Die Schwerter Spielplatzlok hat Hans-Jürgen Ehrhardt als Modell nachgebaut. Bei der Probefahrt schaut Enkelin Josefine (4) staunend zu. Daneben steht auf dem Gleis ganz in Weiß schon das neue Bauprojekt., die verkleinerte Nachbildung einer alten Diesellok vom Typ Köf 3, deren Original früher in Dortmund fuhr. © Manuela Schwerte
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100 Jahre alte Spielplatzlok von der Ruhrstraße fährt wieder – ist aber etwas geschrumpft

100 Jahre alt ist die Schwerter Spielplatzlok, auf der Generationen von Kindern herumgetobt sind. Jetzt gibt es ein originalgetreues Modell. Dass der Schornstein fehlt, hat einen Grund.

Alles ist wie im Original nachgebaut. Bis auf das kleinste Detail. Nur auf den Kobelschornstein, der das tonnenschwere Vorbild prägt, hat Hans-Jürgen Ehrhardt verzichtet. Und das hat nichts mit Umweltschutz zu tun.

Bei genauerem Hinsehen ist das schwarze Rohr auf der Motorhaube der 100-jährigen Spielplatzlok immer nur eine Attrappe gewesen. Es wurde zum Spaß der Kinder angeschweißt, die einst auf dem Gelände an der Ruhrstraße in den Führerstand kletterten, um von Abenteuern auf der weiten Welt des Schienenstrangs zu träumen.

Das Modell wurde schon 2008 von einem Kollegen begonnen

Auch die Tochter von Hans-Jürgen Ehrhardt, mittlerweile längst erwachsen, konnte nie an ihrem Lieblings-Spielgerät vorbeigehen. Kein Wunder, dass der Modellbauer eine besondere Beziehung zu der Lok hat, die mittlerweile ihr Abstellgleis neben dem früheren Bahnhof Westhofen gefunden hat.

Sie ist gar keine Dampflok, sondern eines der ganz frühen Modelle mit Dieselmotor. Ein seltenes Stück Bahngeschichte. Deshalb hatte schon 2008 ein Mitglied der Schiffsmodellbaufreunde Schwerte, Thomas Fohr, die Idee, die Spielplatzlok im Maßstab 1:16 nachzubauen. Passend zu den Lkw-Modellen anderer Mitglieder, die in derselben Größe gefertigt werden.

Neben dem Fensterbahnhof Westhofen fand die 100 Jahre alte Spielplatzlok ein Plätzchen, das sie vor der Verschrottung rettete.
Neben dem Fensterbahnhof Westhofen fand die 100 Jahre alte Spielplatzlok ein Plätzchen, das sie vor der Verschrottung rettete. © Reinhard Schmitz © Reinhard Schmitz

Da es keine Pläne mehr gab, fuhr Thomas Fohr mit Fotoapparat und Zollstock zu dem Original am Fensterbahnhof Westhofen, um eigene Skizzen anzufertigen. Zügig ging er an den Bau, der dann jedoch wegen anderer Projekte stockte. Die Lok geriet ins Vergessen, bis 2018 Hans-Jürgen Ehrhardt gefragt wurde, ob er sie nicht vollenden wollte. Denn die Kollegen wussten, dass er schon mehrere Schienenfahrzeuge gestaltet hatte.

Sogar die Armaturen im Führerhaus sind nachgebildet

„Meine 40-jährige Berufserfahrung bei der Deutschen Bundesbahn war dabei sehr hilfreich“, sagt Hans-Jürgen Ehrhardt, der mittlerweile den Vereinsvorsitz führt: „Ich bin als Eisenbahner geboren und habe da auch aufgehört.“

Er hat seine Karriere noch mit einer Lehre im früheren Eisenbahn-Ausbesserungswerk Schwerte-Ost begonnen, später hielt er als Werkmeister die großen Reisezugwagen in Dortmund verantwortlich in Schuss.


Als der 69-Jährige das Bauprojekt übernahm, gab es mehr oder weniger erst das Gehäuse. Die Radsätze und das Getriebe mussten genauso noch gebastelt werden wie viele andere Teile: „Nur der Motor und die Fernsteuerung sind gekauft, sonst ist alles Eigenbau.“

Mit aller Liebe und allem Geschick, wie schon ein Blick in den Führerstand beweist, wo sogar Armaturen wie die Hebelbremse nachgestaltet sind. Auch die Federpuffer am Rahmen sind wie im Original beweglich. Denn das – so weiß Hans-Jürgen Ehrhardt – ist das Erste, was staunende Besucher bei Ausstellung per Daumendruck testen.

Zuletzt renoviert wurde die Spielplatzlok im Jahre 1999 in der Werkstatt der damaligen Mainischen Feldbahnen im Schwerter Güterbahnhof, die ihr Firmenschild ans Führerhaus nieteten.
Zuletzt renoviert wurde die Spielplatzlok im Jahre 1999 in der Werkstatt der damaligen Mainischen Feldbahnen im Schwerter Güterbahnhof, die ihr Firmenschild ans Führerhaus nieteten. © Reinhard Schmitz © Reinhard Schmitz

Die Probefahrt auf dem Vereinsgelände am Grüntaler Teich, wo die Modellbauer rund 50 Meter Schienen in der passenden Spurweite von 90 Millimetern (3,5 Zoll) verlegt haben, ist in aller Stille erfolgreich absolviert. Wann das Prunkstück der Öffentlichkeit gezeigt werden kann, ist wegen der Corona-Krise noch unklar.

Schon im vergangenen Jahr mussten die beliebten Schautage abgesagt werden. „Das Vereinsleben ist vollkommen eingefroren“, bedauert Hans-Jürgen Ehrhardt, der mit einer Rangierlok vom Typ Köf2 schon sein nächstes Projekt gestartet hat. Die 42 Mitglieder kommunizieren derzeit nur über WhatsApp.

Original rangierte ursprünglich Miele-Waschmaschinen

Irgendwann werden sie wieder fahren können. Im Gegensatz zu der originalen Spielplatzlok, die 1921 von der Firma Deutz an die Miele-Werksbahn in Gütersloh geliefert worden ist. Über einen Umweg im Dortmunder Hafen holte die Stadt sie 1984 als Attraktion zum Spielplatz an der Ruhrstraße.

Dort musste sie 2008 wieder verschwinden, weil die EU neue Richtlinien für Spielgeräte erlassen hatte. Dem Museumsstück drohte der Schrottplatz – bis der Fensterbahnhof Westhofen ihm einen Platz gab.

Über den Autor
Redaktion Schwerte
Reinhard Schmitz, in Schwerte geboren, schrieb und fotografierte schon während des Studiums für die Ruhr Nachrichten. Seit 1991 ist er als Redakteur in seiner Heimatstadt im Einsatz und begeistert, dass es dort immer noch Neues zu entdecken gibt.
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Reinhard Schmitz

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