„Wir durften ihn nicht mehr besuchen“: Tochter von Corona-Opfer berichtet

Coronavirus

Der Stadtlohner Hans Lammers ist im März 2020 gestorben. Für seine Familie ist es noch heute schwierig, zu wissen, dass er seine letzten Tage alleine auf der Intensivstation verbracht hat.

Stadtlohn

von Gudrun Niewöhner

, 25.02.2021, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Für alle an und mit Covid-19 Verstorbenen werden am Samstag Kerzen angezündet – auch in Stadtlohn.

Für alle an und mit Covid-19 Verstorbenen werden am Samstag Kerzen angezündet – auch in Stadtlohn. © Bischöfliches Generalvikariat M

Das Bild wird Doris Frechen niemals vergessen. Es war das letzte Mal, dass die Stadtlohnerin ihren Vater Hans Lammers gesehen hat: „Er ist mit dem Krankenwagen abgeholt worden.“ Das war Mitte März 2020, im ersten Lockdown. Von den Ärzten erfuhr die Familie, dass der 87-Jährige mit Covid-19 infiziert ist. Vier Tage später starb er.

„Wir durften ihn nicht mehr besuchen“, sagt Doris Frechen. Bis heute quält die Tochter der Gedanke, dass sie ihren Vater, der durch einen Schlaganfall vorerkrankt war, in seinen letzten Stunden allein auf der Intensivstation lassen musste.

Gedenken an Verstorbene

  • In der Vorabendmesse am Samstag, 27. Februar, wird Pfarrer Lürwer für alle 15 in Stadtlohn an oder mit Covid-19 Verstorbenen eine Kerze entzünden. Der Gottesdienst wird um 17 Uhr über die Homepage der Kirchengemeinde (www.st.-otger-de) gestreamt.
  • Im St.-Paulus-Dom in Münster wird Bischof Dr. Felix Genn aus diesem Anlass um 12.15 Uhr eine Messe feiern, die ebenfalls im Internet übertragen wird.

Für Menschen wie ihn, die am Virus gestorben sind, soll auf Initiative der Europäischen Bischofskonferenz am Samstag, 27. Februar, in allen katholischen Gottesdiensten bundesweit besonders gebetet werden. Eine gute Aktion, die Kraft und Trost gibt, wie Doris Frechen findet: „Das Gedenken rückt die Verstorbenen in den Mittelpunkt – und damit auch die trauernden Familien.“

Todesnachricht aus dem Krankenhaus kam per Telefon

Nachdem ihr Vater im Krankenhaus war, zeigten sich die Ärzte anfangs optimistisch. „Sie haben uns versichert, dass es ihm soweit gut geht.“ Erst am Abend vor seinem Tod verschlechterte sich sein Zustand. Vor allem die Lunge machte dem medizinischen Personal große Sorge. Immer wieder griff Doris Frechen zum Hörer und erkundigte sich auf der Station nach ihrem Vater. Zu ihm ins Krankenhaus durfte niemand. Dass er verstorben ist, teilte man ihnen telefonisch mit.

Was die Situation noch verschlimmerte: Bei der Stadtlohner Familie hatte sich nicht nur der Vater und Opa mit dem Virus angesteckt. Während Doris Frechen, zwei ihrer Kinder und ihre an Demenz erkrankte Mutter nur leichte Symptome zeigten, erwischte es ihren Mann Albert heftig: „Eigentlich hätte auch er ins Krankenhaus gemusst.“

Drei Wochen waren sie in Quarantäne. Freunde kauften ein, versorgten sie mit allem, was notwendig war. „Zwischendurch habe ich gedacht, ich halte das alles nicht aus“, erinnert sich die 51-Jährige an Stunden emotionaler Achterbahnfahrt. Auch, weil ihre demente Mutter nicht verstehen konnte, warum sie nicht zu ihrem Mann ins Krankenhaus konnte. Es dauerte lange, bis sie begriff, dass ihr Mann nicht mehr wiederkommen würde.

Beerdigung fand unter Corona-Bedingungen statt

Gute Freunde halfen bei der Organisation der Beerdigung, ebenso die beiden Geschwister von Doris Frechen, die auswärts wohnen. „Wir haben alles per Telefon geregelt“, berichtet die Stadtlohnerin. Schließlich durfte ihre Familie zu niemandem persönlichen Kontakt haben.

Weil die Frechens selbstverständlich an der Beisetzung teilnehmen wollten – der Großvater hatte Tür an Tür mit ihnen gelebt –, mussten sie sich für ein Urnenbegräbnis entscheiden. Ob das im Sinne ihres Vaters, der früher Friedhofsgärtner war, gewesen wäre, weiß Doris Frechen nicht: „Wir haben nie darüber gesprochen.“

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Wichtiger war für die Familie, dass sie sich nach Ende der Quarantäne überhaupt in einer Trauerfeier verabschieden konnte. Unterstützung haben die Frechens von Pfarrer Jürgen Lürwer aus der Pfarrei St. Otger bekommen, der neben zahlreichen Telefonaten auch zum Trauerbesuch auf die Terrasse kam. Und auch Propst Christoph Rensing, ein Freund, stand ihnen aus der Ferne in Borken zur Seite.

An der Beerdigung selbst durften nur 20 Personen teilnehmen. „Nicht einmal die Geschwister meines Vater konnten kommen“, sagt Doris Frechen. Eine Vorgabe im Zuge der Corona-Schutzmaßnahmen, die Familie Frechen schon traurig gemacht hat. Der Wortgottesdienst musste zudem draußen auf dem Friedhof stattfinden. Messen in den Kirchen waren zu dieser Zeit untersagt.

Kein Verständnis für Corona-Leugner

Der Glaube, sagt die Stadtlohnerin, habe ihrem Mann und ihr geholfen: „Das Gebet für die Verstorbenen, aber auch für die Mediziner, die an Impfstoffen arbeiten, für die vielen Menschen, deren Leben in Schule und Arbeit vom Coronavirus bestimmt wird, lässt einen zur Ruhe kommen.“

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Wie sie sich mit dem Coronavirus infiziert haben, weiß die Familie bis heute nicht: „Wir haben keine Ahnung.“ Mit ihrer Erkrankung sind die Frechens offen umgegangen: „Wir wollten vor allem niemanden selbst anstecken – und zudem auf die Gefahr durch das Virus aufmerksam machen.“

Dass sich Menschen aufgrund ihrer Lebenseinstellung nicht impfen lassen möchten, kann Doris Frechen trotz aller Erfahrungen akzeptieren. Kein Verständnis hat sie für Corona-Leugner, die wissenschaftliche Erkenntnis nicht wahrhaben wollen: „Dem Virus muss mit Abstand und Maske begegnet werden, um andere Leben zu schützen.“

Der Artikel wurde von der Pressestelle des Bistums Münster verfasst.

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