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Auf Tiktok wünschen sich Teenies das Jahr 2014 zurück. Aber warum?

Unter dem Hashtag #2014aesthetic träumen sich Teenager zurück ins Jahr 2014.
Die US-amerikanische Sängerin Lana Del Rey (Aufnahme von 2013) gilt als Stilikone der 2014er-Bewegung. © picture alliance / dpa

Retroromantik finden wir alle toll – und gerade im Corona-Lockdown können viele von den „guten alten Zeiten“ gar nicht genug bekommen. Im Netz gibt es unzählige Instagram- und Facebook-Seiten, die sich mit nichts anderem beschäftigen als damit, in Erinnerungen zu schwelgen.

Auf Seiten wie „Wisst ihr noch?“ oder „Wir Kinder der 90er“ werden beispielsweise die beliebtesten Eurodanceklassiker gepostet oder verrückte Cartoonfiguren aus längst vergangenen Zeiten. Andere erinnern an die Musik von Freddie Mercury oder den Topfschnitt. Und Hunderttausende Menschen liken und teilen die Posts.

Doch in welchen Erinnerungen schwelgen eigentlich diejenigen, die noch gar nicht so lange auf der Welt sind? Die Antwort findet sich derzeit in einem Tiktok-Trend, der auf der Plattform die Runde macht. Unter dem Hashtag #2014aesthetic wünscht sich die Generation Z die „guten alten Zeiten“ des Jahres 2014 zurück.

Dunkel geschminkte Augen und Indiemusik

Auf den ersten Blick wirkt das ziemlich skurril. Denn zum einen ist das Jahr 2014 noch gar nicht so lange her, und zum anderen dürfte sich sowohl in Sachen Mode als auch in Sachen Popkultur in dieser Zeit nicht allzu viel verändert haben. Gen Z allerdings scheint das ein bisschen anders zu sehen.

Wirft man einen Blick auf die Beiträge des 1,5 Millionen Mal aufgerufenen Hashtags, sieht man Teenies mit dickem Eyeliner und dick aufgetragenem Lippenstift, Kruzifixketten und langen schwarzen Kniestrümpfen – so angeblich die Ästhetik des Jahres 2014. Unterlegt sind die Videos häufig von Indiemusik, etwa von Songs der Arctic Monkeys.

Bei den Nutzern, die dieses vermeintliche 2014-Feeling posten, gibt es augenscheinlich zwei Gruppen: Diejenigen, die zu dieser Zeit tatsächlich Teenager waren und nun mit unzähligen Retroaufnahmen Einblicke in die „gute alte Zeit“ gewähren. Und diejenigen, die zu dieser Zeit noch Kinder waren und sich vorstellen, wie es zu dieser Zeit als Teenager wohl gewesen sein muss.

Beanies und Lederjacken

Die Tiktokerin @sim0nemurphy beispielsweise nimmt ihre Follower mit auf eine „Reise ins Jahr 2014“ und zeigt dann Rosen in ihrem Schlafzimmer, das Buch „Modern Girl: Mein Leben mit Sleater-Kinney“ von Carrie Brownstein, sich selbst rauchend, einen Hoodie mit der Aufschrift „Broken Dreams Club“ und einen Schallplattenspieler.

@libertyav romantisiert die angebliche 2014er-Ästhetik auf andere Art und Weise. Sie schreibt: „Ich wünschte, ich wäre 2014 Teenager gewesen, dann hätte ich so ausgesehen.“ Dann reiht sie Bilder diverser Modetrends aneinander: Beenie und Lederjacke, Sportshirts mit Aufdruck der Spielernummer, geschwungene Wimpern, Jeanshotpants in Kombination mit Karohemd und schwarzem Top. Ein weiteres Foto zeigt zwei junge Frauen mit Zöpfen, stark dunkel geschminkt und mit schwarzen Klamotten und schließlich ein Foto der Band 5 Seconds of Summer.

Gegenüber dem Magazin „Vice“ beschreibt eine heute 27-jährige Tiktokerin den Stil des Jahres 2014 als eine „Mischung des Teddy-Boy-Stils der Fünfzigerjahre und Grunge der Neunziger: Lederjacken, Netzstrumpfhosen und Dr. Martens passen perfekt zu einem wunderschön traurigen Gesichtsausdruck.“

„Tumblr-Ästhetik“

Eine heute 23-Jährige meint, dass „Zigaretten, Polaroidkameras und iPhones“ die Markenzeichen des Jahres 2014 gewesen seien. „Meine Freunde und ich machten Fotos in den ikonischen, gut beleuchteten Umkleidekabinen mit Gittermuster, kauften aber fast nie etwas, weil es so teuer war.“

Auch in einem Video von @forestlvr111 spielt ein gewisser Indie- oder gar Emolook eine Rolle. @jaclynnnnnnnzirn meint, dass Tanktops mit Jerseystoff 2014 das ganz große Ding waren. Außerdem habe man häufig Bilder von hinten geschossen und noch dazu verschwommen – „für die Tumblr-Ästhetik“.

Tatsächlich spielt die Plattform Tumblr in nahezu jedem dieser Posts eine wichtige Rolle. Dabei handelt es sich um eine Bloggingplattform, die jedoch – im Gegensatz zur Konkurrenz – typische Social-Media-Funktionen wie etwa Reposts bietet. Zudem ist es auf Tumblr möglich, Nutzern und ihren Blogs zu folgen. Ab Ende der 2000er-Jahre entwickelte sich Tumblr zu einer Plattform für verschiedenste Subkulturen: Von Modeblogs über verträumte Lyrik bis hin zu Nacktbildern war hier praktisch alles zu finden. Heute spielt der Dienst nur noch eine untergeordnete Rolle.

Lana Del Rey als Stilikone

Ebenfalls in nahezu jedem Retropost wird die Sängerin Lana Del Rey genannt. Die heute 35-Jährige war 2011 mit ihrem Song „Video Games“ bekannt geworden und etablierte daraufhin neben einem schaurig-traurigen Musikstil auch einen ganz speziellen Look.

Schaut man sich den Musikclip zu „Video Games“ heute, zehn Jahre später, an, fällt auf: Hier ist vieles von dem zu sehen, was die Tiktok-Kids heute mit dem vermeintlichen Jahr 2014 verknüpfen. Verschwommene Bilder im Retrolook, Rosen im Schlafzimmer, stark dunkel geschminkte Augen. Eine Nutzerin schreibt unter das Video: „Lana hat die Vintage-Ästhetik erfunden. Vintagefilter, Flüstern, Hipsterkultur, Suggardaddys, Tumblr-Ästhetik. Sie war ihrer Zeit voraus.“

Doch irgendwie scheint der große Retrohype ums Jahr 2014 zu hinken. Denn vor allem eine Frage taucht auch in den Kommentarspalten der Videos häufiger auf: Ist das, was dort gezeigt wird, vor sieben Jahren tatsächlich so passiert? Oder träumt sich hier eine ganze Generation in eine „gute alte Zeit“ hinein, die es in der Form gar nicht gab?

Retrogefühle aus der My-Space-Zeit

Gerade der Retro- und Vintagelook aus diesen Videos macht stutzig: Die Zeit der Hipster, dürfte nämlich eher aus den späten 2000er-Jahren stammen. Zu dieser Zeit kommen Vollbärte und Retrokleidung in Mode, 2010 wird der Vintagelook durch die Plattform Instagram und Filter-Apps wie VSCO in den sozialen Netzwerken populär, kurz darauf folgt Lana Del Rey. „Ihrer Zeit voraus“ ist die Sängerin zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht, sie schwimmt eher voll auf der Welle mit – und zwar drei Jahre vor dem ominösen Jahr 2014.

Auch der Hype der Plattform Tumblr dürfte deutlich früher zu verorten sein als 2014. Online geht die Plattform bereits 2007, 2013 hat der Dienst seine besten Zeiten bereits hinter sich: Da kauft der Konzern Yahoo die Plattform, was viele User nicht sonderlich freut.

Der von einigen Teilnehmern gezeigte Emolook ist noch viel älter: Er dürfte weniger mit Tumblr zu verknüpfen sein und vielmehr mit der Plattform My Space Mitte der 2000er-Jahre. Damals, als man seine Profile mit blinkenden Gifs aufhübschte und sich in düsterster Pose auf seinem Profilbild präsentierte.

2014 war bunt, nicht dunkel

Die Arctic Monkeys sind ebenfalls eher ein Relikt der 2000er-Jahre als der 2010er: Das erste Nummer-eins-Album der Band erscheint bereits 2006. Und Beenies und Lederjacken und dunkel geschminkte Augen trägt Avril Lavigne schon 2003.

Derweil kann man das Jahr 2014 ganz anders deuten: Die Modetrendfarbe 2014 ist beispielsweise gelb – nicht etwa schwarz. 2014 werden zudem große EDM-Festivals populär. Statt zu Indiemusik tanzt plötzlich die ganze Welt zu elektronischen Sounds auf dem Ultra Music Festival oder dem Tomorrowland. Und zwar in bunten Shirts unter Regenbögen mit Blumen im Haar – nicht im Emolook. Der Film „We are your friends“ mit Zac Efron greift 2015 genau dieses Thema auf.

Statt Selfies in Umkleidekabinen auf Tumblr gehen 2014 vor allem Videos der Ice-Bucket-Challenge durchs Netz – ein weltweiter Sommerhype. Und auch Lana Del Rey hat in diesem Jahr längst ihren Düsterlook abgelegt: Auf dem Coachella-Festival singt die Sängerinn in diesem Jahr mit regenbogenfarbendem Oberteil ihren neuen Hit „Westcoast“.

Retrogefühle im Lockdown

Gegenüber dem Magazin „Vice“ bestätigt auch die Popkulturexpertin Olivia Yallop, dass der 2014er-Hype eher Trends verschiedener Jahrzehnte umfasst und sich weniger auf das Jahr an sich bezieht. „Viele der in den Tiktoks zitierten Referenzen stammen nicht einmal aus den frühen 2010er-Jahren – Galaxyleggings waren schon vor 2010 Trend, ebenso wie Schnurrbarttattoos“, sagt Yallop.

Das sei der Generation Z letztendlich aber auch egal: Mithilfe des Internets könne man Epochen und Kontexte beliebig neu mischen und zusammensetzen und dann gemeinsam in ein Retrogefühl verfallen. Denn genau darum scheint es den Teilnehmerinnen und Teilnehmern von #2014aesthetic zu gehen: Ein paar positive Retrogefühle im Corona-Lockdown. Ob sie stimmen oder nicht, ist dabei gar nicht so wichtig.

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