Werkstatt von Haus Hall bietet Menschen mit Handicap seit 25 Jahren Arbeit und Erfüllung

dzWerkstatt-Jubiläum

Arbeit ist mehr als Broterwerb. Arbeit gibt dem Leben Struktur, Sinn und Freude. Sie gehört laut UN zu den Grundrechten. Aber was ist, wenn man wie Frank Wewers nur eine Hand bewegen kann?

Stadtlohn

, 30.08.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Frank Wewers ist hochkonzentriert. Vorsichtig justiert er eine Verteilerdose an seiner Stanze. Mithilfe einer Klemme kann er das Werkstück fixieren. Dann zieht er den Hebel und stanzt exakt an der vorgesehenen Stelle ein Loch. Fertig.

Arbeit für 122 Menschen mit Behinderung

Und das hat Frank Wewers alles nur mit einer Hand geschafft. „Ich kann wegen einer Spastik nur den rechten Arm bewegen“, erklärt der 29-Jährige. Seine Arbeit ist ihm wichtig. „Ich brauche Abwechslung“, sagt er. „Und auch geistige Herausforderung.“

Werkstatt von Haus Hall bietet Menschen mit Handicap seit 25 Jahren Arbeit und Erfüllung

Für Frank Wewers (29) ist Abwechslung am Arbeitsplatz wichtig. Wegen einer spastischen Lähmung kann er nur den rechten Arm bewegen. © Stefan Grothues

Frank Wewers ist einer von 122 Menschen mit einer Behinderung, die in der Werkstatt von Haus Hall eine Arbeit gefunden haben. Aber Werkstattleiter Johannes Ebbing spricht eigentlich lieber von 136 Mitarbeitern. Denn er zieht nur ungern eine Grenze zwischen den Menschen mit Behinderung und den 14 betreuenden Heilpädagogen, Erziehern, Schlossern, Elektrikern, Schreinern und anderen Handwerkern. „Wir sind ja schließlich alle zusammen ein Betrieb.“

Werkstatt von Haus Hall bietet Menschen mit Handicap seit 25 Jahren Arbeit und Erfüllung

Mehmet Karaoglu (25) aus Stadtlohn schraubt mithilfe einer technischen Zeichnung Metallbauteile für Lichtgitter zusammen. © Stefan Grothues

Ein Betrieb, in dem die Uhren anders ticken. Ein Betrieb, der aber dennoch kein „Sandkastenbetrieb“ oder eine „Bastelwerkstatt“ sein will. Ein Betrieb, der mit Qualität und Preis gegen Konkurrenz aus Fernost bestehen muss. Ein Betrieb, der jetzt sein 25-jähriges Bestehen feiert.

Werkstatt von Haus Hall bietet Menschen mit Handicap seit 25 Jahren Arbeit und Erfüllung

Werkstattleiter Johannes Ebbing sieht seine Arbeit als „persönlichen Lottogewinn“. © Stefan Grothues

Im August 1994 hat das Zweigwerk der Werkstätten von Haus Hall in den ehemaligen Produktionsräumen der Firma Hecking und Co. an der Burgstraße die Produktion aufgenommen, um behinderten Menschen aus Stadtlohn und Umgebung wohnortnah einen Arbeitsplatz anbieten zu können.

Freude bei der Arbeit finden

„Freude bei der Arbeit finden“, dieser Gedanke zog sich vor 25 Jahren als roter Faden durch die Einweihungsfeier. „Das Ziel haben wir erreicht. Unsere Mitarbeiter kommen selbst am Montagmorgen lachend und mit Vorfreude zur Arbeit – das ist nicht in jeder Firma selbstverständlich“, sagt Werkstattleiter Johannes Ebbing.

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Niklas te Vrügt (24) bringt Ketten für Rolltorsysteme auf die richtige Länge. © Stefan Grothues

Und der weiß, wovon er redet. Bevor Johannes Ebbing 2007 die Leitung der Stadtlohner Werkstatt übernahm, arbeitete er als Maschinenbautechniker in der freien Wirtschaft und kalkulierte in einem Firmenbüro Aufträge. „Mit 40 wollte ich mich noch einmal beruflich verändern und stieß auf die Stellenanzeige von Haus Hall. Heute sage ich, diese Stelle ist wie ein persönlicher Lottogewinn.“

Arbeit ermöglicht Teilhabe am Leben

Warum? „Weil mich die Arbeit mit den Menschen glücklich macht“, sagt Johannes Ebbing. Die Menschen in der Werkstatt seien froh darüber, dass ihnen die Arbeit Struktur im Alltag gebe und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermögliche. Und anders als in der klassischen Wirtschaft stünden persönliche Beziehungen zu den Mitarbeitern und die Ausrichtung nach deren Fähigkeiten und Bedürfnissen im Mittelpunkt.

Werkstatt von Haus Hall bietet Menschen mit Handicap seit 25 Jahren Arbeit und Erfüllung

Fertig sortiert: Burkhard Brillert (56) hat sichtlich Freude an der Arbeit. © Stefan Grothues

Produktiv tätig sein: Das bedeutet für die Mitarbeiter Selbstbestätigung, Zugehörigkeit und selbst verdientes Geld. 180 Euro Entgelt erhalten die Beschäftigten im Durchschnitt zusätzlich zu den Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch. Die Entgeltzahlungen, Maschinenkosten und Materialwirtschaft muss die Werkstatt selbst erwirtschaften. Die Kosten für die Betreuung trägt der Landschaftsverband. Starthilfe gab die Agentur für Arbeit.

Spagat zwischen Mensch und Wirtschaft

Für Werkstattleiter Johannes Ebbing und seine Gruppenleiter bedeutet das nach eigenen Worten einen „ständigen Spagat“: Einerseits den Bedürfnissen, Neigungen und Fähigkeiten der Mitarbeiter, die oft körperliche und geistige Handicaps haben, mit individuell eingerichteten Arbeitsplätzen gerecht zu werden. Und andererseits verlässlich und termingerecht Qualitätsprodukte zu marktgerechten Preisen abzuliefern.

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Mehmet Karaoglu (25) aus Stadtlohn schraubt mithilfe einer technischen Zeichnung Metallbauteile für Lichtgitter zusammen. © Stefan Grothues

Was produziert denn eigentlich die Werkstatt und wer sind die Auftraggeber? Das Spektrum ist weit: Montage und Verpackung von Bauteilen, Metallverarbeitung, Landschaftspflege, Hauswirtschaft, Elektrokonfektion gehören dazu. Kunden sind mittelständische Unternehmen aus der Region. Ebbing: „Unternehmer, die unsere Arbeit kennen, sind begeistert und sie vertrauen uns. Aber sie rechnen auch mit spitzem Bleistift und verhandeln knallhart. Wir müssen uns gegen die Konkurrenz aus Fernost behaupten. Das gelingt uns vor allem in Nischen.“

Werkstatt von Haus Hall bietet Menschen mit Handicap seit 25 Jahren Arbeit und Erfüllung

Gruppenleiterin Ina Gülker (l.) übt mit Patricia Röhring Fertigungstechniken für einen neuen Auftrag ein. © Stefan Grothues

Aktuell produziert die Stadtlohner Werkstatt vor allem Metall-Halterungen für Lichtgitter. „Die Firma Lichtgitter ist schon seit vielen Jahren unser Kunde, wir haben schon 1,2 Millionen Halterungen gefertigt“, sagt Johannes Ebbing. An vielen Werkbänken werden auch Bauteile die Legdener Firma MFZ (Rolltorantriebe) und für die Maschinenfabrik Dücker konfektioniert. Diese drei wichtigsten Kunden werden auch zur großen internen Jubiläumsfeier eingeladen, die am Freitag, 6. September, um 9 Uhr mit einem Wortgottesdienst beginnt. Gefeiert wird in der Kantine, in der die Mitarbeiter an jedem Werktag auch mit einem Mittagessen versorgt werden.

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Petra Levers (59) ist schon seit 25 Jahren im Bereich Verpackung tätig. Sie mag es, ihre Kolleginnen und Kollegen auf der Arbeit zu treffen. Und seit sie mit dem Kopfhörer während der Arbeit auch Roy Black hören kann, macht ihr die Arbeit noch mehr Spaß. © Stefan Grothues

Frank Wewers hat zwischenzeitlich schon einige Verteilerdosen maßgerecht gestanzt. Dass er dies mit einer Hand schafft, ist der ausgetüftelten Arbeitsvorrichtung zu verdanken. „Wir probieren alles aus, um den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine möglichst anspruchsvolle und interessante Arbeit zu bieten“, sagt Udo van Almsick. Der Erzieher arbeitet seit 25 Jahren für Haus Hall und seit 20 Jahren in der Stadtlohner Werkstatt. Er sagt: „Die Arbeit hier mit den Menschen ist erfüllend. Sie gehen gerne in die Werkstatt und geben immer eine direkte und ehrliche Rückmeldung.“

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