Tourismus

Diskussion um Reisestillstand: Wie viel reisen die Deutschen gerade wirklich?

Die Bundesregierung prüft aus Sorge vor den Coronavirus-Mutationen stärkere Beschränkungen im Flugverkehr. Aber: Wie viele Menschen sind aktuell überhaupt noch unterwegs?
Nur wenige Deutsche machen aktuell Flugreisen. © picture alliance/dpa/AP

Die Bundesregierung prüft zur Eindämmung des Coronavirus weitere Beschränkungen für Reisende. „Die Gefährdung, die von den zahlreichen Virusmutationen ausgeht, verlangt von uns, dass wir auch drastische Maßnahmen prüfen und in der Bundesregierung diskutieren“, sagte Bundesinnenminister Horst Seehofer der „Bild“-Zeitung. Dazu gehörten „deutlich schärfere Grenzkontrollen, besonders an den Grenzen zu Hochrisikogebieten, aber auch die Reduzierung des Flugverkehrs nach Deutschland auf nahezu null, so wie Israel das derzeit auch macht“.

Das Blatt berichtet weiter, Bundeskanzlerin Angela Merkel habe Seehofer am Wochenende angerufen und um die Erarbeitung mehrerer Szenarien gebeten. Sie soll in einer internen Fraktionssitzung zudem die Auslandsreisen vieler Deutscher kritisiert haben. „Weihnachten sind 50.000 auf die Kanaren und die Malediven geflogen“, soll Merkel laut „Bild“ gesagt haben.

Kanaren, Malediven und Karibik trotz Corona-Pandemie beliebt

Fest steht: Aktuell heben viel weniger Flugzeuge ab als in normalen Jahren: Im Dezember wurden am Frankfurter Airport insgesamt nur 891.925 Passagiere abgefertigt – das ist ein extremer Rückgang von 81,7 Prozent zum Vorjahresmonat. Die Daten des Flughafens zeigen aber auch, dass Fernreiseziele vom Einbruch der Passagierzahlen weniger betroffen sind.

„Trotz umfassender Reisebeschränkungen erzielten auch saisonale Winterurlaubsreiseziele wie die Kanaren, einzelne Karibikinseln oder die Malediven überdurchschnittliche Ergebnisse“, heißt es dahingehend vom größten deutschen Airport in seinem aktuellen Monatsbericht zur Verkehrsentwicklung.

Halb so viele Flüge auf die Kanaren

Die Kanaren verzeichneten ein vergleichsweise geringes Minus von 60,3 Prozent, die Malediven nur minus 47,9 Prozent und Costa Rica nur minus 45,4 Prozent. Das teilte der Frankfurter Flughafen auf Nachfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) mit.

Am Flughafen München sind die Flugbewegungen im Dezember um rund 86 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat eingebrochen, der Rückgang bei den Flügen auf die Kanaren betrug minus 54 Prozent. Non-stop-Verbindungen in die Karibik wurden nicht durchgeführt, im Dezember 2019 waren es hingegen 123 Flüge.

Geringe Mobilität um die Feiertage

Dass die Deutschen aktuell insgesamt weniger reisen und unterwegs sind, belegen auch die Daten des Covid-19 Mobility Projects, einer Kooperation des Robert-Koch-Instituts (RKI) und der Berliner Humboldt-Universität. Zum Jahresende 2020 lag die Mobilität, gemessen an der Gesamtzahl der Bewegungen in Deutschland, rund 40 Prozent unter dem Jahresdurchschnitt.

Den starken Rückgang zwischen Weihnachten und Neujahr führen die Forscher zum einen auf den Effekt der Lockdown-Maßnahmen zurück, zum anderen auf die „üblicherweise geringere Mobilität um die Feiertage herum“, heißt es in einem weiteren Report des Covid-19 Mobility Projects.

Züge sind nur zu 15 Prozent ausgelastet

Die Fahrgastzahlen der Deutschen Bahn sind sogar stärker eingebrochen als erwartet: Der Konzern hatte für die Feiertage mit einer Auslastung von 35 bis 40 Prozent gerechnet, doch es waren deutlich weniger. Zwischen dem 23. und dem 27. Dezember wurden nur rund 700.000 Reisende verzeichnet, die Auslastung der Fernverkehrszüge lag im Durchschnitt nur bei rund 25 Prozent.

In der Vorkrisenzeit operierte die DB mit 70, teils sogar mit 100 Prozent Auslastung. Dieser Trend setzt sich auch im Januar fort. „Aktuell sind die Fernverkehrszüge durchschnittlich zu 15 bis 20 Prozent ausgelastet“, teilt ein Bahnsprecher dem RND mit. Seit dem 7. Januar stelle der Konzern rund 85 Prozent des normalen Sitzplatzangebotes zur Verfügung.

Zweiter Lockdown hat nicht die gleiche Wirkung wie der erste

Trotzdem: Die Daten des Covid-19 Mobility Projects zeigen auch, dass der aktuelle Lockdown nicht die gleiche Wirkung wie der erste im Frühjahr 2020 erzielt. In der vergangenen Woche (18. bis 24. Januar) wurden nur durchschnittlich 13 Prozent weniger Bewegungen verzeichnet als in der Vergleichswoche 2019, wie der aktuelle Wochenreport zeigt.

Im ersten Lockdown hingegen sei die Mobilität der Deutschen um durchschnittlich 40 Prozent zurückgegangen. Besonders Tagesausflüge in die Umgebung sind aktuell beliebt: An den Wochenenden war der Ansturm in Harz, Sauerland, Bayern und an der Ostseeküste teils so groß, dass Parkplätze überfüllt waren und sich kilometerlange Staus auf den Straßen bildeten.

Auch der Geschäftsreisesektor liegt flach

RKI-Präsident Lothar Wieler machte bei einer Pressekonferenz deutlich: In allen Bereichen gebe es noch Luft nach oben, um Maßnahmen einzuhalten – „mit aller Konsequenz“. Der Deutsche Reiseverband (DRV) warnte jedoch vor weiteren Einschränkungen für Touristen. „Reisen finden de facto kaum noch statt. Dies sollte auch die Bundesregierung zur Kenntnis nehmen“, teilte der Verband mit.

Touristische Trips seien durch staatliche Entscheidungen fast vollständig zum Erliegen gekommen, auch der Geschäftsreisesektor liege völlig am Boden.

Der DRV forderte, die Regierung solle sich daher „nicht darauf konzentrieren, unsere ohnehin stark eingeschränkte Reisefreiheit noch weiter einzuschränken“. Statt auf weitere Verbote zu setzen, sollte sie nun „vernünftige Testkonzepte für die Zeit nach der zweiten Corona-Welle vorlegen und beim Impfen einen Zahn zulegen“.

Der Artikel "Diskussion um Reisestillstand: Wie viel reisen die Deutschen gerade wirklich?" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland

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