Trotz 27 Vorstrafen: Nur Bewährungsstrafe für Stadtlohner nach Besitz von Kinderpornos

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Drei Dateien mit kinderpornografischem Material wurden auf dem Rechner eines 57-jährigen Stadtlohner gefunden. Trotz zahlreicher Vorstrafen entging er gerade noch einer Haftstrafe.

Stadtlohn

, 09.06.2019, 07:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Minutenlang blickt er apathisch aus dem Fenster, mit den Daumen massiert er nervös abwechselnd seine Handballen. Er trägt ein weißes, schlecht sitzendes T-Shirt, das halb über der ausgewaschenen Jeans hängt. Es ist ein bemitleidenswertes Bild, das der 57-Jährige Stadtlohner in diesem Augenblick abgibt. Doch Mitleid empfindet an diesem Freitagmittag niemand. Nicht der Richter, nicht der Staatsanwalt, nicht sein Verteidiger. Es ist 13.40 Uhr. In fünf Minuten wird das Urteil gegen den wegen verschiedener Delikte 27-fach vorbestrafen Stadtlohner am Ahauser Amtsgericht gesprochen. Der Vorwurf: Besitz und Erwerb kinderpornografischen Materials.

Zwei Stunden zuvor: Der Staatsanwalt verliest die Anklageschrift. Nur der Juristensprech verhindert, dass sich sofort Bilder einbrennen. „Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass diese Mädchen ihr Lebtag nicht mehr froh werden“, sagt der Richter und bezieht sich damit auf den Inhalt zweier Videos, in denen eindeutig erkennbar minderjährige Mädchen missbraucht werden. Sie wurden auf dem Rechner des Stadtlohners gemeinsam mit einem anzüglichen Foto sichergestellt.

Was folgt, ist eine dubiose Ausführung des 57-Jährigen, bei der nicht immer klar ist, ob er das Gericht zu Narren halten möchte oder selbst nicht mehr ganz mitkommt. Ein Beispiel: „Ich habe den PC damals über Ebay-Kleinanzeigen bei einer Frau an einer Tankstelle gekauft. Es kann sein, dass ich irgendwie Daten gesehen habe, aber nicht wusste, dass sie gespeichert sind.“ Er wolle damit aber auf keinen Fall andeuten, dass die Dateien bereits vorher auf dem Rechner gewesen sein – was auch durch den Zeitstempel belegt wird.

Stadtlohner beginnt neuen Lebensabschnitt

Ja, er habe pädophile Neigungen gehabt und dafür Haftstrafen verbüßt. Unter anderem wurde er dreimal wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen verurteilt. Aber nun habe er eine passende Partnerin, die seine Vorgeschichte kenne. „Wir haben zusammen ein Haus bezogen und ich fühle mich im Moment pudelwohl. An und für sich habe ich keine Interesse mehr an Kindern“, sagt er.

Und tatsächlich scheint es auch eine andere Seite an dem Stadtlohner zu geben. Das bestätigen sein Bewährungshelfer und der Betreuer bei der Polizei. Er habe immer den starken Drang verspürt, sich beruflich zu betätigen. Auch an diesem Tag müsste er eigentlich um 13.30 Uhr seinen Dienst zur Spätschicht antreten. „Er war immer sehr kooperativ“, schreibt der Bewährungshelfer in seinem Bericht.

Doch vor Gericht fehlen dem Stadtlohner die Argumente. Er verstrickt sich in Widersprüche. Erst als ihn der Richter auf seine Aussagen festnagelt, gesteht er, beim Surfen durch das Internet auf kinderpornografisches Material gestoßen zu sein. „Die Videos haben mich aber überhaupt nicht interessiert, weil ich sie schon kannte. Ich habe sie sofort weggeklickt. So einen Scheiß brauch ich nicht mehr“, so der 57-Jährige. Als ihn der als Zeuge geladene Techniker darauf hinweist, dass zumindest eines der Videos bewusst abgespeichert worden sein muss, weicht der Stadtlohner aus. „Ich weiß es nicht mehr. Vielleicht hatte ich auch zu viel getrunken.“

Haftstrafe von Staatsanwaltschaft gefordert

Für sein Plädoyer braucht der Staatsanwalt keine Vorbereitungszeit. Es gebe keine Rechtfertigung dafür, dass die Dateien auf dem dem Rechner gefunden wurden: „Ich habe nicht das Vertrauen, dass der Angeklagte in Zukunft nicht mehr zu kinderpornografischem Material greifen wird.“ Seine Forderung: Ein Jahr und sechs Monate – ohne Bewährung.

Sein Gegenpart, der Verteidiger des Stadtlohners, nimmt sich mehr Zeit. Es sei schwierig, bei solchen Themen die Pflicht des Verteidigers zu übernehmen. Dennoch müsse man sich auch in solchen Fällen an den Fakten orientieren: „Die pädophile Neigung meines Mandanten ist wie eine drogenmäßige Suchterkrankung. Er besorgt sich diese Dinge aus Zwang.“ Es sei jedoch erlernbar, ähnlich wie bei einer Alkoholsucht, sich von kinderpornografischem Material fernzuhalten. „Mein Mandant hat weder ein Handy noch einen Rechner. Zum Zeitpunkt der Sicherstellung des Rechners waren die Dateien für ihn schon lange nicht mehr greifbar“, so der Verteidiger. Er hoffe deshalb auf eine Bewährungsstrafe „im unteren Bereich“.

Es klingt wie ein Flehen, als der Stadtlohner das ihm zustehende letzte Wort an den Staatsanwalt richtete: „Wenn ich in den Knast gehe, machen Sie mir mein ganzes Leben kaputt. Dann kann ich gleich in die Kneipe gehen, mich zuschütten und auf den Haftbefehl warten.“

Richter gibt letzte Chance

13.45 Uhr: Der Richter und die zwei Schöffen betreten den Sitzungsaal 1 des Amtsgerichtes Ahaus. Bevor sie das Urteil verkünden, eröffnen sie noch einmal das Beweisverfahren. „Wären Sie bereit, eine psychologische Sexualtherapie anzutreten?“, fragt der Richter. „Selbstverständlich“, antwortet der Stadtlohner. Es folgt das Urteil: ein Jahr und sechs Monate – auf Bewährung. „Ihre Vorstrafen sprechen gegen sie, aber man muss honorieren, dass sie versuchen, gegen ihre Neigungen anzugehen“, sagt der Richter. Wenn ihn dieser Prozess mitgenommen hat, lässt es sich der Stadtlohner nicht anmerken. Er schüttelt seinem Anwalt die Hand, packt seine Sachen und fährt zur Spätschicht.

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