November vergangenen Jahres in deutscher Sprache auf der in Russland gehosteten Website „Anonymousnews“ erschien.

Von dort aus verbreitete sich der Text rasant in den deutschsprachigen Ländern, wurde von Querdenkern vielfach bei Facebook, Twitter, Telegram, oder in E-Mails geteilt und erschien zudem im Querdenker-Portal „2020news“. Selbst Ärzte und Heilpraktiker vertrauen den Argumenten des Autors, der – scheinbar auf wissenschaftlichem Niveau – von jeglicher Impfung gegen die gefährliche Viruserkrankung Covid-19 abrät. Sein Name: Dr. Joseph Mercola.

Mehr als fragwürdige „Heilmethoden“

In den USA ist der 66-jährige Mercola kein Unbekannter. Seit Jahrzehnten agiert der publicityerfahrene Osteopath als einer der schärfsten Kritiker des anerkannten Gesundheitssystems. Laut „Washington Post“ unterstützt der vermögende Unternehmer zudem die Anti-Impf-Bewegung in den USA mit Millionenbeträgen. Doch viele der von ihm selbst empfohlenen „Heilmethoden“ sind mehr als fragwürdig:

So bot er etwa über seine Website Wärmebildkameras zum Kauf an, wie sie in der Gebäudetechnik zum Einsatz kommen. Damit sei die Früherkennung von Brustkrebs „präziser möglich als durch eine herkömmliche Mammographie“, behauptete Mercola. Die angesehene American Cancer Society widersprach Mercola in aller Deutlichkeit: Die Wirksamkeit eines Thermografie-Screenings zur Früherkennung von Brustkrebs sei durch keine einzige Studie bewiesen. Die US-Behörde für Lebens- und Arzneimittel (FDA) stoppte schließlich den Verkauf der Geräte, da die Gefahr bestand, dass krebsgefährdete Frauen sich in falscher Sicherheit wiegen.

US-Behörden haben Mercola schon seit Jahren im Blick

Im Jahr 2016 belegte die US-amerikanische Handelsaufsicht FTC den umtriebigen Arzt mit einem weiteren Verkaufsverbot. Grund: Er hatte Heimsolarien mit dem Versprechen angeboten, dass mithilfe von UV-Strahlen Falten verschwänden und sogar das Risiko von Hautkrebs gesenkt werden könne. Wissenschaftliche Studien belegen das Gegenteil. Laut „Chicago Tribune“ musste Mercola den getäuschten Käufern insgesamt 5,3 Millionen US-Dollar erstatten.

Mehrfach offerierte der geschäftstüchtige Arzt im Internet von ihm selbst angemischte Mixturen, die wahre Wunder versprachen: ein Leben ohne Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Infektionskrankheiten wie Covid-19. Dutzende Male mussten die Behörden aufgrund falscher Werbeversprechen einschreiten. Doch davon ließ sich der einfallsreiche Doktor nicht aufhalten. Bereits 2017 gab er sein Vermögen in einer eidesstattlichen Erklärung mit rund 100 Millionen US-Dollar an – genug, um die von den zuständigen Behörden verhängten Geldstrafen aus der Portokasse zu begleichen.

Experimente von Naziärzten sind Vorbild für gefährliche „Gesundheitstipps“

Ob fragwürdige „medizinische“ Geräte, vielversprechende Schönheitsprodukte oder angebliche Wundermittel – Mercolas stetig wachsende Geschäftsfelder werden laut einem Bericht der „Business Week“ von einer geschickt gemachten Werbestrategie begleitet, die mit allerlei irreführenden Fake News gegen das Gesundheitswesen wettert, Ängste schürt und ihn selbst als „Retter in der Not“ präsentiert.

Nach eigenen Angaben wird seine Website täglich von Millionen Usern in aller Welt aufgerufen, sein Newsletter hat demnach mehr als eine Million Abonnenten. Mit einem Geflecht aus digitalen Ratgebertexten, Produktionsstätten und Handelsfirmen, die er von seiner Luxusvilla in Cape Coral im US-Bundesstaat Florida – nicht weit vom Anwesen Donald Trumps – steuert, gehört Mercola zweifellos zu den erfolgreichsten Vermarktern sogenannter „alternativer“ Heil- und Lifestyleprodukte weltweit.

Auch die Corona-Pandemie beschert dem Naturheiltycoon große Aufmerksamkeit und kurbelt das lukrative Geschäft mit zahlreichen fragwürdigen Gesundheitstipps und Mittelchen weiter an: So empfiehlt Mercola auf seiner Webseite etwa die Selbstbehandlung mit der aggressiven Bleiche Wasserstoffperoxid, die eigentlich zur Desinfektion von Oberflächen gedacht ist.

Dabei beruft sich der Alternativheiler auf angeblich „gute Erfahrungen“, die deutsche Ärzte während des Naziregimes beim Einträufeln des ätzenden Stoffs in den Gehörgang von Grippekranken gemacht hätten. Mercola, der Covid-19 mit einer „starken Erkältung“ vergleicht, rät bei der Anwendung des Peroxids zur Eile: „Sie müssen in den ersten 24 Stunden mit der Behandlung beginnen, um einen signifikanten Einfluss auf die Verringerung der Dauer der Erkältung zu haben“.

Mercola gilt vielen Verunsicherten und Querdenkern als Quelle

Viele seiner Anhänger verbreiten die gefährlichen Ratschläge weiter. Auch Donald Trump empfahl im Frühsommer vergangenen Jahres, die Einnahme von Desinfektionsmitteln als eine Möglichkeit zur Vorbeugung gegen Covid-19 zu prüfen. Im blinden Vertrauen auf umstrittene „Experten“ wie Mercola oder auf einen so verantwortungslosen Politiker wie Trump vergifteten sich in der Folge mehr als ein Dutzend US-Amerikaner schwer. Mindestens vier von ihnen starben.

In Deutschland gilt Mercola vielen Verunsicherten und Querdenkern dennoch als verlässliche Quelle für angebliche „Fakten“, mit denen sich die gegen Covid-19 entwickelten Impfstoffe verteufeln lassen: „Diese Nachricht ist ein absoluter Hammer“, heißt es in zahlreichen Tweets zu einer der angeblich „wissenschaftlich“ belegten Schriften Mercolas. Und weiter: „Die Covid-19-Impfung wird unser Immunsystem nachhaltig zerstören“.

Die Staatsanwaltschaft Mainz lehnt Ermittlungen gegen deutschen Arzt und Mercola-Fan ab

Auch ein pensionierter Kinderarzt aus Mainz verlinkte Mercolas Anti-Impf-Tirade unkritisch in einer Rundmail an 87 Empfänger – darunter eine Heilpraktikerin im Rheinland, ein Kirchenvertreter im Westerwald und eine Amtsrichterin aus dem Ruhrgebiet. Wie ein Lauffeuer wurde die Mail ungeprüft weiterverbreitet. Garniert war der darin enthaltene Link zu dem vermeintlich „seriösen“ Mercola-Artikel mit gefährlichen Behandlungstipps bei Covid-19. Anlass für die Staatsanwaltschaft Mainz, zunächst eine strafrechtliche Prüfung des Vorgangs durchzuführen.

Mercolas heiklen „Alternativrezepten“ folgend, empfahl nämlich auch der Mainzer Arzt in seinen verschiedenen Mails beim Auftreten erster Covid-Symptome chemische Verbindungen wie Wasserstoffperoxid, Chlordioxid oder das hochentzündliche Natriumhypochlorit zur inneren Einnahme oder gar zur Infusion über die Venen.

Nach Auffassung des Infektiologen und Internisten Professor Christoph Stephan von der Uniklinik Frankfurt kann dies zu schweren inneren Verletzungen oder sogar zum Tod führen. Dennoch sieht die zuständige Staatsanwaltschaft nach Abschluss ihrer Prüfung keinen Grund, Ermittlungen gegen den Mainzer Arzt aufzunehmen. Wie eine Sprecherin gegenüber dem RND mitteilte, seien mit den „Empfehlungen“ des Arztes „keine Strafvorschriften erfüllt“.

Geschickte Mischung aus Halbwahrheiten und Falschinformationen

Der „Skandal“-Artikel über die Covid-19-Impfstoffe selbst stellt sich nach Auffassung erfahrener Fachärzte wie Christoph Stephan als geschickte Mischung aus Halbwahrheiten und Falschinformationen dar.

Dennoch gilt der Text nach dem erstmaligen Erscheinen einer deutschsprachigen Fassung auf dem russischen Server von „Anonymousnews“ vielen Impfgegnern als eine Art Bibel für ihre Auffassung, dass Impfen nichts anderes sei als ein Mittel zur Errichtung einer weltweiten Diktatur: „Bill Gates beabsichtigt, die Weltbevölkerung gegen Covid-19 zu impfen und diese dann durch digitale Überwachung zu verfolgen und zu überwachen“, twitterte Szenevordenker Mercola bereits im Mai letzten Jahres. Doch weder für seine Verschwörungstheorien noch für die angeblich mit einer Covid-19-Impfung verbundenen gesundheitlichen Schäden lieferte er stichhaltige Beweise.

Enge Kontakte zu Desinformationsquellen aus Russland

Allerdings überprüft in seiner internationalen Fangemeinde ohnehin kaum jemand, was der in den USA als Quacksalber und Impfgegner Nummer eins verschriene „Alternativarzt“ über das Coronavirus und die dagegen entwickelten Impfstoffe behauptet. Dabei reicht das Netzwerk des selbsternannten Aufklärers bis nach Russland: So erscheint etwa seine Website seit einigen Jahren auch in russischer Sprache. Russische Athleten wie Olympiaschwimmer Arkady Vyatchanin werben für Mercolas Produkte. Und eben auch das auf russischen Servern gehostete Querdenker-Portal „Anonymousnews“ veröffentlicht Mercolas krude Thesen gern.

Wer genau hinter „Anonymousnews“ steckt, weiß niemand. Das Portal enthält kein Impressum. Doch bei den Sicherheitsbehörden ist die Website nicht unbekannt: Laut Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) handelt es sich um ein Nachfolgeprojekt des sogenannten „Anonymous Kollektivs“.

Auf Anfrage des RND teilte BfV-Sprecherin Angela Pley dazu weiter mit: „Dieses beteiligte sich Anfang 2016 durch die Ausstrahlung eines russischen Fernsehbeitrages zum Fall Lisa als eine der ersten deutschsprachigen Internetseiten aktiv an der Verbreitung dieser russischen Desinformationskampagne“.

Der Fall „Lisa“ wurde seinerzeit zum Politikum: Das damals 13-jährige Mädchen aus Berlin-Marzahn behauptete zunächst, von drei „Südländern“ vergewaltigt worden zu sein. Russische Medien schürten diesen Verdacht selbst dann noch, als bereits ernsthafte Zweifel an der Geschichte aufkamen. Die Kampagne heizte die durch die Flüchtlingskrise äußerst angespannte politische Diskussion über Zuwanderung in Deutschland weiter an. In der Folge kam es zu mehreren brutalen Überfällen von Rechtsextremisten auf Ausländer.

Später stellte sich durch Auswertung von Handydaten und eine gerichtsmedizinische Untersuchung zweifelsfrei heraus, dass „Lisa“ ihre Geschichte frei erfunden hatte. Das „Anonymous Kollektiv“ hatte wesentlichen Anteil an der Verbreitung dieser Fake News.

Verbindung zu Rechtsextremist

Die „Süddeutsche Zeitung“ veröffentlichte im selben Jahr den Screenshot eines Facebook-Accounts, in dem ein polizeibekannter Rechtsextremist als Administrator des „Anonymous Kollektivs“ genannt wurde. Auch der Verfassungsschutz hält den Mann für einen der Initiatoren des „Anonymous Kollektivs“, das nicht mit der gleichnamigen Hackergruppe zu verwechseln sei.

Der mehrfach vorbestrafte Rechtsextremist wurde im März 2018 wegen eines internationalen Haftbefehls in Ungarn verhaftet und zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe wegen illegalen Waffenhandels verurteilt.

Das frühere AfD-Mitglied betrieb zuvor unter dem Namen Migrantenschreck einen Onlineshop für Hartgummigewehre mit 140-Jule-Hochdruck-Munition und rief dazu auf, gezielt auf Geflüchtete zu schießen (Hartgummiwaffen können bereits mit 7,5 Jule Mündungsenergie schwere oder gar tödliche Verletzungen verursachen). Zugleich verbreitete der Rechtsradikale rassistische und antisemitische Hetze und empfahl, Andersdenkende mit dem von ihm angebotenen Gewehr der Eigenmarke Antifaschreck unschädlich zu machen: „Machen Sie Ihrem Ärger Luft und nutzen Sie Antifaschreck AS125 als Meinungsverstärker.“

Falschinformationen tragen zur Radikalisierung bei

Seit Sommer 2018 wird der Internetauftritt des „Anonymous Kollektivs“ unter dem neuen Namen „Anonymousnews“ wieder regelmäßig aktualisiert – mit Ablegern in den sozialen Netzwerken VKontakte, Twitter und Telegram. „Inhaltlich bleiben die Veröffentlichungen ihrer bisherigen verschwörungstheoretischen, anti-amerikanischen, fremdenfeindlichen und rechtsextremistischen Ausrichtung treu“, sagt der Verfassungsschutz.

Aktuell werden auf „Anonymousnews“ Impfungen gegen Covid-19 als „skrupelloses Menschenexperiment“ bezeichnet, der Impfstoff selbst sei gar „potenziell tödlich“, fast jeder positive PCR-Test „falsch“. Nebenbei heizen gefakte Fotomontagen die Stimmung in der Querdenker-Szene emotional an: Gezeigt werden etwa Geflüchtete in Luxushotels, der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach mit Stasi-Emblem oder Angela Merkel mit Hitlergruß. In anderen Posts heißt es, die „Corona-Diktatur“ sei „nur der Anfang von Merkels Terrorregime“, das Kritikern die „Kinder wegnehmen“ wolle.

Dabei ist die Website kein Mauerblümchen im Sumpf rechtsradikaler Medien: Nach eigenen Angaben hatte „Anonymousnews“ bereits im Jahr 2017 rund 4,5 Millionen Besucher mit 13 Millionen Page Views. Auch die von Joseph Mercola auf dem Portal verbreiteten Falschinformationen tragen somit nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland zu einer zunehmenden Radikalisierung innerhalb der Impfgegnerszene bei.

Erst vor Kurzem warnte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder vor einem Klima, das den Boden für terroristische Gruppen bereiten könnte. Schon vor Jahren prahlte „Anonymousnews“: „Unsere Kriegskasse ist dank zahlloser Unterstützer prall gefüllt. Erwartet uns!“

RND

Der Artikel "Dr. Joseph Mercola – Der Arzt, dem die Querdenker vertrauen" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland

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