Der Eichenprozessionsspinner macht sich breit. Die Wartezimmer der Ärzte sind voller Patienten, die über Hautreizungen klagen. Die Bekämpfung der Nester kommt nicht hinterher.

Südlohn

, 26.06.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das Wort Plage fällt gleich in mehreren Gesprächen. Die Raupen des Eichenprozessionsspinners haben sich an ungezählten Stellen im Gemeindegebiet niedergelassen. Apotheker, Ärzte, die Verwaltung – gegen die Raupen und die Effekte ihrer Nesselhärchen sind im Moment viele Menschen machtlos.

Ein effektives Gegenmittel gibt es nicht

Dieter Weigel, Allgemeinmediziner aus Südlohn, kann davon ein Lied singen. Allein am Montagnachmittag klagten 17 seiner 25 Patienten über Probleme wegen der Raupen. „So eine einseitige Sprechstunde hatte ich noch nie“, sagt er und muss selbst lachen. Ein Gegenmittel? „Alle Bäume vernichten“, sagt er spontan. Auch den Gedanken wischt er aber schnell lachend beiseite. Dennoch ist in diesem Jahr die schiere Zahl der Raupen des Eichenprozessionsspinners ein riesiges Problem. Seit zwei Wochen gehe das in seiner Praxis so, erzählt der Arzt.

Nesselhärchen fliegen ungehindert durch die Luft

„Die meisten Patienten hatten gar keinen direkten Kontakt zu den Raupen“, erklärt der Arzt. Durch die Vielzahl der Raupennester würden aber ständig Nesselhaare durch die Luft fliegen. „Selbst der Kontakt mit denen reicht schon für Reaktionen aus“, so Dieter Weigel weiter. Die würden im Zweifel so aussehen wie Mückenstiche, „jucken aber etwas weniger“, erzählt er.

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Gegen die fliegenden Haare sei kaum ein Kraut gewachsen: „Die kommen sogar durch Fliegengitter hindurch“, so Dieter Weigel weiter. Auch in der Wäsche bleiben die Haare hängen. Selbst ein Waschgang in der Waschmaschine hilft nur wenig. Dieter Weigel fürchtet, dass sich die Plage mit den Raupen noch Wochen hinziehen kann. „Bis zum Ende der Sommerferien kann das locker noch so weitergehen“, schätzt der Mediziner. Opfern der Eichenprozessionsspinner kann er nur etwas gegen die Symptome geben: ein Antiallergikum oder in schlimmeren Fällen Kortison.

Nesselhaare in der Luft: Patienten mit juckendem Ausschlag stehen bei Ärzten Schlange

Nistkästen sollen Meisen anlocken, die dann die Raupen fressen sollen. Trotz rund 200 Nistkästen in beiden Ortsteilen haben sich die Eichenprozessionsspinner in Südlohn und Oeding fast ungehemmt ausgebreitet. © Stephan Teine

Der Oedinger Apotheker Dr. Heinrich Bäßmann steht ähnlich ratlos vor dem Problem. Auch er kann seinen Kunden nur kühlende Gels oder Salben anbieten, die den Juckreiz – zumindest für den Moment – lindern. Auch er spricht in diesen Fällen von einem Antihistaminikum oder Kortison. Rund die Hälfte seiner Kunden komme im Moment wegen Reizungen, die auf den Eichenprozessionsspinner zurückgehen. „Ein ganz großes Problem“, erklärt er. Und auch für ihn ist ein Ende der Plage bisher noch nicht abzusehen.

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Und was macht währenddessen die Gemeinde? „Wir tun was wir können, kommen aber einfach nicht nach“, erklärt Bürgermeister Christian Vedder. Die Mitarbeiter des Bauhofs und zwei Fremdfirmen seien aktuell in der Gemeinde unterwegs, um die Nester zu bekämpfen. „Die sind aber auch schon an der Leistungsgrenze“, erklärt er weiter. Auch die Fachfirmen würden händeringend nach neuen Mitarbeitern suchen, die gegen die Raupen vorgehen sollen. Da gehe es Südlohn so wie anderen Städten und Gemeinden in der Umgebung.

Gemeinde verzeichnet erstmals mehrfachen Befall

Das Fatale: Erstmals in diesem Jahr wurden Bäume mehrfach von den Raupen befallen. Kaum waren die Nester dort entfernt, hätten sich demnach neue Raupen angesiedelt. Für Südlohn und Oeding gibt es aktuell eine Prioritätenliste: Vor allem an Kindergärten und Schulen sollen die Tiere bekämpft werden. Erst danach seien öffentliche Wege dran. Auf Privatgrundstücken werde die Gemeinde nicht tätig. „Ich kann die Frustration vieler Bürger verstehen“, sagt Vedder. Dennoch wirbt er auch um Verständnis. „Wegen der Auslastung kriegen wir einfach nicht alles direkt geregelt“, sagt er. Aktuell beschränkt sich die Gemeinde darauf, Nester entfernen zu lassen und betroffene Bereiche mit Flatterband abzusperren. Auf Privatgrundstücken wird sie nicht tätig. „Aber wir versuchen natürlich zu helfen, indem wir Kontakte vermitteln“, erklärt Vedder noch. Auf Privatgrundstücken sei aber eben der Eigentümer selbst zuständig.

Ob die Bekämpfung der einzelnen Nester in Zukunft noch reicht, ist eine andere Frage. „Wir überlegen auch über andere Strategien“, kündigt Vedder an. Er berichtet auch von vergangenen Jahren, in denen großflächige Hubschraubereinsätze die Raupen bekämpfen sollten. „Das hat aber auch nichts gebracht“, sagt er. Deswegen soll es bei einer möglichst kleinteiligen Bekämpfung bleiben.

Niederländer versuchen es auf einem natürlichen Weg

In den Niederlanden wird gerade versucht, der Plage auf natürlichem Weg etwas entgegenzusetzen. Mehrere Städte haben dort vermehrt Nistkästen aufgehängt, um Fraßfeinde der Raupen anzulocken – in erster Linie Meisen. Mit ganz unterschiedlichem Erfolg. Für Südlohn und Oeding ist das aber anscheinend kaum eine Option. Denn Nistkästen hängen schon an vielen Stellen in der Gemeinde. Vor allem zwei Vereine haben sie aufgehängt: der Vogelschutz- und -liebhaberverein Südlohn sowie die Vogelfreunde Oeding. Insgesamt hängen rund 200 Kästen in den beiden Ortsteilen. „Viel enger kann man sie nicht hängen, weil ja jedes Tier sein eigenes Revier braucht“, sagt Franz Jägering von den Vogelfreunden aus Oeding. Auch so seien schon nicht alle Kästen besetzt.

Vom Vorstoß der Niederländer in Sachen Eichenprozessionsspinner hat er noch nichts gehört, mag aber trotzdem nicht so richtig an einen Erfolg glauben. So wie Alfons Kippert vom Südlohner Vogelschutzverein: „Wir haben Kästen an der Reithalle, der Grundschule, der ehemaligen Hauptschule und dem Ehrenmal hängen“, sagt er. Überall dort gebe es auch reichlich Eichenprozessionsspinner.

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