Kinder und Beruf

Arbeitsrechtlerin: „Kinder haben nichts im Lebenslauf oder in der Bewerbung zu suchen“

Die Juristin Sandra Runge hat die Initiative #proparents mitbegründet. Damit soll ein gesetzlicher Schutz für Eltern vor Diskriminierung durchgesetzt werden.
Sandra Runge ist Anwältin für Arbeitsrecht und Mutter zweier Söhne. Sie berät vor allem Eltern zu allen rechtlichen Fragen und bloggt darüber als „Smart-Mama“. Zusammen mit Kommunikationsexpertin Karline Wenzel hat sie im Januar 2021 #proparents gegründet und eine Petition gegen Elterndiskriminierung gestartet. © picture alliance/dpa

Die Juristin Sandra Runge ist Arbeitsrechtlerin mit eigener Kanzlei, Bloggerin in Sachen Eltern- und Kinderrechten und auch sonst eine Vorkämpferin gegen die Diskriminierung von Eltern in der Arbeitswelt. Jetzt hat die 43-jährige Mutter zweier Söhne mit der Kommunikationsberaterin und Journalistin Karline Wenzel die Initiative #proparents gegründet. Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) spricht Runge über den weiten Weg zur Gleichstellung von Eltern in der Arbeitswelt.

Was hat Sie motiviert, #proparents zu gründen, eigene Erfahrungen mit Diskriminierungen oder die Arbeit als Anwältin?

Sandra Runge: Sowohl als auch. Vor zehn Jahren wurde ich am ersten Arbeitstag nach der Elternzeit gekündigt. Das war ein ziemlich einschneidendes Erlebnis, vor allem weil sich am Ende herausstellte, dass meine Elternzeitvertretung als freie Mitarbeiterin weiterbeschäftigt wurde, und mein Job nicht, wie behauptet, weggefallen war. Auch in meiner täglichen Arbeit als Anwältin habe ich sehr oft mit der Diskriminierung von Eltern am Arbeitsplatz zu tun – gerade beim Wiedereinstieg in den Beruf. Das sind keine Einzelfälle, das ist ein gesellschaftliches Problem. Deshalb habe ich gemeinsam mit Karline Wenzel #proparents ins Leben gerufen und eine Onlinepetition gestartet. Wir wollen einen gesetzlichen Schutz für Eltern vor Diskriminierung durchsetzen.

Welche Rückmeldungen zu #proparents bekommen Sie von den Eltern und den Unternehmen?

Wir haben im Vorfeld mit vielen Elternaktivisten gesprochen – Journalistinnen und Journalisten, Bloggern und Influencern. Sehr viele von ihnen berichteten uns von ihren eigenen Diskriminierungserfahrungen. Auch von familienpolitischen Sprechern der Fraktionen und Bundestagsabgeordneten haben wir sehr viel Zuspruch und Unterstützung für unsere Ideen bekommen. Gerade durch die Corona-Pandemie und die damit verbundenen hohen Belastungen für die Familien ist eine größere Sensibilität für dieses Thema vorhanden. Sogar von größeren Unternehmen wurde uns Unterstützung für unsere Vorhaben zugesagt. Das stimmt uns erst mal sehr optimistisch.

Hat die Corona-Pandemie Eltern nicht nur müde, sondern auch wütender gemacht?

Absolut, die Krise zeigt uns eindrücklich, dass Familien eine viel zu kleine Lobby haben. Ich habe das Gefühl, dass der Zorn der Eltern wächst und damit auch die Bereitschaft lauter wird, die eigenen Rechte einzufordern. Und genau das ist für unsere Initiative natürlich immens wichtig. Gleichzeitig zeigt sich, dass ein besserer Schutz für Mütter und Väter im Berufsleben wichtig ist. In der Presse konnten wir alle erst kürzlich von einem sehr eindrücklichen Beispiel lesen: Die Modekette H&M hat offenbar mit ihrem coronabedingten Stellenabbau bei Beschäftigten in Elternzeit begonnen.

Wie werden Mütter und Väter typischerweise im Job diskriminiert?

Leider gibt es dazu immer noch keine belastbaren Zahlen. Eine entsprechende Studie wurde gerade erst von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes in Auftrag gegeben und soll im Sommer erscheinen. Aus eigener Erfahrung als Anwältin kann ich sagen, dass vor allem der Wiedereinstieg nach der Elternzeit eine kritische Situation für Eltern ist. Oftmals verliert man den Job oder man bekommt danach andere und nicht unbedingt gleichwertige Aufgaben – gerade, wenn die Elternzeit sehr lange gedauert hat und danach noch Stunden reduziert wurden. Auch bei der Beförderung oder Übernahme von verantwortungsvollen Projekten setzen viele Vorgesetzte immer noch lieber auf kinderlose Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Gilt das für Väter und Mütter gleichermaßen?

Mütter leisten immer noch den größten Anteil der Fürsorgearbeit, gehen länger in Elternzeit, arbeiten häufiger in Teilzeit und bleiben mit kranken Kindern zu Hause. Das führt dazu, dass sie häufiger im Beruf diskriminiert werden. Gleichzeitig erleben wir einen Wertewandel bei jungen Vätern, die sich mehr in den Familienalltag einbringen wollen. Auch sie machen ähnliche Erfahrungen wie die Mütter schon lange vor ihnen. In meiner Kanzlei bekommen wir deshalb auch immer mehr Anfragen von Vätern, die durch eine längere Elternzeit plötzlich versetzt oder von Führungskräfteprogrammen ausgeschlossen werden, aber auch ihren Arbeitsplatz verlieren, weil sie ihre Rechte auf Elternzeit oder Teilzeit geltend machen.

Würden Sie Kinder im Lebenslauf verschweigen? Ich würde ja aktive Elternschaft durchaus als Schlüsselkompetenz und Erfahrungsgewinn werten.

Darüber lässt sich trefflich streiten. Ich bin allerdings der Auffassung, dass Kinder nichts im Lebenslauf oder in der Bewerbung zu suchen haben. Immerhin sind sie offenbar für viele ein potentieller Diskriminierungsgrund und verschlechtern in manchen Fällen unsere Chance auf den Job. Wir sind einfach gesellschaftlich noch nicht so weit wie zum Beispiel die skandinavischen Länder, die tatsächlich Elternschaft als gute Voraussetzung für Personalverantwortung werten. Bei uns werden Kinder in vielen Betrieben noch als Last und potentielle Gefahr für die Arbeitskraft gewertet, zudem sind Entscheidungen von Personalern oftmals sehr stark von überholten Rollenbildern geprägt.

Was kann ich denn tun, wenn ich wegen meiner Kinder diskriminiert werde?

Der erste Schritt sollte immer das Gespräch mit dem Vorgesetzten oder dem Betriebsrat sein. Oft lässt sich so gemeinsam eine Lösung finden, zum Beispiel neue Aufgaben im Unternehmen, mit vielleicht familienfreundlicheren Arbeitszeiten und trotzdem reizvollen Aufgaben. Manchen Vorgesetzten fällt auch gar nicht auf, dass und wie ihr Verhalten vielleicht diskriminierend war. Da hilft oft ein klärendes Gespräch. Anders ist es natürlich bei schwerwiegenden Fällen. Dann kann sogar der Gang vor ein Arbeitsgericht die beste Möglichkeit sein. Allerdings ist danach die Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses oft nicht mehr sinnvoll. Umso wichtiger wäre deshalb eine gesetzliche Regelung, die Unternehmen und Führungskräfte stärker in die Pflicht nimmt, Familienfreundlichkeit im Betrieb wirklich konsequent umzusetzen. Ich bin überzeugt davon, dass dadurch auch die Unternehmenskultur wertschätzender und inklusiver wird.

Können sich Unternehmen in Zeiten des großen Fachkräftemangels und öffentlicher Bewertungen der Familienfreundlichkeit überhaupt noch leisten, Mütter und Väter systematisch zu benachteiligen?

Eigentlich nicht! Viele Unternehmen werben auch aktiv mit ihrer Familienfreundlichkeit. Leider sieht oft die Realität etwas anders aus. Das größte Problem sehe ich bei der Umsetzung bis ins kleinste Detail. Familienfreundlichkeit muss schließlich von jeder Führungskraft mitgetragen werden. Wie gut das funktioniert, ist in vielen Unternehmen aber von Abteilung zu Abteilung sehr unterschiedlich. Selbst manche Betriebsräte ignorieren dieses Thema. Unser Ziel ist aber auch keine Pauschalverurteilung der Unternehmen, sondern das Sensibilisieren für das Thema. Gesetze sind Motoren, die viel verändern können.

Haben wir ein Problem in der Führungskultur? Lange konnte man nur Karriere machen, wenn man möglichst viel arbeitete und einem die Partnerin zu Hause den Rücken freihielt.

Das stimmt. Ich sehe in der Wertewelt vieler Führungskräfte immer noch ein Festhalten an der Präsenzkultur und die positive Bewertung von langen Arbeitstagen. Es ist immer noch eine Meldung wert, wenn ein Geschäftsführer in Elternzeit geht, auch wenn es nur für einen Monat ist. Der Kulturwandel hat erst begonnen und wird vermutlich noch etwas dauern. Die alte Wertewelt steht dem Wandel in der Arbeitswelt im Weg. Umso wichtiger ist eine gesellschaftliche Debatte um Diskriminierung von Eltern und die wollen wir mit #proparents aktiv anstoßen.

Der Artikel "Arbeitsrechtlerin: „Kinder haben nichts im Lebenslauf oder in der Bewerbung zu suchen“" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland
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