Rassismus

Der Kampf der Angehörigen von Hanau: Im Namen meines toten Bruders

Am 19. Februar 2020 hat ein 43-Jähriger in Hanau neun Menschen aus rassistischen Gründen ermordet. Cetin Gültekin hat seinen Bruder verloren – und kämpft noch immer mit den Folgen des Verbrechens.
Cetin Gültekin, Bruder des Opfers Gökhan Gültekin, sitzt vor Porträts von Opfern des Anschlags von Hanau. © picture alliance/dpa

Sie hätten auch ein paar Sweatshirts kaufen sollen, das ist Cetin Gültekin jetzt klar. Etwas Wärmeres, nicht nur die kurzärmeligen Hemden. Aber als sie die Sachen bestellt haben, vor Monaten, hätten sie an Sweatshirts eben nicht gedacht, sagt Gültekin. Und nicht daran, wie kalt es sein könnte, am ersten Jahrestag.

Cetin Gültekin steht in der Küche des Ladenlokals in der Hanauer Innenstadt, das die Initiative 19. Februar als Treffpunkt gemietet hat, und lässt heißes Wasser aus dem Samowar in seine Teetasse laufen. Gerade kommt er aus Bruchköbel, zehn Kilometer von hier, Sprayer sprühen dort die Namen der Toten auf eine Wand. Stundenlang war er dort und hat geholfen, jedenfalls so gut wie jemand helfen kann, der Schreiner ist und kein Künstler. „Wird wirklich gut“, sagt Gültekin, nur gefroren hat er irgendwann in seinem dünnen Hemd.

Aber etwas anderes anziehen als dieses T-Shirt, jetzt, das käme nicht in Frage. „Alles, was wir machen können, ist, zu erinnern“, sagt Cetin Gültekin. Sich selbst und alle anderen.

Mehr als ein Name, ein Gesicht

Cetin Gültekin ist 46 Jahre alt, manchmal trägt er das T-Shirt auch nachts. Das Gesicht seines Bruders ist darauf zu sehen, dazu dessen Name: Gökhan Gültekin, der vor einem Jahr ermordet wurde, zusammen mit acht weiteren. „Seinen Namen, sein Gesicht auf dem Körper zu tragen, das ist eine stolze Sache“, sagt Gültekin. „Und es lässt mich ihm nah sein.“

Vor fast einem Jahr sind wir uns das erste Mal begegnet, am 21. Februar, zwei Tage nach den Morden von Hanau. Damals sitzt Cetin Gültekin in den Räumen eines kurdischen Kulturvereins neben seinem Vater, der Saal ist voll, Dutzende Menschen an langen Tischen, Familie, Bekannte. Cetin Gültekin ist zugleich übernächtigt und zornig, er weiß nicht, wo die Leiche seines Bruder ist, er weiß nur, dass er ihn so schnell wie möglich waschen und begraben müsste.

Und zugleich ist da großes Misstrauen, er glaubt, dass die Behörden etwas verschweigen. „Die wollen nur nicht, dass neun Familien auf Rachefeldzug gehen“, sagt er. Sein Vater, in Jackett und Anzughose, ist da schon vom Krebs gezeichnet, geschwächt. Gemeinsam brechen sie vor laufenden Kameras in Tränen aus.

Eine offizielle Gedenktafel mit den Fotos der neun Opfer erinnert am Anschlagsort in Hanau-Kesselstadt an die Opfer der Anschläge im Jahr 2020.
Eine offizielle Gedenktafel mit den Fotos der neun Opfer erinnert am Anschlagsort in Hanau-Kesselstadt an die Opfer der Anschläge im Jahr 2020. © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

Ein Jahr später ist der Ablauf dessen, was in der Nacht des 19. Februar geschah, längst geklärt. Um 21.55 Uhr erschießt der 43-jährige Tobias Rathjen in der Bar La Votre in der Hanauer Innenstadt zunächst den 33-jährigen Barkeeper Kaloyan Velkov sowie den 34-jährigen Fatih Saracoglu, der zufällig an der Bar vorbeikam. Rathjen ist psychisch krank und getrieben von rassistischem Hass, er tötet gezielt Migranten. In der Shisha-Bar Midnight, gleich nebenan, erschießt er den Besitzer, den 29-jährigen Sedat Gürbüz.

Dann steigt er in seinen BMW und fährt zurück in den Stadtteil Kesselstadt, wo er mit seinen Eltern wohnt. Er hält am Kurt-Schumacher-Platz, dem zentralen Platz des von Wohnblöcken geprägten Viertels, und erschießt zunächst den 22-jährigen Rumänen Vili Viorel Paun, der ihm aus der Innenstadt bis hierher gefolgt war. Dann geht er in den Kiosk, der zur Arena-Bar gehört und mit ihr über einen gemeinsamen Vorraum verbunden ist, und tötet dort die Kellnerin Mercedes Kierpacz, 35 Jahre, sowie Ferhat Unvar, 23, und Gökhan Gültekin, 37. Gökhan Gültekin hatte sich gerade mit einem Speditions- und Hausmeisterservice selbstständig gemacht. Im Kiosk half er nur noch manchmal aus, so auch an diesem Abend.

Als die Polizei das Haus stürmt, lebt nur noch der Vater des Täters

Dann stürmt Rathjen in die Bar, dort tötet er den 22-jährigen Hamza Kurtovic und den 21-jährigen Said Hashemi. Um 22.10 Uhr, gerade mal eine Viertelstunde nach dem ersten Mord, fährt er zurück zum Haus seiner Eltern, wo er seine 72-jährige pflegebedürftige Mutter und dann sich selbst tötet. Als die Polizei um 3.03 Uhr das Haus stürmt, trifft sie nur den 73-jährigen Vater lebend an.

Doch es bleiben Fragen. Pannen. Mehrmals wählt Vili Viorel Paun auf seiner Verfolgungsfahrt den Notruf 110, erhält aber nur ein Besetztzeichen, weil zeitgleich die ersten Notrufe vom ersten Tatort eintreffen und die Rufweiterleitung an eine andere Zentrale nicht funktioniert. In der Arena-Bar ist der Notausgang verschlossen – ein Verstoß, der den Behörden bekannt war, ohne dass eine von ihnen die Öffnung durchgesetzt hätte.

„Wenn Vili mit seinem Notruf durchgekommen wäre, hätte es schon mal einen Toten weniger gegeben“, sagt Cetin Gültekin zornig. „Denn natürlich hätten ihm die Polizisten dann gesagt, dass er den Mörder nicht selbst verfolgen darf.“

Krank, rassistisch, bewaffnet

Doch der größte Fehler ist für ihn ein anderer. Schon 2002 war Tobias Rathjen zum ersten Mal aufgefallen, wegen einer wahnhaften Anzeige: Er sei Opfer einer „psychischen Vergewaltigung“, werde durch die Wand überwacht. Ein Amtsarzt verfügte die Einweisung in eine psychiatrische Klinik, aus der Rathjen schließlich als „ungeheilt“ entlassen wurde. Zuletzt hatte er im November 2019 beim Generalbundesanwalt Anzeige gegen eine Organisation gestellt, „die sich in die Gehirne der Menschen einklinkt“.

2013 hat Rathjen erstmals eine Waffenerlaubnis erhalten. Dass der Mörder trotz seiner Wahnvorstellungen und seiner rassistischen Gedanken Waffen besitzen durfte, „das quält mich. Das war ein wirklicher Schock für mich“, sagt Gültekin.

So geht es hier allen in dem alten Laden in Hanau, „140 Quadratmeter gegen das Vergessen“, so haben die Angehörigen der Toten ihn genannt. Der erste Tatort, die Arena-Bar, liegt nur ein paar Schritte entfernt, aus dem Fenster kann man die kleine Gedenkstelle mit den Fotos davor sehen. Früher war hier ein Sexshop, dann standen die Räume leer, linke Aktivisten haben sie mit den Angehörigen und mit Hilfe von Spenden zu diesem Treffpunkt gemacht. Im Schaufenster eine lange Polsterreihe, drinnen eine Couchecke, auf dem Boden Plakate, brennende Kerzen, an den Wänden Fotos der Opfer – eine Mischung aus Trauercafé, Initiativzentrale und Teestube.

Die große Familie der Angehörigen

Heute ist zum Beispiel auch Filip Goman hier, der Vater von Mercedes Kierpacz. Er und seine Familie sind Roma, sein Großvater wurde in Auschwitz ermordet. Seine Tochter hatte an jenem Abend im Kiosk Pizza für sich und ihre Tochter holen wollen, als der Täter sie erschoss. Oder Piter Minnemann, ein junger Mann, der sich in der Arena-Bar mit seinen Freunden auf den Boden geworfen hatte und als Einziger nicht getroffen wurde. Dass Serpil Unvar an diesem Nachmittag nicht hier ist, die Mutter des ermordeten Ferhat, liegt nur daran, dass sie gerade in einer Schule mit dem Oberbürgermeister die Bildungsinitiative vorstellt, die sie im Namen ihres Sohnes gegründet hat, um anderen Kindern jene Schwierigkeiten und Anfeindungen zu ersparen, unter denen ihr Sohn in seiner Schulzeit litt.

„Wir sind hier eine große Familie geworden“, sagt Cetin Gültekin, der auch fast jeden Tag im Laden ist. Er wohnt ja jetzt ganz in der Nähe. Und er hat Zeit. Seit einem Jahr ist er krankgeschrieben, Diagnose: posttraumatische Belastungsstörung.

Als Cetin Gültekin in jener Nacht an der Arena-Bar ankommt, angerufen von seinen Eltern, die nur 200 Meter entfernt wohnten, steht dort schon eine große Menschenmenge, zurückgehalten von Polizisten, sein Vater und seine Mutter ganz vorne. Seine Mutter schreit, sie liegt auf dem Boden, er solle rauskriegen, ob sein Bruder drin ist. Cetin Gültekin ruft Gökhans Handy an und bittet einen Polizisten, hineinzugehen und zu hören, ob es klingelt.

Sechs Tage Ungewissheit

Da drin klingelten die Handys ohne Unterlass, sagt der, es sei nicht zu unterscheiden, wem sie gehören. „Da war ich fast sicher“, sagt Cetin Gültekin, „dass Gökhan tot ist.“ Gewissheit erhalten sie am Morgen, als ein Polizist die Namen der Toten verliest, „an vierter oder fünfter Stelle Gökhan“.

Den Leichnam erhalten sie nach sechs Tagen. Dass er obduziert wurde, habe niemand erklärt, um Erlaubnis habe erst recht keiner gefragt, sagt Cetin Gültekin. Als er ihn wäscht, tritt immer wieder Blut aus den Nähten, was nicht sein darf, da das Leichentuch rein bleiben muss. In seiner Not pult er die Watte von Ohrenstäbchen und schließt damit die Wunden.

Cetin Gültekin zeigt an sich selbst, wo die beiden Kugeln seinen Bruder trafen, eine schoss sein rechtes Ohrläppchen weg, durchschlug seinen Kopf; die andere traf sein Herz von vorne und trat an der Seite aus. Es sei doch klar gewesen, wie er starb, sagt Gültekin, wozu dann das Aufschneiden. „Die Obduktion“, sagt er, „war wie ein zweiter Anschlag für mich.“

Die WG der Versehrten

Fünf Wochen später, Ende März, starb sein Vater an Krebs. Cetin Gültekin zieht zurück zu seiner Mutter, nach Kesselstadt, wo auch er aufgewachsen war. Dann sucht er eine neue Wohnung. Für sie, die es nicht erträgt, 200 Meter von jenem Ort zu leben, an dem ihr Sohn erschossen wurde. Und für seinen Sohn, Mert, 26, für den der tote Onkel wie ein Bruder war, an dessen Seite er Nacht für Nacht schlief, „Gogo abi“, wie er ihn nannte, „Bruder Gogo“.

Jetzt leben sie zu dritt, eine Wohngemeinschaft der Versehrten. Da ist die Mutter, die früh am Morgen zu beten beginnt, bis zum Mittag, da kommt das Mittagsgebet, und dann betet sie weiter bis zum Nachmittagsgebet. Neulich, sagt Cetin Gültekin, habe sie nicht mal ihr Nasenbluten bemerkt, sie habe einfach weitergebet, als ihr Pullover längst rot war. Dann ist da Mert, der Sohn, seit einem Jahr krank, wie sein Vater. Und schließlich Cetin Gültekin selbst, der in diesem Jahr nicht nur Bruder und Vater verlor, sondern dessen Ehe auch noch zerbrach.

„Er hat auch unser Leben auseinandergenommen“, sagt Gültekin über den Mann, der seinen Bruder ermordete. Dieser Mann ist tot. Aber sein Vater lebt weiter in Kesselstadt – und offenbar teilt er die Einstellungen seines Sohnes. Er hat die Waffen seines Sohnes zurückverlangt, fordert, dass dessen Seite wieder online gestellt wird, will, dass alle Gedenkstellen für die Opfer abgebaut werden.

„Warme Worte machen Rassismus nur noch schlimmer“

Die Polizei erklärte den Hinterbliebenen im vergangenen Jahr, sie sollten den Vater in Ruhe lassen, es war eine Art Gefährderansprache. „Vielleicht“, sagt Cetin Gültekin, „hätten wir besser eine Gefährdetenansprache erhalten.“ Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den Vater, weil der Teilnehmer einer Kundgebung rassistisch beleidigt habe.

An diesem Freitag, dem Jahrestag, wird es eine Gedenkfeier geben, der Bundespräsident wird nach Hanau kommen. Cetin Gültekin hat ein zwiespältiges Verhältnis zu all den Reden, die er dann wieder hören wird. „Warme Worte machen Rassismus nur noch schlimmer“, sagt er. Jedenfalls dann, wenn aus ihnen nichts folgt.

Es habe, sagt er, einen Zeitpunkt gegeben, an dem man die Morde von Hanau hätte verhindern können. Und an dem nichts geschah. „Und irgendwann werden wir wissen, ob es neue Taten gab, die man jetzt hätte verhindern müssen.“

RND

Der Artikel "Der Kampf der Angehörigen von Hanau: Im Namen meines toten Bruders" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland

Dorsten am Abend

Täglich um 19:00 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.