Anna Wildner (l.) und Michaela Mehlhose sind gefrustet: Seit vier Monaten darf in Nordrhein-Westfalen kein Reha-Sport gemacht werden, gefühlt ein Jahr nicht. Sie befürchten schlimme Folgen für die Patienten und wünschen sich sehr, dass die Verantwortlichen der Landesregierung ihre Haltung überdenken. © Anne Winter-Weckenbrock
Corona und Rehasport

Reha-Sport wird im Lockdown voll ausgebremst: Das wird Folgen haben

Im zweiten Corona-Lockdown geht nichts mehr im Rehasport. Michaela Mehlhose und Anna Wildner sind frustriert: Sie befürchten schlimme Folgen für die Patienten durch die Zwangspause.

Jetzt herrscht schon vier Monate Stillstand: Seit Dezember darf auch der Verein für Gesundheitssport und Rehabilitation Westmünsterland keine Rehasport-Kurse mehr anbieten. Im ersten Lockdown ging noch was. Mit Konzept und Abstand. Im zweiten Lockdown? Da habe die Politik, so meinen Michaela Mehlhose und Anna Wildner, die Bedürfnisse der Reha-Patienten aus dem Blickfeld verloren. Sie sind frustiert.

Michaela Mehlhose ist Physiotherapeutin, Anna Wildner hat dazu noch die Ausbildung zur orthopädischen Übungsleiterin. Seit Beginn an, seit elf Jahren, ist auch Anna Wildner in Südlohn dabei. Dass jetzt Physiotherapie, Shoppen nach Termin und Friseurbesuche möglich sind, aber kein Reha-Sport – natürlich unter Schutzbedingungen – kann sie nicht verstehen. „Es geht in allen Bundesländern, nur nicht in NRW und Sachsen“, informiert Anna Wildner.

Stichwort Reha-Sport

  • Reha-Sport wird verschrieben, es ist eine „diagnostizierte Verordnung“. Unter Anleitung wird in Kleingruppen „Hilfe zur Selbsthilfe“ betrieben, für den gesunden Alltag geübt und trainiert.
  • Eine Verordnung umfasst in der Regel 50 Übungseinheiten, die im Zeitraum von 18 Monaten geleistet werden müssen. Manche sind trotz Verlängerung seitens der Krankenkassen jetzt abgelaufen.
  • Beim Verein für Gesundheitssport und Rehabilitation in Südlohn an der Bahnhofstraße laufen in normalen Zeiten 55-Reha-Kurse in der Woche. Rund 550 aktive Rehasportler „bewegt“ der Verein in Südlohn.

Michaela Mehlhose erinnert sich an den ersten Lockdown, wie sie währenddessen an einem Konzept für die Wiedereröffnung gefeilt haben und dann als eines der ersten Zentren wieder für die Patienten am Start waren. Mit wenig Leuten in der Gruppe, mit viel Abstand, Plexiglasscheiben zwischen Teilnehmern. Jeder hatte Desinfektionsspray auf der Matte stehen. „Und alle waren mit Maske da“, sagt die Südlohnerin mit Respekt in der Stimme, „auch die über 80-jährigen“.

Die medizinische Notwendigkeit des Reha-Sports wird nicht gesehen

Aber nun? Die medizinische Notwendigkeit des Reha-Sports werde wohl nicht mehr gesehen, sagt Michaela Mehlhose fast resigniert. Und dabei sei er sehr notwendig. Anna Wildner gibt ein Beispiel: Ein Südlohner hatte einen Bandscheibenvorfall erlitten, litt unter starken Schmerzen, musste starke Medikamente nehmen. Der Reha-Sport unter Anleitung half ihm. „Jetzt hat er wieder Schmerzen“, weiß die Übungsleiterin. Er habe gesagt, dass ihm die persönliche Ansprache fehle, das „korrigiert werden“.

Reha-Sport wird ausgebremst – das wird Folgen haben

Der Verein mit Sitz in Südlohn versucht, die Folgen des Lockdowns auf die Patienten zu dokumentieren. Die Patienten werden angerufen und nach ihrem Gesundheitszustand und Wohlbefinden gefragt. Manche haben Alternativen gefunden, andere Auskünfte waren alarmierend. Sie habe den beteiligten Stellen und Behörden auch von den „Kollateralschäden“, die bei den Patienten auftreten, berichtet, sagt Michaela Mehlhose. Auch das half nicht.

Was der Südlohner Verein, der in Kooperation in allen Gesundheitszenten im Westmünsterland Reha-Sport anbietet, machen könnte, sind Kurse via Zoom. Die Teilnehmer müssten viele Formulare ausfüllen (Datenschutz), die Technik zu Hause haben und bedienen können und dann vor dem Bildschirm loslegen auf Ansprache von der Übungsleiterin, die vor der Kamera steht. Davon halten beide nichts. „Mit Blick auf das Durchschnittsalter der Patienten: Da ist es schon schwierig, Stürze zu vermeiden“, erläutert Anna Wildner.

Nichts ist möglich – außer Zoom-Kursen via Internet

Zwei Übungsleiter wären nötig für einen Zoom-Kurs – der zweite auch als „Aufpasser“ zum Beispiel für den Fall eines Sturzes. „Das ist doch nicht Sinn und Zweck des Reha-Sports“, schimpft Michaela Mehlhose. Sie hat auf allen Ebenen sich selbst gekümmert oder über den Trägerverband des Vereins, den BRSNW, versucht, Einfluss zu nehmen und den Verantwortlichen die Notwendigkeit des Reha-Sports zu verdeutlichen. Das Ergebnis: Nichts ist möglich außer Zoom-Kursen. Kein Training draußen, keines im großen Zelt.

Das wäre aber auch gar nicht nötig, findet die Physiotherapeutin: „Wir sind alle durchgeimpft“, richtet sie den Blick aufs medizinische Personal. „Die Patienten könnten negativ getestet kommen und ich würde behaupten, die gehen hier auch negativ wieder raus.“ Vorkehrungen würden ja getroffen. „Ich wünsche mir, dass die Verantwortlichen ihre Haltung überdenken“, bringt es Michaela Mehlhose auf den Punkt.

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Anne Winter-Weckenbrock

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