Paul-Gerd Stegemanns Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg berührten die Zuhörer

dzHeimatlesung Südlohn

Zur Heimatlesung hatte der Heimatverein Südlohn in den Festsaal Terhörne eingeladen. Die „Erinnerungen an eine wirre Zeit“ stießen auf riesiges Interesse, es blieb kein Platz frei im Saal.

von Stefan Hubbeling

Ahaus

, 02.02.2020, 16:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Kein Platz war mehr frei im Festsaal des Hauses Terhörne beim ersten Abend der zweiteiligen Heimatlesung. Der Heimatverein Südlohn hatte dazu eingeladen, sich mit den Aufzeichnungen von Paul-Gerd Stegemann zu beschäftigen. Der Südlohner, geboren im Jahre 1932, hatte für seine jüngere Schwester Annette seine Jugenderinnerungen aus den letzten Kriegsmonaten aufgeschrieben.

Paul-Gerd Stegemanns Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg berührten die Zuhörer

Freuten sich über das große Interesse an der Heimatlesung (v. l.) Eva Maria Gröner, Prof. Heinrich Greving, Paul-Gerd Stegemann (Autor) sowie Doris und Ernst Bennemann vom Südlohner Heimatverein als Veranstalter Beste Grüße © Stefan Hubbeling

Unter dem Titel „Erinnerungen an eine wirre Zeit“ hatte Paul-Gerd Stegemann seine Erfahrungen an seine Jugendzeit aufgeschrieben. Vorgelesen wurden die niedergeschriebenen Erinnerungen von Professor Heinrich Greving. Der Stadtlohner las die Passagen mal leise, mal energisch vor, und vermittelte den Zuhörern so ein Gefühl für die damalige Situation. Zusätzlich untermalte Eva Maria Gröner die einzelnen Textpassagen sehr gefühlvoll musikalisch.

In der Schule ging es chaotisch zu

Zunächst wurden Textauszüge aus dem Spätherbst 1944 vorgetragen. Es wurden die damaligen dörflichen Verhältnisse in Südlohn beschrieben. Beispielsweise beschrieb Stegemann die chaotischen Schulbedingungen in der Zeit, in der nur noch ein Lehrer im Ort anwesend war. In dieser Zeit wurden auch die ersten Luftangriffe auf Südlohn und der Umgebung von den Briten geflogen.

Die Briten flogen strategische Ziele wie Versorgungsanlagen, Bahnhöfe, und das Gewerbe an. Damals half Paul-Gerd Stegemann Tante Wansing, die einen Milchwarenhandel besaß. Als Transportmittel hatten sie einen Schlitten. Während sie an einem Nachmittag im Winter 1944/45 mit dem Schlitten durch Südlohn glitten, wurde ein Zug von den britischen Jagdbombern attackiert. Das Ergebnis war verheerend: Die Gemeinde Südlohn musste einige Tote und Schwerverletzte beklagen. Der Zug und die Gleise waren zerstört.

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Einen britischen Jagdbomber aus der Nähe betrachten konnte der Autor im Februar 1945. Damals stürzte ein gegnerisches Kampfflugzeug in der unmittelbaren Umgebung von Südlohn ab. Es wurden zwei britische Fliegersoldaten geborgen. In den darauf folgenden Wochen sollten sich die Luftangriffe der Kriegsgegner häufen und verheerende Schäden anrichten. Die mittlerweile stark geschwächte deutsche Flugabwehr, die sich kaum noch gegen die Angriffe des Kriegsgegners wehren konnte, ließ diese Angriffe zu.

Paul-Gerd Stegemanns Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg berührten die Zuhörer

Kein Platz war frei geblieben im Festsaal Terhörne: Viele Südlohner wollten die Lesung der Erinnerungen von Paul-Gerd Stegemann an seine Jugend im Zweiten Weltkrieg in Südlohn hören. © Stefan Hubbeling

So sollte der Westfalenwall, eine Verteidigungslinie quer durch das Münsterland, auch in Südlohn errichtet werden. Für dieses Vorhaben setzte das Regime einheimische Bürger, Kinder aber auch Kriegsgefangene, vornehmlich aus Osteuropa, ein. Die Kriegsgefangenen waren meist unterernährt. So war es nicht verwunderlich, das es zu Diebstählen kam. Als eines Tages ein Kriegsgefangener bei einem Diebstahl eines Brotes erwischt wurde, verprügelte ein SA-Mann den Kriegsgefangenen.

Tante Wansing griff ein, als ein SA-Mann einen Kriegsgefangenen verprügelte

Tante Wansing ging entschlossen dazwischen, nach Paul-Gerd Stegemann Erinnerungen mit den Worten: „Lass den armen Mann in Ruhe. Unserer Männer und Söhne werden an der Ostfront auch hungern und du schlägst hier wohlgenährt und in deiner schmucken Uniform einen Hungernden. Schämen sollst du dich!“ Eine Handlung, die für Tante Wansing hätte auch tödlich enden können, schreib der Südlohner. Tante Wansing war und blieb danach für den kleinen Paul-Gerd eine Heldin.

Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg berührten die Zuhörer

Am 22. März 1945 wurde Südlohn von einem verheerenden Luftangriff heimgesucht. Bei dem Bombenangriff kamen viele Bürger ums Leben. Viele Südlohner Straßenzüge waren zerstört. Greving las Stegemanns Erinnerungen daran, dass alte und junge Mitmenschen und wie auch Kinder sterben mussten, gefühlvoll vor, es war bedrückend.

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Die Familie Stegemann wurde auch ausgebombt, aber alle überlebten den Angriff. Sie wurden von einem Vredener Bauern aufgenommen, wie die Zuhörer erfuhren. Paul-Gerd erinnerte sich daran, wie er mit seinem Vater und einem Bekannten noch nachts wichtige Utensilien aus dem ausgebombten Haus herausholte

Als die Briten sich im März 1945 bis Vreden durchkämpfen konnten, feierte die Familie Stegemann und ganz Südlohn das Kriegsende am Ostersonntag, 1. April 1945.

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