Ed Mijnen (r.) kehrte an den Ort zurück, an dem sein Vater Eed im Zweiten Weltkrieg einen Arbeitsdienst verrichtete. Heinrich (l.) und Wilhelm Paß zeigten dem Buchautor unter anderem das Fenster des Elternhauses, hinter dem sich vermutlich das Schlafzimmer des Niederländers seinerzeit befunden hatte. © Michael Schley
Zweiter Weltkrieg

Holländer schreibt Kriegserlebnisse des Vaters auf – eine Spur führt nach Oeding

Beim Arbeitseinsatz haben sich Eed Mijnen und Andrej Kozin im Zweiten Weltkrieg auf dem Hof Paß in Oeding kennengelernt. Eeds Sohn Ed hat diese besondere Freundschaft nachgezeichnet.

Ein paar Briefe und zwei Strohkörbe: Als Ed Mijnens Bruder Toon vor ein paar Jahren die Wohnung der verstorbenen Eltern Eed und Bertha nahe Doetinchem auflöst, kann er mit diesen Fundstücken zunächst wenig anfangen. Die Brüder nennen sie „Russen-Sachen“. Ed wollte die Sache aber nicht auf sich beruhen lassen, wollte wissen, ob sich in der Geschichte der Eltern noch ein Abschnitt verbirgt, der den Kindern so nicht bekannt war.

Zwei Jahre recherchierte er und setzte die Puzzlestücke nach und nach zusammen: Herausgekommen ist das Buch „Mein Vater Eed Mijnen im Zweiten Weltkrieg – Erlebnisse mit russischen Gefangenen und einer deutschen Bauernfamilie“. Die deutsche Bauernfamilie ist die Familie Paß im Fresenhorst, dort verrichtete der junge Eed Mijnen im Zweiten Weltkrieg einen Arbeitseinsatz.

Nun kehrte sein Sohn Ed an diese Stätte zurück, gut 75 Jahre danach und mit den gesammelten Erinnerungen beider Familien im Gepäck. Im Mittelpunkt: die besondere Freundschaft des Vaters zu einem russischen Kriegsgefangenen.

Arbeitseinsatz lässt besondere Freundschaft entstehen

Mai 1943: Nach der Besetzung werden die drei holländischen Freunde Marius Muller, Wim Spekking und eben Eed Mijnen zum Arbeitseinsatz nach Deutschland kommandiert, gemeinsam kommen sie bei Bauern in Oeding unter. Während Marius Muller bei Theo Paß Unterkunft findet, zieht es Eed Mijnen zu Bernhard und Maria Pass in den Fresenhorst. Es sagte stets Paß-Könning, Paß war die Bauernfamilie, Könning der Hof, so steht es im Manuskript.

Ed Mijnen hatte für seinen Besuch in Oeding zahlreiche Dokumente zusammengestellt.
Ed Mijnen hatte für seinen Besuch in Oeding zahlreiche Dokumente zusammengestellt. © Michael Schley © Michael Schley

„Mein Vater hat mir später oft etwas von einem Andrej erzählt“, berichtet Ed Mijnen. Andrej, das war Andrej Kozin, wie Eed Mijnen Jahrgang 1923, eigentlich 2500 Kilometer von diesem getrennt. In diesen Tagen wurden sie Nachbarn – und Freunde. Schwer verletzt war Andrej Kozin als Partisan und Fallschirmjäger im Dezember 1942 von deutschen Soldaten bei Smolensk festgenommen worden.

„Er schaffte es über Polen aber in ein kleines Kriegsgefangenenlager bei Oeding“, erzählt Ed Mijnen. Der junge Russe leistete Zwangsarbeit. Er arbeitete auf dem Hof Paß, abends ging es die rund zwei Kilometer zurück ins Lager.

Im Juni 1943 traf er dort erstmals Eed Mijnen – der Beginn einer echten Freundschaft. Ed Mijnen zitiert aus einem Interview, das sein Vater 1995 gegeben hat: „Wir machten alles zusammen, teilten Zigaretten, waren wie Brüder.“

Eed Mijnen hilft Russen bei der Flucht aus Oeding

Eine Wende schien im September 1944 gekommen: Im Radio vernahm Eed Mijnen, die Alliierten seien „tief in Holland eingedrungen.“ Das Ende des Krieges? „Ein großer Irrtum“, wie Sohn Ed Mijnen zurückblickt. Die drei holländischen Jungs, an die 20 Jahre alt, flohen Richtung Heimat – versetzt, damit es nicht auffiel. Die Fluchtmeldungen bei der Amtsverwaltung Stadtlohn haben sich bis heute im Gemeindearchiv Südlohn erhalten.

Gebannt verfolgten Gemeindearchivar Ulrich Söbbing sowie Wilhelm und Heinrich Paß (v.l.) den Vortrag von Ed Mijnen (r.).
Gebannt verfolgten Gemeindearchivar Ulrich Söbbing sowie Wilhelm und Heinrich Paß (v.l.) den Vortrag von Ed Mijnen (r.). © Michael Schley © Michael Schley

Eed Mijnen hatte für sich aber noch einen Auftrag zu erfüllen: Er kehrte über die Grenze zurück, um seinen Freund Andrej und einen zweiten Russen, Sasjka, nachzuholen. Ein riskantes Unterfangen. So musste er sich auf dem Hinweg am Zoll vorbeischleichen, auf dem Rückweg nahm man die falschen Bahngleise auf dem Fußweg und lief Richtung Borken. „Als Eed bemerkte, dass eine Frau, die er nach dem Weg fragte, Verdacht schöpfte und zum Telefon eilte, um den Zoll zu informieren, riss mein Vater das Kabel aus der Wand“, erzählt Ed Mijnen.

Zwei Nächte liefen die Drei die 45 Kilometer von Paß über Winterswijk durch zum Elternhaus der Mijnens bei Doetinchem, in dessen Nähe die Schlinge vorbeifließt. Eine weitere Verbindung nach Oeding. Die beiden Russen versteckten sich in einer dunklen Erdhöhle, 100 Tage lang. Eed Mijnen und Marius Muller sowie dessen Bruder Gerd versorgten sie mit Brot, das sie auf den heimischen Höfen abzwackten. Dies unbemerkt, trotz schwerer Zeit.

Briefe und Strohkörbe legen Spur nach Oeding offen

Entdeckt wurde die Höhle erst im Dezember 1944 von einem Wilderer namens Beltermann. „Eine glückliche Fügung, es wurde Winter“, so Ed Mijnen. Drei Monate versteckte dieser die beiden auf dem Dachboden in Silvolde. Aus diesem Versteck schrieb der Russe dann die Briefe an seinen Freund Eed Mijnen – der Ursprung der Recherchen des Sohnes für sein Buch.

Noch oft sei Eed Mijnen zu Besuch auf den heimischen Hof gekommen, erinnert sich Wilhelm Paß, der die Recherchen gemeinsam mit Bruder Heinrich Paß auf deutscher Seite unterstützte – „alle zwei Jahre sicher“. Im Jahr 2000 war er unter anderem mit Gerd und Marius Muller zu Besuch. Auch nach dem Tod der Eltern Bernhard und Maria habe Eed Mijnen von einem Besuch an deren Grab erzählt, so Heinrich Paß. Berichtet habe er auch von der Freundschaft zu einem russischen Kriegsgefangenen.

Rene Mijnen begleitete seinen Vater Ed an den Ort, an dem für ihren Großvater und Vater eine besondere Freundschaft zu einem russischen Kriegsgefangenen begann.
Rene Mijnen begleitete seinen Vater Ed an den Ort, an dem für ihren Großvater und Vater eine besondere Freundschaft zu einem russischen Kriegsgefangenen begann. © Michael Schley © Michael Schley

Nach der Trennung nach Kriegsende hieß es aber erst einmal „aus den Augen, aus dem Sinn“, wie Ed Mijnen sagt. Kontakt zu seinem Vater habe Andrej erst 1973 mit einem Brief wieder aufgenommen. Nach der Rückkehr aus dem Krieg wartete auf den Russen ein Jahr lang Arbeitslager in Donezk in der Ukraine, erst dann durfte er zurück nach Hause. „1970 hat Andrej erst seine Bürgerrechte zurückerhalten“, berichtet Ed Mijnen. Bis dahin sei er ein Bürger zweiter Klasse gewesen.

Söhne lassen Geschichte weiterleben

Vermutlich habe er deshalb erst so spät wieder Kontakt hergestellt – bis er 1979 verstarb. Heute sind es die beiden Söhne sowie Andrejs Enkelin Elena mit der Familie Pass, die die Geschichte weiterleben lassen: Andrej Kozins Sohn Anatoly berichtete Ed Mijnen, dass sein Vater nach Erhalt eines ersten Briefes von Eed Mijnen „Wodka getrunken und zwei Wochen geweint“ habe. Eed heiratete 1953 übrigens seine Bertha und wurde später Landwirtschaftslehrer in Winterswijk.

Und am Elternhaus der Familie Paß, heute Wilhelms Zuhause, blickt Ed Mijnen an diesem Tag auf das Fenster, hinter dem Vater Eed Mijnen lange die Nächte verbracht hat. Live zugeschaltet: Anatoly aus Russland, der betont, dass sein Vater immer sehr lobend über die Familie Paß gesprochen habe. Nicht nur ein Moment, der Ed Mijnen an diesem Tag besonders berührt.

Er glaubt, dass er die Geschichte richtig aufgeschrieben hat: „Manches wird aber wohl für immer verborgen bleiben.“ So wie womöglich gar das Buch, hätten nicht ein paar Briefe und zwei Strohkörbe Ed Mijnen nicht mehr in Ruhe gelassen.

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