Wie eine Kerzenflamme Hermann Liemanns lebenslange Leidenschaft für Fotografie entfachte

dz180 Jahre Fotografie

Die Fotografie feiert in diesem Jahr ihren 180. Geburtstag. Hermann Liemann entdeckte vor 50 Jahren seine Leidenschaft für die Lichtbildnerei – mit einer Kerzenflamme und einer Laubsäge.

Stadtlohn

, 18.09.2019, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Kühn, entschlossen und neugierig blickt der junge Mann in die Kamera. Sein Blick wurde 1849 für die Ewigkeit festgehalten, erstaunlich nuanciert bis ins kleinste Detail, aufbewahrt in einem edlen Etui aus Samt und Messing. Das Bild stammt aus den Anfangsjahren der Fotografie. Es handelt sich um eine sogenannte Daguerreotypie, eine Fotografie auf einer spiegelglatt polierten Metalloberfläche. Der französische Maler Louis Jacques Mandé Daguerre hat das Verfahren 1839 erstmals vorgestellt. Das war vor 180 Jahren der Anfang der modernen Fotografie.

Wer der junge Mann auf dem Foto ist, ist unbekannt. Hier geht es auch nicht um ihn, sondern um den Mann, der gerade das Etui mit der historischen Daguerreotypie aufklappt: Hermann Liemann. Der Stadtlohner hat vor gut 50 Jahren die Fotografie als Leidenschaft für Leben entdeckt. Und mit der ihm eigenen Kühnheit, Entschlossenheit und Neugierde hat der 14-jährige Bauernjunge einen Weg eingeschlagen, der ihn später als Berufsfotograf um die Welt führte. „Du musst machen, was dir Spaß macht“, dieses Erfolgsgeheimnis hatten ihm sein Großvater und sein Vater schon in Jugendjahren mit auf den Weg gegeben.

Wie eine Kerzenflamme Hermann Liemanns lebenslange Leidenschaft für Fotografie entfachte

Hermann Liemann in seinem privaten Kamera-Museum. © Liemann

Der 180. Geburtstag der Fotografie ist für Hermann Liemann Anlass, den Besucher in seinen Keller zu führen, in sein privates Fotografiemuseum. In Glasvitrinen zeigen 300 Kameras die Technikgeschichte zum Anfassen: von der der hölzernen Konica-Kamera aus dem Jahr 1904 über die Spiegelreflexkamera bis hin zum Prototypen einer Digitalkamera aus dem Jahr 1986, mit der Hermann Liemann als einer der ersten in Deutschland versuchsweise fotografierte. Und dort ist auch die Daguerreotypie zu sehen.

Wie eine Kerzenflamme Hermann Liemanns lebenslange Leidenschaft für Fotografie entfachte

So verschwommen sah einmal die Zukunft aus: Eine der ersten Digitalaufnahmen aus dem Jahr 1987 zeigt Hermann und Margret Liemann mit einem Konica-Techniker. © Foto privat (Hermann Liemann)

„Ganz scheußliche Bilder“, sagt Hermann Liemann lachend und zeigt eine unscharfe verwischte Aufnahme aus der digitalen Urzeit, die ihn selbst und seine Frau Margret mit einem Japaner zeigt. Die Aufnahme hat nicht annähernd die Qualität der Daguerreotypie aus dem 19. Jahrhundert.

Camera Obscura selbst gesägt

Mit einer Flamme fing für Hermann Liemann alles an. Vor gut 50 Jahren hat er sein erstes Foto gemacht. Eine brennende Kerze ist das Motiv, aufgenommen mit einer selbst gebauten Camera Obscura. Nachdem Lehrer Hermann Innig seinen Schülern in der Wenningfeld Volksschule das physikalische Prinzip der Lochkamera erklärt hat, greift der 15-jährige Hermann Liemann am Nachmittag direkt zur Laubsäge, um sich eine Kamera aus Sperrholz zu bauen. „Das Foto von der Kerze habe ich noch irgendwo, aber ich kann es nicht wiederfinden“, sagt er 50 Jahre später.

Wie eine Kerzenflamme Hermann Liemanns lebenslange Leidenschaft für Fotografie entfachte

Hermann Liemann zeigt zwei Kameras aus seiner Sammlung: eine hölzernen Konica-Kamera aus dem Jahr 1904 und einen Prototyp für eine Digitalkamera aus dem Jahr 1986. © Stefan Grothues

Das „Feuer für die Fotografie “ sollte aber nicht mehr verlöschen. Auch nicht, als der junge Hermann Ärger mit seiner Mutter bekommt, weil er die gute Tischdecke mit Fixierer ruinierte. „Wir hatten ja nur im Wohnzimmer Rolladen zum Verdunkeln. Ich hatte ja sonst keine Dunkelkammer.“ Fortan pflügt Hermann Liemann den Kartoffelacker und schleppt täglich 120 Milchkannen, um sein neues Hobby zu finanzieren. Schon bald ist er stolzer Besitzer einer ersten Spiegelreflexkamera.

Bayrisch-japanischer Vermittler

Ortswechsel von Wenningfeld nach Köln: 1970 besucht der 17-jährige Hermann Liemann die Photokina, die weltweit wichtigste Fotomesse. Und weil er sich mittlerweile nicht nur gut mit Kameras auskennt, sondern auch ein flottes Mundwerk hat, schaltet er sich am Konica-Stand ein, als ein japanischer Techniker verzweifelt versucht, einem Bayern das neueste Kameramodell zu erklären. Das traditionsreiche japanische Unternehmen wird auf den jungen Stadtlohner aufmerksam und verpflichtet ihn als Repräsentanten.

Fotoreporter mit Leidenschaft für die Menschen

Zurück im Münsterland fotografiert Hermann Liemann, alles, was ihm vor die Linse kommt. Hochzeiten, Schützenfeste. Und bald ist er im Gespräch mit der Zeitung. Aus dem Hobbyfotografen wird eine Fotoreporter. „Das hat meinen Blick geschult. Und ich habe meine Leidenschaft für Menschen und Gesichter entdeckt.“

Mitte der 70er-Jahre geht er mit seiner Frau Margret für drei Jahre nach Bayern. Hermann Liemann hat sie mit dem Fotografie-Virus infiziert. Nach dem Abitur macht Margret Liemann eine Lehre als Fotografin und wird später Meisterin.

1979 eröffnen Margret und Hermann Liemann gemeinsam ihr Fotostudio in Stadtlohn.

Clown am Esstisch

Der Rest ist Geschichte. Die Geschichte eines erfüllten Berufslebens: zahlreiche Ausstellungen, Fotoreportagen aus Japan, Vietnam oder Kuba, ungezählte Porträtfotografien. Auch Prominente wie der Clown Popov schätzen Hermann Liemanns Porträtkunst. Am Esstisch der Liemanns in Wenningfeld war der Weltstar einfach der Freund Oleg.

„Und wir haben die allerersten Motive für die Postkarten der Malediven geliefert“, sagt Hermann Liemann stolz. Aber Postkartenansichten waren nie sein Hauptaugenmerk. Er richtet seinen fotografischen Blick lieber hinter die Kulissen, auf den Alltag der Menschen. Und immer wieder auf ihre Gesichter. Der digitalen Bilderflut setzt er die wohlkomponierte Fotografie entgegen. „Wir Berufsfotografen sind das, war früher die Porträtmaler waren“, sagt Hermann Liemann, der heute, wie er sagt, längst wieder ohne wirtschaftliche Interessen fotografiert. Einfach aus Leidenschaft. „Ein gutes Foto muss sprechen, eine eigene Bildsprache haben. Dann ist es auch in 100 Jahren noch ein gutes Foto wie das hier“, sagt Hermann Liemann und klappt das Etui mit Daguerreotypie wieder zu.

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