Britischer Premierminister

Bericht: Premierminister Boris Johnson wollte sich im Live-TV mit Corona anstecken lassen

Der britische Premierminister Boris Johnson soll geplant haben, sich im Fernsehen mit dem Coronavirus anstecken zu lassen. Einer seiner größten Kritiker soll sich dazu jetzt äußern.
Boris Johnson, Premierminister von Großbritannien, soll geplant haben, sich im Live-TV mit dem Coronavirus anzustecken. © picture alliance/dpa/PA Wire

Der britische Premier­minister Boris Johnson soll geplant haben, sich live im Fernsehen mit dem Coronavirus anstecken zu lassen. Am heutigen Mittwoch wird der ehemalige Topberater des Premiers, Dominic Cummings, vor zwei Parlaments­ausschüssen befragt. Fachleute erwarten mit Spannung, ob der Johnson-Kritiker aus dem Nähkästchen plaudern wird.

Wie die britische „Daily Mail“ berichtet, soll Boris Johnson gesagt haben, dass er mit einer Ansteckung im Live-TV der Krankheit den Schrecken nehmen wolle: „Ich werde Chris Whitty dazu bringen, dass er mich live im nationalen Fernsehen ansteckt, damit alle sehen können, dass es nichts ist, wovor man Angst haben müsse.“ Chris Whitty ist der Chefarzt der Regierung von Großbritannien. Die britische Zeitung geht in ihrem Bericht davon aus, dass Cummings diese Aussagen, die Johnson wiederholt getätigt haben soll, in seinen Befragungen zu Protokoll geben wird.

Generalabrechnung mit Ministern wird erwartet

London rüstet sich derweil für ein mögliches politisches Beben. Am Mittwoch­vormittag (10.30 Uhr MESZ) wird Dominic Cummings von zwei Parlaments­ausschüssen zur Krisenpolitik der Regierung zu Beginn der Corona-Pandemie befragt. Bisher deutet alles darauf hin, dass Cummings, der einst als mächtigster Mann der Downing Street galt, die stundenlange Aussage in London zum Anlass für eine General­abrechnung mit seinem einstigen Chef und dessen Ministerinnen und Ministern nutzen will.

In zahlreichen Twitter-Nachrichten legt Cummings seit gut einer Woche Rechenschaft ab über seine damaligen Handlungen und wirft der Regierung Untätigkeit vor. Zuletzt hatte er sich wiederholt kritisch über den Umgang von Johnsons Kabinett mit der Pandemie geäußert.

Rachefeldzug? Cummings verlässt Posten im Streit

Allerdings weisen politische Beobachter in London darauf hin, dass ohne Cummings, der als „graue Eminenz“ der Downing Street galt, kaum eine Entscheidung von Tragweite getroffen wurde. Auch deshalb wirkt es wie ein Rachefeldzug: Denn Cummings hatte seinen Beraterposten im vergangenen November im Streit verlassen.

Um Cummings kümmern sich die Unterhaus­ausschüsse für Gesundheit und Wissenschaft. Erwartet wird, dass sich die Befragung letztlich auf vier Kernbereiche konzentriert: die Vorbereitung der Regierung sowie der erste Lockdown, das als ineffektiv kritisierte milliarden­schwere Test- und Nachverfolgungs­programm, die Impfkampagne und der zweite Lockdown im Herbst.

Mit Spannung erwartet wird zudem, ob Cummings aus dem Nähkästchen plaudert. So gab es unlängst Berichte über skandal­trächtige Johnson-Aussagen. Lieber nehme er in Kauf, dass sich „die Leichen zu Tausenden auftürmen“, als einen weiteren Lockdown durchzusetzen, soll der Premier gesagt haben.

Johnson soll Corona-Sitzungen verpasst haben

Auch soll Johnson fünf Corona-Sitzungen des nationalen Sicherheitsrats (Cobra) zur Pandemie verpasst haben – angeblich, weil er an einer Biografie über den legendären Dichter William Shakespeare arbeitete. Noch offen ist zudem, ob zunächst, entgegen der Bestimmungen, ein Großspender der Konservativen Partei für die teure Renovierung von Johnsons Amtswohnung aufkam.

Wie der Sender Sky News berichtete, dürfte die Befragung mehrere Stunden dauern und sich vermutlich mit der sogenannten Prime Minister’s Question Time überschneiden. Dort stellt sich Johnson traditionell regelmäßig am Mittwoch (13 Uhr MESZ) den Fragen des Parlaments. Es ist davon auszugehen, dass Oppositions­führer Keir Starmer und andere Labour-Abgeordnete die Chance nutzen werden, um Johnson sofort mit Aussagen von Cummings zu konfrontieren.

Mit mehr als 150.000 Menschen, die an oder mit Covid gestorben sind, ist Großbritannien eines der von der Pandemie am schwersten betroffenen Länder Europas. Die Regierung steht in der Kritik, besonders mit der Verhängung des ersten Lockdowns zu lange gezögert zu haben.

Cummings zufolge lag das auch an der zunächst verfolgten Strategie, ähnlich wie in Schweden die Ausbreitung des Virus nicht gänzlich zu unterdrücken, sondern auf eine allmählich einsetzende Immunität in der Bevölkerung zu hoffen. Beteuerungen von Regierungs­mitgliedern, das sei nicht der Fall gewesen, bezeichnete er als „Bullshit“. Arbeits­ministerin Thérèse Coffey widersprach ihm erst am Dienstag energisch.

Will Johnson von der Befragung ablenken?

Ansonsten gab sich „Number 10“ zu Cummings‘ Vorwürfen zuletzt demonstrativ schweigsam. Die Tweets seien „revisionistisch“, hieß es in der „Times“, allerdings nur als Zitat einer ungenannten Regierungs­quelle. Cummings sei heuchlerisch, stand dort zu lesen. Beobachter der Politik schließen zudem nicht aus, dass Johnson am Mittwoch mit einem Manöver von der Befragung ablenken will. Sogar ein Kabinetts­umbau steht im Raum.

Cummings war in weiten Teilen der Bevölkerung regelrecht verhasst. Doch als er Hunderte Kilometer zu seiner Familie nach Durham fuhr und damit offenkundig die Corona-Regeln brach, stellten sich Johnson und weitere Regierungs­mitglieder hinter den Berater.

Cummings selbst gab im Rosengarten der Downing Street eine skurrile Pressekonferenz und verteidigte sich. Nun, fast auf den Tag genau ein Jahr später, steht er wieder im Rampenlicht.

RND/dpa/ag

Der Artikel "Bericht: Premierminister Boris Johnson wollte sich im Live-TV mit Corona anstecken lassen" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland
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