Wie ein entwendeter Schraubenzieher zu einem fragwürdigen Prozess führte

Gerichtsprozess

Zehn Menschen haben am Dienstag an einem Strafprozess teilgenommen, der wohl besser nicht stattgefunden hätte. Es ging um einen entwendeten Schraubenzieher und eine Kiste Leergut.

Stadtlohn

, 07.07.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Der Tatort: die Obdachlosenunterkunft im alten Berkelstadion

Der Tatort: die Obdachlosenunterkunft im alten Berkelstadion © Markus Gehring

Ein Richter, eine Schöffin, ein Schöffe, eine Vertreterin der Staatsanwaltschaft, eine Rechtsanwältin, ein Betreuerin, ein Verwaltungsmitarbeiter als Zeuge, eine vereidigte Dolmetscherin und eine Protokollantin haben sich am Dienstagmorgen eine Stunde lang mit der Wahrheitsfindung befasst, um am Ende festzustellen, dass dieser Strafprozess vor dem Amtsgericht in Ahaus wohl besser nicht stattgefunden hätte. Es ging um einen entwendeten Schraubenzieher und eine Kiste Leergut im Wert von knapp fünf Euro.

Ein Wohnungseinbruch ist keine Bagatelle

Aber im Raum stand auch der Vorwurf eines Wohnungseinbruchs. Und der ist keine Bagatelle. Wer einen Einbruch in die Wohnung eines anderen begeht, der muss laut Strafgesetzbuch mit einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren rechnen. Und selbstverständlich gilt auch ein Zimmer in der Stadtlohner Obdachlosenunterkunft juristisch als Wohnung.

Angeklagt war ein 51 Jahre alter ehemaliger Bewohner der Stadtlohner Obdachlosenunterkunft, der inzwischen in einer Betreuungseinrichtung in Vreden lebt. Ausgelöst hatte das Verfahren ein anderer Mitbewohner der Stadtlohner Unterkunft, der allerdings wegen einer psychotischen Erkrankung nicht am Prozess teilnehmen konnte.

Dieser Mann hatte im Herbst 2019 nach mehr als vierwöchiger Abwesenheit bemerkt, dass die Tür seines Zimmers in der Obdachlosenunterkunft aufgebrochen war. Es fehlten nach seinen Angaben: ein Schraubenzieher und Leergut im Wert von fünf Euro.

„Messerscharfer Schluss“

Weil der Angeklagte vermeintlich der einzige war, der zur Tatzeit die Obdachlosenunterkunft bewohnte, geriet er ins Visier der Ermittler. Der Richter sprach süffisant von einem „messerscharfen Schluss“, der ein Verfahren in Gang gesetzt habe, das von Anfang an „kippelig und fast aussichtslos“ gewesen sei. Der Angeklagte selbst hatte die Tat immer bestritten.

In der Beweisaufnahme am Dienstag wurde alsbald deutlich, dass zum Tatzeitpunkt noch weitere Menschen in der Obdachlosenunterkunft lebten, darunter ein gerichtsbekannter Mann, der schon mehrfach wegen Sachbeschädigung aufgefallen war. Darüber hinaus hatte der Angeklagte auch Gäste zu Trinkabenden empfangen.

Sachbeschädigungen und Türaufbrüche seien in der Unterkunft keine Seltenheit, erklärte ein Mitarbeiter der Stadtlohner Stadtverwaltung im Zeugenstand. „Meistens beschuldigen sich die Bewohner untereinander“, so der Zeuge.

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Für den Richter war die Sache jetzt klar. „Ich sehe keine Beweismittel, das die Tat eindeutig dem Angeklagten zuweisen könnte. Ich wäre bereit, ihn freizusprechen.“ Die Schöffen, die Staatsanwaltschaft und selbstverständlich auch die Verteidigerin war derselben Meinung. Nach einer Stunde endete die Verhandlung mit zehn Prozessbeteiligten mit einem glatten Freispruch. Der Verbleib des Schraubenziehers und der leeren Pfandflaschen bleiben wohl für immer ungeklärt.

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