Coronavirus

Betroffene berichten: Was tun, wenn der Chef kein Homeoffice erlaubt?

Manche Arbeitgeber tun sich noch immer schwer damit, ihren Angestellten das Arbeiten im Homeoffice zu erlauben. Zwei Betroffene berichten – und eine Expertin gibt Tipps.
Laut Expertin für neue Arbeitsformen ist beim Thema Homeoffice oft die Haltung des Arbeitgebers entscheidend. © picture alliance/dpa

Es ist noch dunkel draußen, da steht Anna schon vor dem Schultor. Notbetreuung für die Erstklässlerin. Mutter Svenja fährt mit dem Auto weiter ins 40 Kilometer entfernte Büro, macht dort ihren Rechner an, telefoniert. Ihre Aufgaben könnte die Versicherungsfachangstellte durchaus auch im Homeoffice erledigen – doch ihr Chef möchte das nicht.

Er erwartet die Alleinerziehende seit Montagmorgen wieder auf der Arbeit. Svenja, die eigentlich anders heißt, ist verzweifelt. Ihren richtigen Namen möchte sie nicht veröffentlichen, weil sie Konsequenzen fürchtet. Ihr Job hält die kleine Familie über Wasser. Doch die Belastung ist enorm. Um sich und andere zu schützen, würde sie in diesem Lockdown ihre Tochter lieber zu Hause betreuen. Ihr Chef sage aber dazu: „Das ist Privatsache.“

Um eine Stellungnahme kann ihr Chef nicht gebeten werden, das würde Svenja identifizieren. Doch sie spielt Sprachnachrichten vor. Die Arbeitsqualität könne sie im Homeoffice nicht erbringen, sagt der Chef etwa. Er würde schließlich gut für ihre Leistung zahlen.

Homeoffice ist Haltungsfrage

Ein Extrembeispiel, sagt Vanessa Giese zu Svenjas Fall, aber sicher kein Einzelfall. Giese ist Expertin für neue Arbeitsformen und begleitet Unternehmen in Transformationsprozessen. Die Corona-Pandemie hat kleine Betriebe genauso wie viele große Unternehmen vor Herausforderungen gestellt. Der Umstieg aufs mobile Arbeiten wie Homeoffice ist oftmals gar nicht so einfach wie gedacht – fehlende digitale Infrastruktur oder auch arbeitsrechtliche Hintergründe können neue Arbeitsformen erst einmal ausbremsen.

„Es ist aber auch eine Haltungsfrage“, sagt Giese. Grundsätzlich weniger Leistungen erbringen Mitarbeiter im Homeoffice nicht. „Aber es kommt eben auf den Führungstyp an. Wer eher misstrauisch ist und glaubt, Menschen müssen kontrolliert werden, dem wird es schwerfallen, den Mitarbeitern Homeoffice zu ermöglichen.“

Arbeitnehmer sind den Chefs ausgeliefert

In einer solch dramatischen Lage wie der Pandemie der Haltung ihres Chefs ausgeliefert zu sein, das findet Svenja schwierig. „Solange die Regierung die Arbeitgeber nicht dazu verpflichtet, Homeoffice anzubieten, wird bei uns gar nichts passieren“, glaubt die 40-Jährige. Für eine solche Pflicht gäbe es allerdings hohe rechtliche Hürden, etwa die Unverletzlichkeit der eigenen Wohnung oder auch die Unternehmerfreiheit.

Bleibt der Arbeitgeber stur, kann es für arbeitende Eltern schwierig werden. Wie bei Miriam. Auch sie ist alleinerziehend. Auch sie arbeitet im Büro, als Steuerfachangestellte. Eigentlich trägt auch sie einen anderen Namen, will aber anonym bleiben. Technisch sei das Arbeiten von zu Hause kein Problem, „meine Chefs wollen das nur nicht“, sagt sie. „Ich glaube, das ist reines Misstrauen, ob wir unsere Stunden auch wirklich ableisten.“

Vorarbeiten, wenn die Kinder beim Vater sind

Im ersten Lockdown hat sie ihre Kinder erst zur Freundin, dann schweren Herzens in die Notbetreuung gegeben, um im Büro immer wieder Präsenz zu zeigen. Dieses Mal aber wolle sie das nicht mehr mitmachen: „Ich habe meinen Chefs die Pistole auf die Brust gesetzt und gesagt: Entweder darf ich jetzt ins Homeoffice oder ich bleibe die nächsten drei Wochen zu Hause!“

Zähneknirschend habe man zugestimmt. Miriam ist nun zu Hause, beschult parallel ihre Kinder. Entlastung spürt sie nicht. „Das setzt mich jetzt natürlich extrem unter Druck, weil ich die ganze Zeit denke: Es muss funktionieren.“ Daher arbeitet sie vor, wenn die Kinder beim Vater sind, oder eben nachts. „Wie das über Wochen funktionieren soll? Da bin ich ratlos“, sagt die 36-Jährige. Die Notbetreuung solle schließlich nur im Notfall genutzt werden.

Hybride Lösungen in Zukunft häufiger

Das Homeoffice sei natürlich keine Lösung für grundsätzliche Betreuungsprobleme, „schließlich heißt es ja Office, also Büro. Es geht ums Arbeiten“, sagt Expertin Giese. „Aber es schafft natürlich Entlastung, und das nicht nur für Eltern.“ Auch Mitarbeiter ohne Kinder freuten sich über den Wegfall der Fahrtzeit oder die Chance, kurz die Waschmaschine zu beladen. Ein Umstand, den die meisten Unternehmen erkannt hätten. Viele Mitarbeiter und auch Arbeitgeber wünschten sich inzwischen hybride Lösungen: ein paar Tage Büro, ein paar Tage Homeoffice. „Kaum jemand wird nach Corona zu einer hundertprozentigen Präsenz zurückkehren“, prophezeit Giese.

Mit einer gewissen Gelassenheit blickt die Expertin auf jene Chefs, die immer noch an der Präsenzkultur hängen. „Vieles wird die Zeit richten“, glaubt sie. Spätestens dann, wenn die Arbeitskräfte fehlen, werde es zum Umdenken kommen. Diese Aussicht mag Eltern vielleicht mit der Zukunft versöhnen, doch erst einmal müssen sie Lösungen für ihre aktuelle Situation finden. Und das schnell.

Sicherheit nicht verspielen – dennoch Haltung zeigen

„Ich kann den Betroffenen nur empfehlen, sich zu fragen: Lohnt es sich, für meine Rechte zu kämpfen?“, empfiehlt Giese. „Ist die Antwort nein, rate ich, Dienst nach Vorschrift zu machen und sich bewusst zu sein: Der emotionale Druck ist vielleicht groß, der Arbeitsplatz aber ist sicher. Aus einer sicheren Position heraus lässt sich gut nach neuen Jobangeboten suchen.“

Auch hier sei die Krise eine Chance für berufstätige Eltern, gerade auch alleinerziehende Mütter, die eigene Haltung auf den Prüfstand zu stellen. Giese appelliert: „Seid mutig und macht euch nicht klein. Auch Alleinerziehende müssen keine Bittsteller sein, vielmehr bringen sie auch zahlreiche Qualitäten mit. Und vertraut darauf: Es gibt sie, die Arbeitgeber mit einer anderen Haltung“, so die Expertin.

RND

Der Artikel "Betroffene berichten: Was tun, wenn der Chef kein Homeoffice erlaubt?" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland

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