„Tapfer durchgehalten“ – Wie ein Seniorenheim die Isolation erlebt

dzSt. Josef Seniorenzentrum

Die Zeit der Isolation war hart, doch die Bewohner des St. Josef Senioren- und Pflegezentrums haben sich gegenseitig aufgebaut. Heimleiter Ludwig Wübbelt berichtet von ergreifenden Szenen.

Stadtlohn

, 30.05.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die Zeit der Isolation sei hart gewesen, sagt Ludwig Wübbelt, Einrichtungsleiter des St. Josef Senioren- und Pflegezentrums in Stadtlohn. Das Umdenken im Zuge der Lockerungen gestalte sich ebenfalls schwierig. Unsere Redaktion besuchte das Seniorenheim und erfuhr hautnah, dass die Lockerungen auch einen erheblichen Mehraufwand für das Personal bedeuten.

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Beim Betreten des Seniorenheims gilt die Maskenpflicht und im Eingang, der wie eine Schleuse konzipiert ist, desinfiziert sich jeder Besucher die Hände. „Wir müssen verantwortlich handeln und unser Heim sicher vor dem Virus machen“, so Ludwig Wübbelt.

Bereits seit 20 Jahren leitet er das Haus, das zum Pflegenetz Westmünsterland gehört. Den Bewohnern ist er eng verbunden. Auf den Fluren begegnet man sich per Du.

Nina Terhechte und Barbara Heidbrink vom Begleitenden Dienst nehmen die Bewohner dank der neuen beleuchteten Fotowand mit auf Reisen.

Nina Terhechte und Barbara Heidbrink vom Begleitenden Dienst nehmen die Bewohner dank der neuen beleuchteten Fotowand mit auf Reisen. © Hendrik Bücker

Leben komplett auf den Kopf gestellt

Wegen des Virus mussten sie das Leben im Haus komplett auf den Kopf stellen – keine Besuche, keine ehrenamtlichen Helfer, weniger Begegnungen. Aktuell macht sich das beim jährlichen Spargelessen bemerkbar, wie Wübbelt erzählt: „Das Spargelessen ist jedes Jahr ein Highlight. Alle Bewohner speisen gemeinsam und verbringen einen schönen Tag.“

Doch das ist in diesem Jahr nicht möglich. Auf den Spargel muss dennoch niemand verzichten. Das gemeinsame Essen wird stattdessen auf mehrere Gruppen und auf vier Tage verteilt. Denn: Auch die Bewohner untereinander leben in einer begrenzten Isolation.

Um die Bewohner vor einer Verbreitung des Virus zu schützen, wurden die einzelnen Wohnbereiche voneinander getrennt. „Das Leben findet innerhalb der Wohngruppen statt“, erklärt der Ludwig Wübbelt, „dort sollen die Bewohner wie eine Familie zusammenleben.“

Auf jeder Etage gibt es zwei Wohngruppen. Diese zu 100 Prozent voneinander zu trennen, sei nicht möglich. „Dort gibt es immer irgendwelche Berührungspunkte, sei es die Begegnung auf dem Flur, das kann man nicht komplett verhindern.“

Strikt getrennt wird jedoch zwischen den Stockwerken. Das gilt nicht nur für die Bewohner, sondern auch für das Personal. „Für jede Etage gibt es ein Mitarbeiterteam, gewechselt wird nicht. Sofern möglich, sollen sich die Mitarbeiter auf der Etage auch auf die Pflege ihrer Wohngruppe beschränken“, so Wübbelt.

Konkret bedeute das, das sämtliche Arbeitsabläufe anders strukturiert werden müssen. „Die Belastung ist aufgrund der aktuellen Situation mächtig gestiegen, dennoch kam uns unsere Organisation in Hausgemeinschaften entgegen.“

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Wegen der Isolierungsmaßnahmen muss sich das Personal beispielsweise zusätzlich darum kümmern, dass sämtliche Lieferungen, egal ob neue Zahnbürsten, die gewaschene Wäsche oder das Mittagessen, ins Haus und an ihre angestammten Plätze gelangen. „Die Übergabe findet nun an der Tür statt und wir verteilen die Sachen mit unseren Kräften weiter.“

Friseurbesuch wird zum Happening

In der aktuellen Situation sieht Ludwig Wübbelt trotzdem keinen Grund zu verzagen. Als er neue Fotos vom Leben aus dem Haus machen wollte, hätten sich einige Bewohnerinnen gesträubt, schließlich hätten die Haare nicht ordentlich ausgesehen – der Friseurbesuch fiel wegen der Isolation lange aus. „Das ist doch ein gutes Zeichen, wenn darauf selbst in diesen Zeiten viel Wert gelegt wird“, findet Wübbelt. „Letzte Woche durfte uns der Friseur erstmals wieder besuchen. Das war ein echtes Happening!“

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Ohnehin hätten die Bewohner die Zeit der Isolation tapfer durchgehalten. „Sie haben die Maßnahmen mitgetragen und sich gegenseitig aufgebaut.“ Natürlich habe es auch Tage gegeben, an denen der Frust überwog und sich manch ein Bewohner wie im Gefängnis gefühlt habe, so Wübbelt.

Eine Herausforderung auch für das Personal. Sie mussten nun anders auf die Bewohner eingehen. „Man führt noch intensivere Gespräche mit den Menschen“, erzählt Barbara Heidbrink vom Begleitenden Dienst. Dieser organisiert zum Beispiel die Feste und wohnbereichsübergreifenden Aktionen, oder wie Ludwig Wübbelt es ausdrückt: „Sie sind für das Leben hier im Haus zuständig.“

In den vergangen Wochen seien sowohl Bewohner als auch Mitarbeiter an der Herausforderung gewachsen, berichtet Heidbrink. Auch der Austausch zwischen den Mitgliedern der einzelnen Wohngruppen habe sich intensiviert und man habe näher zueinander gefunden.

Zeit, dass das Leben wieder bunter wird

„Ich bin stolz auf unsere Mitarbeiter. Sie haben viel Engagement und Herzblut eingebracht und dank ihrer kreativen Ideen haben wir die Isolation gut bewältigen können“, sagt Ludwig Wübbelt. Nun sei es aber an der Zeit, dass das Leben wieder ein Stückchen bunter wird.

Seit letzter Woche durften beispielsweise der Friseur, die Fußpflege und die Krankengymnastik wieder ins Haus. „Ab nächster Woche werden wir uns wieder an die Ehrenamtler wenden, die unsere Bewohner zu Freizeitaktivitäten wie Rollfietsen-Fahren mitnehmen.“ Selbstverständlich unter Einhaltung der Hygieneregeln und mit entsprechendem Abstand zu Dritten.

Besuche von Angehörigen und Spaziergänge sind seit dieser Woche im St. Josef Senioren- und Pflegezentrum wieder erlaubt. „Das sind teilweise ergreifende Szenen, die wir mit unseren Bewohnern erleben.“ Die meisten Spaziergänge führen zum nahe gelegenen Friedhof, wie Wübbelt berichtet. Dort haben die Ehepartner nicht weniger Bewohner ihre letzte Ruhe gefunden.

Tatsächlich ist Ludwig Wübbelts Eindruck aber, dass der Leidensdruck bei den Angehörigen größer sei als bei den Bewohnern, ebenso das Bedürfnis Besuche durchzuführen. „Das begrüßen wir sehr, aber es bedeutet auch Mehrarbeit.“

Aufgrund der Trennung nach Wohnbereichen, ist jeder Etage ein Besuchstag unter der Woche zugeordnet. Nur am Sonntag sind die Besuche für alle Wohngruppen erlaubt.

Der Besuch von bis zu zwei Angehörigen findet dann als geschützte Begegnung im Kaminzimmer statt – inklusive Plexiglasscheibe. Immobile Bewohner dürfen auch auf ihren Zimmern besucht werden, allerdings nur von einem Angehörigen. Garten- oder Balkonbesuche sind ebenfalls möglich.

Jeder Besucher muss sich zuvor anmelden. Beim Betreten des Hauses erfolgt eine Registrierung, eine Erklärung zur Einhaltung der Hygienemaßnahmen und die entsprechenden Datenschutzhinweise. Sollte es zu einem positiven Fall kommen, muss die Infektionskette nachvollzogen werden können.

Newsletter für Angehörige

Wann reguläre Besuche wieder möglich sein werden, ist zur Zeit nicht absehbar. Daher hat das St. Josef Senioren- und Pflegezentrum einen Newsletter für Angehörige eingerichtet. „So bekommen die Angehörigen ein Gefühl dafür, was sich im Haus tut und erfahren vom Leben in den Wohngruppen“, sagt Ludwig Wübbelt. Darüber hinaus liefert der Newsletter Informationen zu Gesetzes- und Verordnungsänderungen. Die Registrierung für den Newsletter erfolgt unter: www.zeitalter.online

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