Am dritten Verhandlungstag im Missbrauchsprozess gegen einen 51-jährigen Südlohner sagten die Eltern der mutmaßlichen Opfer aus. © Bernd Schlusemann
Missbrauchs-Prozess

Wunderheiler bedrohte Tante der drei Mädchen mit Axt in der Hand

Die Mutter der drei mutmaßlichen, kindlichen Opfer im Missbrauchsprozess gegen einen 51-jährigen Südlohner bestätigte ihre bei der Polizei gemachten, belastenden Aussagen gegen den Angeklagten nicht.

Am dritten Prozesstag gegen einen „Wunderheiler“ aus Südlohn, dem sexueller Missbrauch von Kindern vorgeworfen wird, hörte die Große Strafkammer des Landgerichts in Bocholt die Eltern der Kinder und weitere Verwandte. Gleich zu Beginn musste der Vorsitzende Richter deutliche Worte sprechen, etwas später drohte er in Richtung des Zuhörerraums sogar damit, den Gerichtssaal zu räumen.

Als erste von fünf Zeugen hörte das Gericht in Bocholt am Dienstag (2.2.) die 43-jährige Mutter der drei Mädchen, die der 51-jährige Angeklagte durch Massagen im Intimbereich missbraucht haben soll. Der Südlohner gab vor, die Kinder mit Ölen, Cremes und Massagen von Krankheiten heilen zu können. Missbrauch in 56 Fällen wirft die Staatsanwaltschaft dem seit Juli 2020 in der Justizvollzugsanstalt in Münster in U-Haft sitzenden Mann nun vor.

Mutter belastet Angeklagten nicht

Als sehr redselig, ohne den Angeklagten jedoch in irgendeiner Weise zu belasten, gab sich die Mutter der mutmaßlichen Opfer des Angeklagten. Von Aussagen, die die Frau bei der Polizei gemacht hatte, wollte sie im Gerichtssaal nichts mehr wissen. Dort hatte sie laut Gericht noch gesagt, „alle Kinder seien massiert worden“.

Der Angeklagte habe sie bei Problemen beraten, die Kinder nicht massiert, erklärte die Frau vor Gericht. Sie gab aber zu, mehrfach mit ihren Kindern bei dem Wunderheiler gewesen zu sein. Auch auf den Vorhalt des Gerichts, die Kinder hätten von Massagen berichtet, blieb die Frau bei ihrer Aussage, davon nichts mitbekommen zu haben. Mehrfach musste der zwischenzeitlich deutlich verärgerte Vorsitzende Zwiegespräche zwischen dem Dolmetscher und der Frau stoppen.

Im Zuhörerraum des Gerichtssaals saßen mehrere Männer. Als einer davon hüstelte, drehte die 43-Jährige den Kopf und blickte in dessen Richtung. Offenbar gab es noch weitere Reaktionen aus dem Zuhörerraum, jedenfalls drohte der Vorsitzende Richter, den Saal zu räumen, wenn das so weitergehe.

Die 43-Jährige redete viel vor Gericht, blieb diesem aber viele Antworten schuldig. Am Ende meinte der Vorsitzende Richter wohl nicht wirklich ernst gemeint, die Zeugin habe „einen großen Beitrag“ zur Aufklärung der Missbrauchsvorwürfe geleistet.

Vater wich auch von Aussagen bei der Polizei ab

Zweiter Zeuge war der 41-jährige Vater der Kinder. „Der hat vor meiner Haustür Randale gemacht“, schilderte dieser, wie er den Angeklagten kennengelernt hat. Angeblich wollte der Angeklagte 1000 Euro als Bezahlung für die Behandlungen seiner Töchter haben.

Was bei den Behandlungen mit seinen Kindern passiert sei, darüber wollte oder konnte der Zeuge am Dienstag keine Aussagen machen. Bei der polizeilichen Vernehmung hatte der Mann „auch von sexuellem Missbrauch gesprochen“, hielt der Richter dem 41-Jährigen vor.

Eine Tante der Kinder berichtete dann dem Gericht, dass die Mutter die Kontakte der Kinder mit dem Angeklagten forciert hatte. Sie hätten mit dem Südlohner sogar ins Fast-Food-Restaurant und ins Kino gehen müssen. „Sie wollte, dass die Kinder Kontakt mit ihm hatten“, so die Zeugin.

Tante: Kinder haben panisch von den Massagen berichtet

„Panisch“ hätten die Kinder ihr irgendwann von den Massagen und davon, dass sie sich ausziehen mussten, berichtet. Auch bei der Frau war der Angeklagte aufgetaucht und hatte mit Beleidigungen, Drohungen und Beschimpfungen versucht, sie einzuschüchtern.

Eine weitere Tante der Kinder berichtete ebenfalls, dass der Angeklagte vor den Vernehmungen der Kinder durch die Polizei bei ihr aufgetaucht sei. Neben Beleidigungen und Beschimpfungen habe er sie auch mit einer Axt bedroht. Die 31-Jährige sprach von Morddrohungen gegen die gesamte Familie und dem Versuch, sie mundtot zu machen.

„Ich mache mir Vorwürfe, dass ich nicht schon früher genauer hingeschaut habe“, sagte die Zeugin vor Gericht. Auch sie berichtete, dass alle drei Mädchen ihr unabhängig voneinander von Massagen im Intimbereich berichtet hatten. „Die Kinder hatten Angst vor dem Arzt, wie sie ihn nannten.“ Und: „Die Mutter hat die Kinder dahin gezwungen.“

„Befreundete“ Zeugin gab sich auch als Verlobte des Opfers aus

Letzte Zeugin war eine 38-Jährige aus der Familie der Opfer, die angab, mit dem Angeklagten „befreundet“ zu sein. Sie stellte sich als Fürsprecherin für den Angeklagten heraus. Er habe ihr finanziell geholfen und Zuflucht geboten.

Über diese Zeugin war der Kontakt des Angeklagten zur Mutter der Opfer entstanden. Die Aussagen der Zeugin erschienen dem Gericht am Ende in einem völlig anderen Licht, als sich herausstellte, dass die Frau eine Dauerbesuchserlaubnis für die JVA des Angeklagten als „Verlobte“ beantragt hatte.

Zum Abschluss des Prozesstages gab es vier Anträge der Verteidigung. Unter anderem möchte diese weitere Zeugen hören. Auch hat die Verteidigerin des 51-Jährigen psychiatrische Gutachten von allen drei Kindern beantragt, um deren Glaubwürdigkeit zu überprüfen. Sie sprach davon, dass die Vorwürfe gegen ihren Mandanten „nicht auf realen Begebenheiten beruhen“.

  • Der Prozess gegen den Angeklagten wird am 12. Februar in Saal 112 des Amtsgerichts in Bocholt fortgesetzt. Beginn: 9 Uhr.
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Redaktion Ahaus
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Bernd Schlusemann

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