Historische Hochzeit: Wie vor 100 Jahren in Stadtlohn „Ja“ gesagt wurde

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Genau 100 Jahre ist es am 18. Mai her, dass sich der Zigarrenmacher Heinrich Bockwinkel und seine Braut Maria Voß das Ja-Wort gegeben haben. Tochter Agnes Dirking (89) erinnert sich.

Stadtlohn

, 18.05.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Eine Hochzeit im Mai ist es, die Maria Voß und Heinrich Bockwinkel vor genau 100 Jahren feiern. Die herausgeputzten Hochzeitsgäste versammeln sich um das Brautpaar im Burggarten zum Hochzeitsfoto, für das extra ein Fotograf herbestellt worden ist.

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„Da kann man sehen, dass den Brautleuten schon vor 100 Jahren so ein Foto sehr wichtig war“, sagt Agnes Dirking. Sie ist die jüngste Tochter des Paars. Gefeiert wird damals in der Gaststätte der Witwe von Josef Uhlenkott, eine florierende Gastwirtschaft, in der auch eine Bäckerei und ein Kolonialwarenhandel untergebracht sind.

Arbeit als Thekenkraft

Doch wie haben sich das Mädchens aus der Vredener Bauerschaft Mast und der jungen Mann aus Stadtlohn kennengelernt? „Das kann ich leider nicht beantworten“, sagt Agnes Dirking. Wie ihre Mutter nach Stadtlohn kam, weiß sie jedoch aus Erzählungen.

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„Ab 18 Jahren war meine Mutter bei Ostendarps Jans hinter der Theke. Die Gaststätte gibt es ja heute noch. Im Ersten Weltkrieg ist sie im Hotel Mümken gewesen. 1918 ist sie nach Stadtlohn zur Gaststätte Uhlenkott gekommen. Ümmer Schnäpskes iingeeten“, meint die Seniorin schmunzelnd.

Verwandte feiern mit

Obwohl Maria Voß lieber hinter der Theke als auf dem Tanzboden steht, muss sie irgendwie den sechs Jahre jüngeren Heinrich Bockwinkel kennengelernt haben, der quasi um die Ecke in der Hohen Straße wohnt.

Zur Feier eingeladen sind neben Brautvater Joseph Voß und der Mutter des Bräutigams, Christina Bockwinkel, die neben den Brautleuten sitzen, auch Verwandte aus den Familien Bockwinkel, Steinbach, Voß, Schweers und Robers.

Zigarrenmacher

Das junge Ehepaar zieht in sein eigenes Haus auf der Hohen Straße, und ein Jahr später wird Tochter Christine geboren. 1924 folgt Sohn Josef und 1931 Nesthäkchen Agnes.

„Mein Vater war gelernter Zigarrenmacher bei der Zigarrenfabrik Gelsing in Stadtlohn. Natürlich rauchte er auch selbst gerne Zigarren, was in einer Herrenrunde auch durchaus üblich war. Er hat immer gesagt: Das ist ein gelernter Beruf“, erklärt Agnes Dirking.

Kleines Glück

Die Familie besitzt einen großen Garten an der Garwerts Mähre, in dem die Kinder mit ihren Eltern viel Zeit verbringen. „Der Garten war neben der KAB, der mein Vater sein Leben lang angehört hat, eine seiner Lieblingsbeschäftigungen“, sagt die Tochter.

Der Zweite Weltkrieg zerstört das kleine Glück, als Josef Bockwinkel zum Militär eingezogen wird. „Er ist aus dem Krieg nicht mehr zurückgekommen“, sagt seine Schwester traurig. 1945 stirbt er beim Vormarsch der Roten Armee auf Danzig. Ein Schlag, von dem sich die Maria und Heinrich Bockwinkel nie ganz erholen werden.

Schicksalsschlag

Dann, am 11. März 1945 der nächste Schock: Bei einem Bombenangriff wird das Haus der Familie zerstört. Vater, Mutter und die Töchter kommen mit dem Leben davon, während 24 Nachbarn ihr Leben verlieren.

Das Haus, wo sie die Dinge unterstellen dürfen, die sie retten konnten, brennt bei einem Angriff ab, während sich die Familie bei einem Almsicker Bauern im Keller versteckt. „Ich weiß noch, wie mein Vater die Kellertreppe herunterkam und sagte: Nu häbbt wi nix mehr“, erinnert sich Agnes Dirking.

Neuanfang nach dem Krieg

Für vier Jahre kommen die Bockwinkels bei Familie Voß in Vreden unter. Heinrich Bockwinkel baut selbst Tabak an und verkauft nach dem Krieg Zigarren gegen Lebensmittel. Weitere vier Jahre wohnen sie bei der Stadtlohner Familie Dirking.

Heinrich Bockwinkel möchte seiner Familie ein eigenes Heim bieten.

Er findet eine neue Anstellung, zunächst als Lagermeister in der Weberei Cohaus und Demes. Später wechselt er zu den Chemischen Werken nach Marl-Hüls. 1953 kann die Familie in ihr neues Haus einziehen. Maria Bockwinkel stirbt 1961, ihr Mann Heinrich zwölf Jahre später. Ihr ereignisreiches, gemeinsames Leben begann einst im Mai.

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