Coronavirus

Die fünf Phasen der Pandemie: Wo Drosten, Streeck und Co. recht hatten – und wo nicht

Die Einschätzungen von Experten beeinflussen maßgeblich, wie über die Pandemie und Maßnahmen entschieden wird. Ein Blick zurück auf die Prognosen, die sich bewahrheitet haben - oder auch nicht.
Lothar Wieler (li.), Christian Drosten (re.) und Hendrik Streeck haben mit ihren Einschätzungen das vergangene Jahr geprägt. © picture alliance/dpa/Reuters Pool

Müssen wir uns in Deutschland Sorgen um eine Lungenkrankheit in Wuhan machen? Wird das eine Pandemie? Wann wird alles wieder „normal“? Kommt die zweite, die dritte Welle? Was ist mit Weihnachten, was mit Ostern? Experten sollen und wollen in der Corona-Krise eine Einschätzung nach der anderen abgeben. Im Fernsehen und Radio, in Tageszeitungen und im Netz stehen sie seit Beginn der Pandemie Rede und Antwort. Aus dem „Bonner Virologen“, dem „Sars-Experten“, dem „Präsidenten des Robert Koch-Institut“ sind inzwischen allseits bekannten Namen geworden.

Nach mehr als einem Jahr Corona-Pandemie ist der Wunsch nun groß, Bilanz zu ziehen. Wer hatte Recht, wer hatte Unrecht? Dabei kann der Blick in die Vergangenheit – auch wenn er, wie in diesem Fall, nur exemplarisch ist – viel mehr leisten. Die Prognosen, die von Experten zu verschiedenen Zeitpunkten aufgestellt wurden, zeigen nicht nur, auf welchen Informationen sie basieren.

Nein, sie – und besonders die Reaktionen, die sie erzeugten – zeigen immer auch, mit welchen Fragen Deutschland während einer bestimmten Pandemie-Phase beschäftigt war. Wie sich der Blick auf die Pandemie weiter- aber auch auseinander entwickelt hat. Nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch bei denen, auf die es ankommt, wenn Politiker Entscheidungen treffen.

Phase 1: Das wird wie eine Grippe – Januar bis Februar 2020

Am 31. Dezember 2019, als sich das Jahr dem Ende zuneigt, wird das Coronavirus Teil der öffentlichen Aufmerksamkeit. China hat an diesem Tag die ersten Fälle an die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gemeldet. Vier Wochen später wird die erste Infektion in Deutschland bestätigt. Es handelte sich um einen 33-jährigen Mann aus Bayern.

Schaut man sich die Berichterstattung mit einem Jahr Abstand an, wird deutlich, wie wenig Informationen zu Beginn der Pandemie verfügbar waren. Experten versuchten daher, die Gefahr des Virus anhand bekannter Verwandter einzuschätzen – wie zum Beispiel anderen Sars-Viren oder Influenza. Mitte Februar etwa sagt RKI-Präsident Lothar Wieler auf einer Pressekonferenz: Das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 werde voraussichtlich „wie eine schwere Grippewelle durch Deutschland laufen“.

Damals gehen auch einige Experten davon aus, dass das Coronavirus vermutlich nur leichte Erkältungsymptome auslöst. „Corona ist auf keinen Fall gefährlicher als Influenza“, sagt der Chefarzt Clemens Wendtner von der Klinik für Infektiologie in der München Klinik Schwabing, am 6. Februar. Er hatte zu dem Zeitpunkt die ersten Corona-Patienten in Deutschland behandelt, die tatsächlich auch eher milde Symptome hatten.

Auffällig ist, dass sich zu diesem frühen Zeitpunkt viele Experten darum bemühen, nicht den Eindruck zu erwecken, man verbreite unnötige Panik: „Wer gesund ist, muss sich nach jetzigem Stand erstmal keine großen Sorgen machen“, sagt die Virologin Melanie Brinkmann in einem am 23. Januar veröffentlichten Interview, gibt aber auch zu bedenken: „Man sollte sich auf jeden Fall darauf einstellen, dass das neue Coronavirus auch Europa und Deutschland erreicht.“

Die Frage, die damals tatsächlich viele Menschen beschäftigt: Kann das Coronavirus noch aufgehalten werden? Ende Januar zeigt sich der Bonner Virologe Hendrik Streeck davon noch überzeugt: „Durch die frühe Erkennung gibt es momentan noch die Chance, das Virus komplett einzudämmen, sodass es sich nicht weltweit ausbreitet“, sagt er Ende Januar in einem Interview mit der „Kölnischen Rundschau“. Einige Mediziner hegen auch die Hoffnung, dass sich das Virus in Deutschland nicht epidemieartig ausbreiten werde. „Wir haben ein sehr gutes Gesundheitssystem, um die Dinge früh einzudämmen. Wenn wir weiter an einem Strang ziehen, werden wir das in Deutschland im Griff behalten“, sagt Wendtner Anfang Februar.

Christian Drosten ist dagegen schon Ende Januar im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) skeptisch: „Es würde mich nicht wundern, wenn es dazu käme, dass sich das nicht mehr aufhalten lässt. Da sollte man sich nichts vormachen.“ Zwei Wochen später warnt er: „Wir werden bei einer Infektionswelle volle Arztpraxen und Wartebereiche haben, es wird schwierig sein, die Normalversorgung aufrecht zu erhalten“. Allerdings werde das nach ein paar Wochen wieder vorbei sein.

Fazit: Die schwere einer Virusinfektion anhand einiger weniger Fälle abzuschätzen, ist schwierig. Doch Experten, wie Drosten, die sich schon früh zu Beginn der Pandemie keine Illusion darüber gemacht haben, dass dies eine weltweite Pandemie werden würde, von der auch Deutschland nicht ausgenommen sein würde, sollten Recht behalten.

Phase 2: Die erste Welle – Mitte März bis Mai 2020

Im März steigt in Deutschland die Zahl der Corona-Fälle. Am 11. März erklärt die Weltgesundheitsorganisation Covid-19 offiziell zu einer Pandemie. In Deutschland werden erst große Veranstaltungen abgesagt, ab dem 13. März beginnen Bundesländer damit, die Schulen zu schließen, Geschäfte werden dicht gemacht. Am 22. März einigen sich Bund und Länder auf eine umfassende Beschränkung sozialer Kontakte. Deutschland geht das erste Mal in den Lockdown.

Noch einige Tage zuvor, am 6. März, hatte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, der „NOZ“ gesagt, dass sich wohl ein Großteil der Bevölkerung anstecken werde. „Das kann vier oder fünf Jahre dauern. Je schneller es geht, je größer ist die Herausforderung für das Gesundheitswesen. Aber dass wir selbst bei einem weiteren raschen Anstieg der Fälle an Grenzen stoßen, sehe ich definitiv nicht.“ Derzeit sei Corona „eher eine mediale als eine medizinisch relevante Infektion“, so Gassen.

Christian Drosten befürwortet zum gleichen Zeitpunkt zwar ein Verbot von Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern, ist aber der Ansicht, es sei für Schulschließungen „noch zu früh“. Auch die Virologin Melanie Brinkmann kritisierte die Schulschließungen wegen Corona zunächst als „Vorschlaghammer“ und sagt, sie hätte sich „feinjustiertere“ Maßnahmen gewünscht. Alexander Kekulé dagegen plädiert in diesen Tagen für „zwei Wochen Corona-Ferien“.

Brinkmann und andere Experten gehen aber davon aus, dass man sich durch Beobachtung der Situation in Italien einen Vorsprung erarbeitet habe: „Maßnahmen zur Minderung der Infektionsraten starten bei uns nun früher als in Italien. Aber auch bei uns werden die Fallzahlen weiter ansteigen“, sagt Brinkmann Mitte März dem ZDF. Sie zeigt sich in diesen Tagen optimistisch, dass man die Erfolge der Maßnahmen sehen werde. Der Virologe Alexander Kekulé hält es am 23. März fast für ausgeschlossen, dass man angesichts der extremen Maßnahmen kein „deutliches Sinken“ der Zahlen hinbekomme. Anfang April erreichen die Zahl der in der ersten Welle gemeldeten täglichen Corona-Infektionen einen Höhepunkt. Dann beginnen die Fallzahlen jedoch zu sinken.

Gleichzeitig wird aber auch vielen Menschen erstmals klar: Das Virus ist nun da – und wir werden es so schnell nicht wieder los. In einem Interview mit dem „Stern“, das am 21. März veröffentlicht wurde, sagt Drosten: „Ich glaube aber überhaupt nicht daran, dass wir in irgendeiner absehbaren Zeit wieder Fußballstadien voll machen. Das ist überflüssig. Das wird es bis nächstes Jahr um diese Zeit nicht geben.“ Auf Dinge, die schön seien, aber nicht systemrelevant, werde man lange verzichten. Eine Aussage, die damals noch für großen Wirbel sorgte – sich inzwischen aber bewahrheitet hat.

Streeck warnt in diesen Tagen jedoch davor, das Virus zu überschätzen. In einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ), das am 16. März veröffentlicht wurde, lehnt er sich nach eigenen Aussagen „weit aus dem Fenster“ und sagt: „Es könnte durchaus sein, dass wir im Jahr 2020 zusammengerechnet nicht mehr Todesfälle haben werden als in jedem anderen Jahr.“ In einem Interview mit „Der Zeit“, das am 6. April veröffentlicht wird, rät Streeck Besucher von Altenheimen mit Schnelltests zu testen, um zu verhindern dass man „bestimmte Menschen einfach wegsperr[t]“.

Virologe Drosten gibt im April einen Ausblick auf den Sommer: Dort könnte es zunächst auf Grund verschiedener Effekte zu weniger Infektionen kommen. Allerdings laufe man in Kombination mit Lockerungen mit einer „immunologischen naiven“ Bevölkerung in den Winter: „Dann könnte wieder der ‚Lock-down‘ drohen“, so Drosten. Der direkte Effekt der Lockerungen, den Drosten befürchtet, bleibt allerdings aus.

Fazit: Tatsächlich kommt Deutschland vergleichsweise gut durch die erste Welle. Das schnelle Handeln und ein gewisser Vorsprung gegenüber anderen Ländern, verhindern eine Überforderung des Gesundheitssystems. Doch die Experten, die davor warnen, dass die Corona-Pandemie damit noch lange nicht ausgestanden ist, werden Recht behalten. Die zweite Welle verläuft zudem deutlich tödlicher. Laut Daten des Statistischen Bundesamtes ist die Zahl der Sterbefälle im Jahr 2020 um mindestens 42.969 oder 5 Prozent gegenüber 2019 gestiegen. Die Bewertung dieser Zahlen ist allerdings kompliziert – und hängt laut dem Statistischen Bundesamt von verschiedenen Faktoren ab.

Phase 3: Entspannung im Sommer – Mai bis September

Der Sommer ist für Deutschland eine Atempause. Die Corona-Fallzahlen sinken. Wochenlang bleiben sie sogar unter der Marke von 1000. Am 6. Mai werden zahlreiche Lockerungen beschlossen, Geschäfte etwa werden wieder geöffnet. Ab Ende August ändert sich das, dann beginnen die Infektionszahlen wieder etwas zu steigen, erreichen im September auch ab und an den Wert um die 2000.

Schon die Lockerungen werden mit entsprechenden Warnungen versehen. Das RKI warnt im Mai, dass sie nicht gleichzusetzen seien mit einer allgemeinen Entwarnung. Wenn sich das menschliche Verhalten so weit lockere, dass es zu vermehrten Übertragungen komme, würden die Fallzahlen wieder steigen, sagt RKI-Vize-Präsident Lars Schaade in einer Pressekonferenz am 7. Mai. Sollte das geschehen, könne es die zweite Welle sogar schon „im Juli oder August“ geben. Auch andere Experten warnen weiter: Die Menschen in Deutschland haben bisher noch keinen ausreichende Immunschutz, das Virus sei nicht weg.

Virologe Streeck sagt Ende Mai im Interview mit dem RND: „Ich vermute, dass wir immer mal wieder lokale Ausbrüche wie zuletzt in Leer oder Frankfurt haben. Das wird vielleicht im Herbst auch vermehrt und überraschend geschehen – aber ich glaube nicht, dass wir eine zweite Welle sehen werden, die uns regelrecht überschwemmt und überfordert.“

Auch Drosten zeigt sich Ende Mai im Interview mit dem „Spiegel“ etwas optimistischer: „Es gibt die theoretische Möglichkeit, dass wir ohne zweite Welle durchkommen.“ Dank der Verbreitung über Superspreader gebe es die Möglichkeit, das Infektionsgeschehen besser zu kontrollieren. „Wenn man merkt, wo sich ein Ausbruch zusammenbraut, muss man gleich voll draufhauen.“ Vielleicht, so Drosten, könne man einem zweiten Shutdown entgehen.

Ende Juni ist Drosten deutlich weniger entspannter, im letzten NDR-Podcast vor der Sommerpause warnt er: „Ich bin nicht optimistisch, dass wir in einem Monat noch so eine friedliche Situation haben wie jetzt, was die Epidemietätigkeit angeht.“ Er sagt weiter: „In zwei Monaten, denke ich, werden wir ein Problem haben, wenn wir nicht jetzt wieder alle Alarmsensoren anschalten.“ Zurück aus der Sommerpause sagt Drosten Ende September dem ZDF, man müsse die Situation in den Nachbarländern in den Blick nehmen: „Wir müssen uns das auch für Deutschland vorstellen, dass das so kommen kann und wahrscheinlich wird wie in den Nachbarländern.“

Im August beginnen die Infektionszahlen langsam zu steigen, im September befinden sie sich fast ausschließlich über der Marke von 1000 Neuinfektionen pro Tag. Virologe Streeck sieht aber darin einen „linearen Anstieg“ (anstelle eines Anstiegs mit Kipppunkt, an dem die Zahlen schlagartig steigen würden) und befürchtet, man werde im Herbst „zu wenig über Lösungen diskutieren und zu viel darüber, wie wir das Leben wieder zurückfahren“, wie er im Interview mit der „Berliner Morgenpost“ sagt, das am 29. September erscheint. Es gebe „zu viel Angst“.

Fazit: Die Entspannung im Sommer als Zeichen für eine allgemeine Entspannung der Corona-Lage zu deuten, stellt sich als Irrtum heraus. Warnungen vor einer zweiten Welle im Herbst sind zutreffend. Das Infektionsgeschehen beschränkt sich bald nicht mehr auf einzelne Hotspots, sondern ganz Deutschland. Das Wachstum verläuft exponentiell.

Phase 4: Lockdown-Light – Oktober bis Dezember

Im Oktober steigen die Zahlen deutlich. Die Bundesregierung hält jedoch zunächst an ihrer „Hotspot“-Strategie fest. Am 16. Oktober sagt die Virologin Sandra Ciesek im „Spiegel“: „Die Fallzahlen sind ja in den letzten drei Wochen besonders in den Großstädten deutlich angestiegen. Jetzt, wo sich unser Leben wegen des schlechten Wetters wieder mehr in die Innenräume verlagert, ist mit einem weiteren Anstieg zu rechnen; man muss nur ins Ausland gucken, um zu sehen, wie schnell das geht.“

Sie fordert, alle Freizeitaktivitäten zu kontrollieren, die zu Superspreader-Events führen können. Auch die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina fordert am 15. Oktober ein konsequenteres Handeln von der Regierung. Die getroffenen Regelungen reichten nicht aus.

Ende Oktober, nach dem die Zahl der Neuinfektionen zum ersten Mal die Marke von 10.000 überschritten hat, wird der „Lockdown-Light“ beschlossen: Einrichtungen wie etwa Restaurants werden geschlossen, der Einzelhandel bleibt geöffnet. Die Hoffnung ist, dass man mit dem Lockdown-Light eine Art Kompromiss schafft. Vor allem das anstehende Weihnachtsfest wollen viele Menschen möglichst „normal“ feiern. Dazu aber, werden die Maßnahmen nicht ausreichen, sagt der Virologe Marco Binder Anfang November im RND-Interview: „Ich denke nicht, dass wir entspannt Weihnachten feiern können.“

Auch der System-Immunologe Michael Meyer-Hermann zeigte sich im Oktober enttäuscht über die damalige Bund-Länder-Runde. „Wir haben Zeichen, dass das Virus sich gerade unkontrolliert ausbreitet“, sagte er im ZDF und habe deshalb bei der Ministerpräsidentenkonferenz eine „große Warnung“ ausgesprochen. „Die Maßnahmen, die erfolgt sind, sind nicht die, die ich mir erhofft hatte“, bedauerte Meyer-Hermann anschließend.

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen kritisiert dagegen am 16. Oktober: „Eine pauschale Lockdown-Regelung ist weder zielführend noch umsetzbar.“ Der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit betont, die Schutzregeln mit Abstand, Hygiene, Masken und Corona-Warn-App seien eigentlich ausreichend – müssten aber konsequent umgesetzt werden. Auch Hendrick Streeck sagt in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“, das am 30. Oktober veröffentlicht wird, er halte den Shutdown für „zu früh“. „Er bringt sicherlich die Infektionszahlen runter.

Aber nach den vier Wochen werden sie wieder steigen, dann geht es von vorne los. Soll dann wieder ein Shutdown folgen?“ Streeck wird in der Folge immer wieder das Fehlen einer Langzeitstrategie kritisieren. Spätestens in dieser Phase haben sich damit in der öffentlichen Wahrnehmung zwei Experten-Lager herauskristallisiert: Auf der einen Seite, die die härtere Maßnahmen fordern, um die Infektionszahlen auf ein möglichst niedriges Niveau zu senken und auf der anderen, diejenigen Experten, die einem harten Lockdown skeptisch gegenüber stehen und eher für einen besseren Schutz von Risikogruppen plädieren.

Der Lockdown-Light wird am 25. November noch einmal verlängert, doch der erhoffte, spürbare Abwärtstrend stellt sich nicht ein.

Fazit: Der Lockdown-Light ist gescheitert, so wie es Experten wie Michael Meyer-Hermann prognostizieren. Im Dezember werden erstmals mehr als 30.000 Neuinfektionen innerhalb eines Tages gemeldet. Der 7-Tage-Mittelwert erreicht um Weihnachten den Höchststand – es ist kein „entspanntes Weihnachten“. Auch ist es nicht gelungen, Risikogruppen wie etwa Ältere erfolgreich vor der Pandemie zu schützen.

Phase 5: Zweiter Lockdown und dritte Welle – Dezember bis heute

Die Infektionszahlen halten sich im Dezember auf einem sehr hohen Niveau. Am 16. Dezember wird aus dem leichten Lockdown, ein harter. Auch der Einzelhandel muss schließen, es gelten wieder strenge Kontaktbeschränkungen. Im Interview mit dem RND bleibt Streeck Anfang Februar rückblickend bei seiner Einschätzung: „(…) weil wir nicht gelernt haben, wie sich das Infektionsgeschehen verhält, bleibt uns als einziges Werkzeug im Moment nur dieser Hammer. Das ist auch richtig, wir müssen die Menschen vor hohen Infektionszahlen bewahren. Aber nur, weil wir keine anderen Maßnahmen entwickelt haben.“

Ab etwa Mitte Januar beginnt die Zahl der täglich gemeldeten Neuinfektionen im Mittel zu fallen. Diskussionen um mögliche Lockerungen beginnen. Doch mit den Coronavirus-Varianten auf der einen Seite und den beginnenden Impfungen sind neue Faktoren in der Bewertung hinzugekommen.

Die sich bereits im Herbst abzeichnenden unterschiedlichen Perspektiven auf den Lockdown, schlagen sich nun auch in unterschiedlichen Strategien für den langfristigen Umgang mit Corona nieder. Dazu zählen die NoCovid-Initiative aber auch der „elastische und transparente Stufenplan“ ohne Ausrichtung am Sieben-Tage-Inzidenzwert einer Gruppe um den Epidemiologen Klaus Stöhr. Mitte Februar spricht Streeck sich dafür aus, die Gastronomie testweise zu öffnen.

Am 3. März einigen sich die Ministerpräsidenten und die Bundesregierung auf perspektivische Lockerungen – falls die Inzidenzzahlen das hergeben. Doch da besteht bei einigen Experten bereits die Befürchtung, dass sich bereits eine dritte Welle aufbauen könnte. Die Mathematikerin Anita Schöbel etwa warnt bereits am 20. Februar im Interview mit dem RND: „ (…) wir sind auch jetzt wieder in einer kritischen Phase, in der wir aufpassen müssen, nicht sofort wieder zu verlieren, was wir uns erkämpft haben. Im letzten Herbst hat sich gezeigt, was passiert, wenn die Grenzwerte nicht ernst genommen werden.

Es hätten viele Todesfälle vermieden werden können, wenn früher eingegriffen worden wäre. Dasselbe könnte jetzt wieder passieren. Im April könnte es in Deutschland wieder sehr hohe Fallzahlen geben.“ Auch Drosten warnt Ende Februar, man befinde sich „am Anfang einer neuen Verbreitungswelle“. Erst im Sommer könnten Schnelltest und Impfungen größere Lockerungen ohne ein massives Ansteigen des Infektionsgeschehens möglich sein.

Fazit: Noch vor dem nächsten Zusammentreffen der Ministerpräsidenten mit Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde der bundesweite 7-Tage-Inzidenzwert von 100 erreicht. Deutschland befindet sich in einer dritten Welle.

RND

Der Artikel "Die fünf Phasen der Pandemie: Wo Drosten, Streeck und Co. recht hatten – und wo nicht" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland

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