Markus Wellermann schaut mit gemischten Gefühlen auf das Corona-Jahr zurück. Der Musikschulleiter bedauert, dass die Pandemie den bildungspädagogischen Auftrag der Musikschule ausgebremst hat. © Markus Gehring
Interview

Musikschulleiter Markus Wellermann: „Ich bin ein Vollgas-Mensch“

Am Wochenende war das Frühjahrskonzert des Musikvereins Velen geplant. Es fällt aus. Dirigent Markus Wellermann hat im Interview mit Lars Johann-Krone über die Bedeutung der Absage gesprochen.

Herr Wellermann, Flöten, Hörner, Trompeten und Schlagwerke schweigen im Moment. Und auch ihr Taktstock ruht. Es handelt sich aber wohl eher um eine Ruhephase, die belastet, oder?

Markus Wellermann: Mittlerweile ja. Eine Zeit lang hat man ja gesagt: Es geht bald wieder los. Lass uns einfach durchhalten. Inzwischen kommt eine gewisse Sorge auf. Was wird passieren, wenn wir wieder loslegen können?

Mit Belastung war auch eine mögliche nervende Unruhe gemeint.

Wellermann: Das belastet mich persönlich gar nicht so sehr, weil ich als professioneller Trompeter gelernt habe, mich auch in diesen Zeiten zu beschäftigen. Ich habe viel geübt und werde nach der Pause vielleicht sogar fitter sein als vorher. Aber ich könnte mir vorstellen, dass das bei einigen Vereinsmitgliedern wegen der Perspektivlosigkeit schon ein Problem ist. Einige fragen sich vielleicht, wofür sie in dieser Zeit üben sollen, wenn es keine Auftritte gibt.

Keiner weiß, wie lange die Pandemie das Leben noch lähmt. Müssten Sie denn mit Ihrem Orchester nach dem Lockdown wieder bei null anfangen?

Wellermann: Ich glaube, bei null nicht. Aber wir werden sicher nicht da starten, wo wir schon waren. Nach so einer langen Ruhephase muss natürlich erst mal eine Bestandsaufnahme stattfinden. Ein Frühjahrskonzert hätte leistungstechnisch einen hohen Standard. Das würden wir nicht kurzfristig aus dem Hut zaubern können. Aber ich bin überzeugt, dass wir zum Beispiel spontan ein Frühschoppen-Konzert spielen können, wenn es erlaubt wäre.

Jetzt würden normalerweise die letzten Handgriffe für den abendlichen Auftritt beim Frühjahrskonzert in der Thesingbachhalle erledigt. Die Traditionsveranstaltung fällt zum zweiten Mal aus. Was bedeutet das für den Verein und für Sie?

Wellermann: So lange hat der Vereinsbetrieb nie geruht. Ich ziehe den Vergleich ungerne heran, weil es viel dramatischer war. Aber so etwas hat es wohl nur im Krieg gegeben. Das ist belastend. Mir wird immer mehr bewusst, in welcher Verantwortung ich stehe, weil eine Tradition zum Erliegen kommt, die unbedingt weitergeführt werden muss.

Keine Proben, keine Konzerte, keine Gemeinschaft. Wie geht der Verein damit um? Ist so eine Zeit auch eine Phase für Ideen zur Erneuerung?

Wellermann: In der Tat ruht auch die Gemeinschaft. Es gibt zwar einen Notbetrieb, und wir sind per Whatsapp verbunden. Aber sonst ruht wirklich alles. Über Erneuerung habe ich nicht nachgedacht. Wir waren die Jahre über immer recht experimentell unterwegs. Was ich sehe, ist eine gewisse Chance, dass über eine solche Phase der Ruhe bei einigen eine neue Frische entsteht. Das würde ich auch gerne vermitteln. Ich bin sowieso ein Vollgas-Mensch.

Gab es denn in dieser Phase auch Vereinsaustritte?

Wellermann: Nein. Austritte gab es zunächst nicht. Während des Lockdowns habe ich da auch gar nicht so eine große Befürchtung, weil alles ruht. Möglicherweise kommt eine Kündigungswelle auf Musikschulen und Musikvereine zu, wenn es wieder losgeht. Dann ist der eine oder andere vielleicht in eine gewisse Lethargie verfallen und sagt: Ging eigentlich auch ganz gut ohne. Oder: Ich habe keine Lust mehr. Und es gibt Leute, die einfach keinen Dreh mehr finden. Ich hoffe aber, das Gegenteil ist der Fall.

Sie waren lange freischaffender Künstler. Die Musik war Ihre Haupteinnahmequelle. Einige Monate vor Pandemiebeginn sind Sie bei der Gemeinde Südlohn in Vollzeit in den öffentlichen Dienst gewechselt. Ein Wechsel zur rechten Zeit, oder?

Wellermann: Absolut. Da hat es gepasst. Jetzt wäre es auf dem freischaffenden Markt schwer, Geld zu verdienen. Und die Branche ist durch die Maßnahmen auch ein wenig in Vergessenheit geraten. Natürlich müssen wir uns ums Impfen und so weiter kümmern. Da geht es ums Überleben. Aber man muss schon sagen, dass da Existenzen an der Musik, der Kultur hängen.

Dennoch sind Sie ja weiter Künstler und haben vermutlich noch gute Drähte in die Szene. Wie schwer sind die Schäden, die Pandemie und Lockdown in der Musik angerichtet haben?

Wellermann: Künstler bleibe ich und mache jeden Abend meine Stunde Trompete und spiele Klavier. Ich habe als Künstler eine gestandene Karriere hinter mir, habe einen festen Stand. Die Frage ist, was macht die Pandemie mit jungen Leuten? Denen klaut sie in gewissem Maß einen Teil ihrer Entwicklungsmöglichkeiten.

Hätte es eine Alternative zum radikalen Lockdown für die Kultur gegeben?

Wellermann: Da wage ich keine kritisierenden Aussagen. Ich glaube, für die Regierung war es schwierig, die richtigen Entscheidungen und Einschätzungen zu treffen. Ich glaube, ein Lockdown war zu gewissen Zeiten notwendig, glaube aber auch, das gewisse Abwägungen falsch sind. Wenn die Flieger nach Mallorca voll sind und die Theater leer, welchen Stellenwert, hat dann was?

Sie sind in letzter Zeit allerdings jemand, der auch in den sozialen Netzwerken Stellung bezieht auch zu politischen Themen – mehr als vor der Pandemie. Wie kam es zu dem Wandel?

Wellermann: Es liegt auch an Corona, dass sich die Plattformen, auf denen man sich äußern kann, beschränken. Stammtisch-Gespräche gibt es nicht mehr. Da geht es schneller in Richtung Facebook. Gerade Corona und die Pandemie werden aber bei Facebook viel diskutiert. Da halte ich mich bei vielen Dingen zurück. Aber irgendwann kommt als Vertreter einer gesunden Demokratie der Punkt, an dem ich nicht länger den Mund halten kann. Das betrifft mein Leben als Demokrat, als engagierter Mensch im öffentlichen Leben und als Christ.

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