Coronavirus Pandemie

Corona-Mutationen: Forscher drängen auf konsequentere Maßnahmen in Europa

Virologen fürchten die rasante Ausbreitung durch die neuen Virusvarianten aus Großbritannien und Südafrika. Die Entwicklungen seien ein Weckruf für das striktere Einhalten der Corona-Maßnahmen.
Das Impfjahr wird es zeigen: Wie wird sich Sars-CoV-2 bei einem stärkeren Selektionsdruck verhalten? Wird es seine Eigenschaften stark verändern, um in der Welt zu bestehen? © picture alliance/dpa/CDC

Es sind recht sperrige Bezeichnungen, die beunruhigen: B.1.1.7, eine zuerst in Großbritannien entdeckte neue Virusvariante. Und 501Y.V2., eine von Forschern in Südafrika sequenzierte Version. Beide haben mit einem ganzen Bündel an Mutationen die Eigenschaften von Sars-CoV-2 für viele Experten verblüffend stark verändert. Erste Daten zeigen, dass die Erreger zu mehr Ansteckungen führen und sich schneller von Mensch zu Mensch übertragen als die bislang zirkulierenden Sars-CoV-2-Varianten.

Besorgt hat sich die Weltgesundheitsorganisation diese Woche über diese Entwicklungen gezeigt. Auch Wissenschaftler fürchten die rasante Ausbreitung und mögliche Beschleunigung der Pandemie, weil der R-Wert bei der Variante B.1.1.7. ersten Datenauswertungen zufolge um den Faktor 0.4 bis 0,7 höher ausfällt. Sie könnte schon in wenigen Wochen die bisherige Variante in Europa ersetzen. „Wenn es tatsächlich so ist, dass sich diese Varianten durchsetzen, haben wir ein Problem“, prognostizierte die Genfer Virologin Isabella Eckerle am Freitag bei einem Austausch mit dem Science Media Center (SMC).

Wendepunkt in der Pandemie? Corona-Maßnahmen so wichtig wie nie

Das Gute: Alle Maßnahmen, die Kontakte zwischen Menschen reduzieren, sind Forschern zufolge auch bei diesen Varianten effektiv. Deshalb ändere sich im Grundsatz auch nichts bei der Strategie zur Eindämmung. Die von Wissenschaftlern empfohlenen Lockdown-Maßnahmen mit dem Ziel einer möglichst niedrigen Sieben-Tage-Inzidenz blieben effektiv. „Sie müssten nur noch konsequenter sein“, fordert Eckerle. Mobilitätsdaten zeigten, dass die Menschen ihre Kontakte in diesem Lockdown bei Weitem nicht so stark einschränken wie noch im Frühjahr 2020. Die Bevölkerung müsse sich bewusst machen, dass nun ein paar Monate bevorstehen, in denen es eine starke Zirkulation der Viren geben werde – bis irgendwann ausreichend Menschen geimpft sind. „Das Beste ist da natürlich, die Fallzahlen zu reduzieren“, so Eckerle.

Das sei auch mit Blick auf weitere mögliche Entwicklungen wichtig, erklärte der Virologe Andreas Bergthaler beim SMC-Gespräch. Es sei damit zu rechnen, dass in den kommenden Monaten noch weitere Varianten mit neuen Eigenschaften auftauchen. Denn der Selektionsdruck auf das Virus könnte durch Impfungen und mehr Genesene mit Immunschutz weiter zunehmen. „Wir wissen nie wirklich, was hinter der nächsten Ecke wartet“, sagte der Wissenschaftler des Forschungsinstituts für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. „Wir sollten das Ganze als Weckruf für das Einhalten der Maßnahmen sehen“.

Europäische Strategie fehlt bei Corona-Maßnahmen und Überwachung

Die Forscher sind sich einig, dass es nun wichtig sei, alle bestehenden und womöglich bald auftauchenden Varianten zu überwachen. Es müsse jetzt in langfristige Systeme investiert werden. „Warten ist immer die schlechteste Idee“, so die Virologin Eckerle. Auch wenn die Sequenzierung von Genomproben aufwendig und zeitintensiv sei, sollte dieser Bereich ausgebaut werden.

Experte Bergthaler verwies darauf, dass England rund 5 Prozent der Proben von PCR-Tests für mögliche Virusvarianten auswerte, in Dänemark seien es rund 12 Prozent. Deutschland analysiere hingegen bislang nur rund 0,2 Prozent der Tests. Zudem brauche es eine europaweite Strategie und mehr Austausch. „Es wäre sicherlich für alle wichtig zu wissen, welche Viren beispielsweise auch in Rumänien zirkulieren“, sagte Bergthaler.

Die beiden bislang entdeckten Varianten sind wohl unabhängig voneinander entstanden, berichtet Prof. Richard Neher, Leiter der Forschungsgruppe Evolution von Viren und Bakterien von der Universität Basel. Im Verlauf des Spätsommers tauchte B.1.1.7. vermutlich in Großbritannien auf, ist im Südosten Englands inzwischen dominierend. Erste Proben von 501Y.V2 lagen in Südafrika im Oktober vor, auch dort dominiert die Variante inzwischen das Geschehen und führt zu plötzlich sehr vielen Infektionen.

Die Evolution von Viren werde im Wesentlichen davon bestimmt, was wie selektiert wird und was nicht – wie hoch also letztendlich die Mutationsrate ist. „In beiden Fällen ist die Hauptgefahr eine schnellere Verbreitung“, resümiert Nehrer den Forschungsstand. Die Folge seien sehr viele Sars-CoV-2-Infektionen – und damit auch sehr vielen Covid-19-Patienten im Gesundheitswesen.

Impfstoff und Immunantwort: Für die wichtigen Antworten braucht es Zeit

Weitgehend unklar ist Wissenschaftlern bislang, wie sich das veränderte Virus im Körper verhält. Eckerle zufolge sei es ein gutes Zeichen, dass die Virusvarianten bislang keinen schwereren Krankheitsverlauf bei Covid-19 hervorriefen. Die Forschung zu den Virusvarianten gehe aber beispielsweise der Frage nach, ob das Infektionsintervall bei Infizierten verkürzt sein könnte. Wer sich angesteckt hat, könnte also womöglich schon eher als bislang selbst ansteckend sein. Bei der bislang dominanten Variante geht das Robert-Koch-Institut davon aus, dass die Inkubationszeit fünf bis sechs Tage beträgt. Einen Tag vor Symptombeginn ist die Infektiosität am höchsten. „Wenn wir das besser verstehen, können Maßnahmen noch gezielter eingesetzt werden“, sagte Bergthaler.

Die Welt könne sich mit den neuen Varianten auch nicht in Sicherheit wiegen, dass die Bevölkerung mit Impfstoffen am Ende des Marathons angekommen sei, betonte Bergthaler. Eine Studie lege bislang nahe, dass zumindest das Vakzin von Biontech und Pfizer auch bei der B.1.1.7-Variante schützt. Die Evidenz sei damit noch nicht äußerst stark, aber „es spricht vieles dafür, dass die Impfstoffe sehr wohl diese Varianten abdecken.“ Die Impfstoffe seien sehr flexibel und könnten nachgebessert werden. Letztgültige Antworten gebe es dazu aber noch nicht.

Bis zu all den Fragen valide Ergebnisse vorliegen, werde die Forschung noch viel Zeit brauchen, sind sich Eckerle und Bergthaler einig. Es sei ein Knackpunkt, wie schon so oft in dieser Pandemie: Die politischen Entscheidungsträger müssten jetzt schnell Entscheidungen treffen, obwohl noch nicht ausreichend Daten vorliegen – ein Dilemma. „Wir werden noch mehr solcher Varianten in der Zukunft sehen“, prognostizierte Eckerle. Und immer wieder müsse sich die Bevölkerung dann die Frage stellen, wie darauf zu reagieren sei und welche Maßnahmen ergriffen werden müssten.

Der Artikel "Corona-Mutationen: Forscher drängen auf konsequentere Maßnahmen in Europa" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland

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