Heinrich Sibbing (68) ist als Schiedsmann für die Einwohner des Ortsteils Südlohn Ansprechpartner, wenn es um kleine Streitigkeiten geht. Für sein Ehrenamt wälzt er viel Fachliteratur. © Anne Winter-Weckenbrock
Schiedsleute

Streit schlichten: Udo Hayks und Heinrich Sibbings schwierige Mission

Ihr Ehrenamt ist nicht einfach: Heinrich Sibbing und Udo Hayk sind Schiedsleute. Sie bieten Gespräche und eine Schlichtung an, wenn streitende Parteien – meist Nachbarn – keine Lösung finden.

Wahrscheinlich haben sie beide diplomatisches Geschick in die Wiege gelegt bekommen. Und können gut zuhören. Denn diese beiden Eigenschaften kommen Udo Hayk und Heinrich Sibbing bei ihrem Ehrenamt sicher gut aus: Die beiden sind Schiedsleute. Udo Hayk kümmert sich um Streitigkeiten in Oeding, Heinrich Sibbing um die in Südlohn.

Beide üben das Ehrenamt schon seit 2015 aus. Vor einem Jahr hat der Gemeinderat sie für eine weitere Amtszeit empfohlen. Beide wollten auch weitermachen, wie sie in den Gesprächen mit der Redaktion betonen. Denn über Gebühr werden sie nicht mit Arbeit belastet. „Oeding ist ein ganz ruhiges Pflaster“, fasst Udo Hayk zusammen. Ähnliches gilt auch für Südlohn, obwohl Heinrich Sibbing schon ein bisschen mehr zu tun hat als sein Amtskollege. Gerade auch, seit Corona über das Land gekommen ist.

„Tür- und Angel-Gespräche“ vor dem offiziellen Termin

Der Südlohner unterscheidet zwischen „Tür- und Angel-Gesprächen“ und einer richtigen Schlichtung. Vor einem Schlichtungstermin, zu dem beide Parteien dann auch offiziell und schriftlich eingeladen werden, informiert er sich auf beiden Seiten, wie er erzählt. Nachdem er angesprochen oder angerufen wurde. „Viele kennen mich ja auch“, sagt er. Nicht selten ist die erste „Amtssprache“ dann auch Platt.

Udo Hayk (47) ist seit 2015 Schiedsmann und als solcher für Schlichtungsgespräche im Ortsteil Oeding zuständig. Auch er hält sich immer auf dem Laufenden, was das Rüstzeug für das Ehrenamt angeht.
Udo Hayk (47) ist seit 2015 Schiedsmann und als solcher für Schlichtungsgespräche im Ortsteil Oeding zuständig. Auch er hält sich immer auf dem Laufenden, was das Rüstzeug für das Ehrenamt angeht. © Anne Winter-Weckenbrock © Anne Winter-Weckenbrock

Die Probleme, wegen der Udo Hayk und Heinrich Sibbing angesprochen werden, ähneln sich. „Die Hecke ist zu hoch, oder es gab zu viel Laub oder eine Sachbeschädigung“, erzählt Udo Hayk. Heinrich Sibbing ergänzt: „Der Hund läuft herum, es ist zu laut, die Nachruhe ist gestört oder es wurde zu dicht an der Grenze gebaut“.

Nachdem er sich zunächst die Situation erklären lässt, macht er sich selbst vor Ort ein Bild, erzählt Heinrich Sibbing. Er sucht das Gespräch mit der Gegenseite. Das läuft alles noch unter „Tür und Angel“ und hilft manchmal schon: „Manchmal ist es einfach ein Gespräch. Manchmal habe ich das Gefühl, die Leute unterhalten sich nicht“, erzählt er aus Erfahrung.

Manches sei noch nie ausgesprochen worden, bis der Schiedsmann den Anstoß dazu gibt. Seine Erkenntnis: „Die Leute sprechen oft zu wenig miteinander. Das hat jetzt auch mit der Pandemie zu tun, aber sonst ist es auch so.“ Eine weitere Erkenntnis: „Manchmal hat es auch mit Mentalität zu tun.“ Seiner Erfahrung nach sind manche, die nach Südlohn gezogen sind, weniger offen und müssen sich selbst noch an die Mentalität im Dorf gewöhnen.

Mehr Nachbarschaftsstreitigkeiten in der Pandemie?

Dass es jetzt in der Pandemie mehr Nachbarschaftsstreitigkeiten gibt, die bei ihm landen, würde Heinrich Sibbing nicht unbedingt sagen. Aber es liegen doch schon zwölf Monate mit vergleichsweise hohem Aufkommen hinter ihm. 2019 gab es keine Schlichtung, 2018 eine – 2020 schon zwei Verfahren. Und einige der besagen „Tür und Angel-Gespräche“, die entweder geklärt wurden oder noch in einen offiziellen Termin münden.

Schiedsleute

  • Auf einer eigenen Internetseite (www.schiedsamt.de) informiert der Bund Deutscher Schiedsmänner und Schiedsfrauen ausführlich über das Ehrenamt. Dort sind auch die Ansprechpartner für alle Gerichtsbezirke hinterlegt.
  • Auch auf der Seite des Amtsgerichts Borken gibt es weitere Informationen (www.ag-borken.nrw.de/infos/streitschlichtung/index.php).

Für Oeding kann Udo Hayk keinen gesteigerten Gesprächsbedarf feststellen. „Vielleicht nach dem Artikel, wenn die Leute darauf aufmerksam werden, dass es den Schiedsmann gibt“, sagt er schmunzelnd. Er hat in der Regel ein, manchmal zwei Verfahren pro Jahr gehabt. Nicht immer sind die Schiedsleute erfolgreich und können schlichten: In etwas mehr als der Hälfte der Fälle gehen die Parteien uneins auseinander und landen dann vielleicht doch vor Gericht.

Das Schlichtungsgespräch ist kein Gerichtsverfahren, auch wenn dazu offiziell (ein)geladen wird und es auch Kosten für den mit sich bringt, der es einleitet. Bei 50 Euro liegt die Gebühr, informiert Udo Hayk. „Manche haben dann eine falsche Vorstellung von der Schlichtung. Wir sind keine Richter, sondern Moderatoren“, beschreibt der Oedinger die Aufgabe der Schiedsleute.

„Manchmal liegt die Lösung so nahe“

Man versuche, die Parteien zu einer Lösung zu führen, „und die ist manchmal so nahe“, sagt Hayk. „Jeder will Recht bekommen, aber ich mache auch deutlich, dass Entgegenkommen wichtig ist. Von beiden Seiten“, erzählt Udo Hayk aus Erfahrung: „Es gibt keine Gewinner und Verlierer.“ Das betont auch Heinrich Sibbing: „Ich bin ein neutraler Beobachter, ich begleite, gebe Tipps.“

Der 47-Jährige findet sein Ehrenamt „spannend“. Man lerne viel über Menschen, die Fortbildungen seien interessant. Das betont auch Heinrich Sibbing. Und beide sagen: Schiedsleute aus anderen Regionen, die sie bei Lehrgängen treffen, hätten schon deutlich mehr um die Ohren als sie beide.

Etwas Lebenserfahrung ist für das Amt nicht verkehrt

Udo Hayk ist Eletrotechnikermeister, Heinrich Sibbing (68) Rentner. Beide nehmen sich die Zeit für ihr Ehrenamt und betonten, dass etwas Lebenserfahrung für das Amt nicht verkehrt ist. Als Schiedsleute werden sie von einem Richter des Amtsgerichts Borken betreut, an den können sie sich auch im Zweifelsfall mit Fragen wenden. Es gibt eine jährliche Aufwandsentschädigung. „Reich kann man da nicht von werden“, sagt Heinrich Sibbing und lacht.

Für die offiziellen Schlichtungstermine nutzen die beiden Räume in der Gemeinde. Nach Hause holen sich beide die Streitparteien bewusst nicht, „neutraler Boden“ sei besser. Das Schlichtungsgespräch selbst hat offiziellen Charakter, wird protokolliert und am Ende gibt es eine Einigung – oder eine Erfolgslosigkeitsbescheinigung.

Über die Autorin
Redaktion Ahaus
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Anne Winter-Weckenbrock
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