Anzeige für eine Beuker-Maschine aus dem Jahr 1927: Von den Fabrikaten aus Bocholt ist vermutlich keines erhalten geblieben.
Motorradbauer

Stadtlohner Alois Beuker baute vor 100 Jahren Motorräder in Bocholt

Zu Beginn der 1920er-Jahre hat Alois Beuker aus Stadtlohn in Bocholt Motorräder gebaut. Der Historiker Marius Lange hat ihre fast vergessene Geschichte recherchiert.

Gemeinhin ist Bocholt als „Fahrradstadt“ bekannt – wegen der unzähligen Fahrräder, die von den Bocholtern ganz selbstverständlich im Alltag genutzt werden. Vor fast 100 Jahren war Bocholt allerdings für eine kurze Zeit einmal Heimat eines Motorrad-Herstellers. Die Episode aus der ersten Hälfte der 1920er-Jahre ist heute nahezu vergessen. Und sie ist fest mit einem Namen verknüpft: Alois Beuker.

Alois Beuker im Jahr 1950: Damals hatte er den Motorrad-Bau schon längst aufgegeben und führte eine Radio-Werkstatt am Nordwall.
Alois Beuker im Jahr 1950: Damals hatte er den Motorrad-Bau schon längst aufgegeben und führte eine Radio-Werkstatt am Nordwall.

Der Bocholter Historiker Marius Lange hat die Geschichte der Beuker-Motorräder und ihres Erbauers wiederentdeckt und danach geforscht. Dazu musste er alte Anzeigen aus den 1920er-Jahren suchen, die wenigen erhaltenen Motoren-Jahrbücher dieser Zeit wälzen oder in Akten der Gewerbeaufsicht forschen. Denn: Von den Werkstätten, die Alois Beuker in den 1920er-Jahren besaß, ist heute nichts mehr zu sehen. Und ob es heute noch Teile der damaligen Beuker-Motorräder gibt, ist nach all den Jahren mehr als zweifelhaft.

Alois Beuker stammt aus der Stadtlohner Bauerschaft Wendfeld

„Die Quellenlage ist eher schlecht“, sagt Lange. Dennoch hat er eine ganze Menge über den Bocholter Motorrad-Bauer herausgefunden. Auch aus persönlichem Interesse: „Meine Großmutter hieß auch Beuker“, erzählt er. „Als ich zufällig in alten Adressbüchern auf Anzeigen von Alois Beuker stieß, wollte ich wissen, ob es da eine persönliche Beziehung gab.“ Ergebnis: Alois Beuker war ein Onkel seiner Großmutter.

Die Nachforschungen des Historikers, der an der Uni Düsseldorf arbeitet, ergaben, dass Alois Beuker (1895 bis 1972), aus der Bauerschaft Wendfeld bei Stadtlohn stammt. 1912 kommt er als gerade ausgebildeter Maschinenschlosser mit 17 Jahren nach Bocholt. Über seine erste Zeit in der Stadt ist wenig bekannt, auch weil bald der Erste Weltkrieg ausbricht und Beuker an die Front muss. Fest steht: Nach dem Krieg kehrt er nach Bocholt zurück und wagt den Schritt in die Selbstständigkeit. Ende Februar 1919 gründet Beuker an der Dingdener Straße in Biemenhorst ein Fahrrad-, Nähmaschinen- und Automobilgeschäft mit Reparaturwerkstatt auch für Motoren.

Beuer war ein Tüftler

Nur wenige Monate später zieht Beuker in eine weitaus bessere Lage: in die Bocholter Innenstadt an die Osterstraße 31, direkt am Ostermarkt neben dem damaligen Weyl’schen Warenhaus (ungefähr dort, wo heute die Sahin Handyreparatur ist). „Beuker ist ein Tüftler gewesen“, sagt Lange.

1924 liefert Alois Beuker mehrere Modelle mit unterschiedlichen Motoren aus. Doch in diesem Jahr muss er Konkurs anmelden.
1924 liefert Alois Beuker mehrere Modelle mit unterschiedlichen Motoren aus. Doch in diesem Jahr muss er Konkurs anmelden.

Am neuen Standort beginnt er in den Jahren 1921/22, nicht nur Motoren zu reparieren, sondern selbst welche zu konstruieren. Er erweitert sein Geschäft um eine „Spezialfabrik für Motorradmotoren sowie komplette Motorräder“. Dabei handelt es sich um Fahrradhilfsmotoren sowie um „Spezialfahrräder“ aus selbst gefertigten Einzelteilen wie Rahmen, Tank, Motor und Getriebe. Spätestens 1922 ist das erste Beuker-Motorrad hergestellt.

Robuste Bauernmotorräder gebaut

Doch auch die kleine Werkstatt in der Osterstraße reicht schnell nicht mehr aus. Deshalb, so ergaben Langes Recherchen, mietet Beuker spätestens 1922 Räumlichkeiten am Schleusenwall südlich der Bocholter Aa. Das Gelände, auf dem sich heute der Parkplatz neben dem Mariengymnasium befindet, war damals Industriegebiet. Von den Gebäuden ist heute nichts mehr zu sehen.

Der Bau von Motorrädern scheint anfangs gut zu laufen. Beuker verlagert bis 1924 seine Produktion wieder nach Biemenhorst, in Räume der alten Ziegelei Menting, so Lange. Er hat Bildmaterial von mindestens sechs verschiedenen Fabrikaten zwischen 1922 und 1927 gefunden. Beuker entwickelt und produziert robuste Bauernmotorräder mit zunächst 231-Kubikzentimeter-Zweitaktmotoren.

Rennen auf der berühmten Avus in Berlin gefahren

Es folgen weitere Zwei- oder Viertakter mit 2 bis 2,5 PS für „Geschäft und Sport“. Zwei seiner 2,5-PS-Motorräder kosten in dieser Zeit 900 und 1250 Mark. Auch eine Sportmaschine soll Beuker fabriziert haben, mit der er Rennen auf der Solitude-Rennstrecke in Stuttgart und auf der berühmten Avus in Berlin gefahren sei, sagt Lange.

Wie viele Motorräder Alois Beuker in Bocholt baute, ist unklar. Eine Quelle, in der es heißt, 1924 habe Beuker 5000 Motorräder oder Motoren fabriziert und teilweise 85 Mann beschäftigt, hält Historiker Lange für deutlich übertrieben.

1924 Konkurs angemeldet

Fest steht: Ab 1924 geht Beukers Geschäft steil bergab, auch wegen der schweren deutschen Wirtschaftskrise ab 1923. Aber offenbar auch, weil der leidenschaftliche Tüftler damals kein Händchen fürs Geschäft hatte. Lange: „Beuker war wohl einfach kein Kaufmann.“

1924 gibt er seine Fabrik auf, meldet Konkurs an, sein Inventar wird zwangsversteigert. 1925 leistet er den Offenbarungseid. Hinzu seien familiäre Kapriolen gekommen, sagt Lange. Beuker habe sich von seiner Frau und seinen Kindern getrennt und ein uneheliches Kind mit seiner späteren zweiten Ehefrau gezeugt, so der Historiker.

Auch Neustart misslang

Auf deren Namen gründet Beuker 1924 in einem Hintergebäude der Langenbergstraße 21 (heute etwa hinter der Gaststätte Big Ben) erneut die „Alois Beuker Motorenfabrik GmbH“. Doch in welchem Umfang er dort noch Motorräder baut, bleibt unklar. Spätestens Anfang 1928 war auch diese Firma nicht mehr zu halten – und spätestens damit endete die Geschichte der Beuker-Motorräder in Bocholt.

Erfolgreicher Rundfunkmechaniker

Historiker Lange vermutet, dass der Tüftler Beuker da bereits sein zweites großes Hobby mit dem Beruf verbindet: den Amateurfunk. Nach dem Durchbruch des Radios macht sich Beuker jedenfalls als Rundfunkmechaniker selbstständig, zunächst in der Viktoriastraße 27, dann in der Nobelstraße 5.

Für die nächsten rund 45 Jahre habe Beuker damit die „älteste Radio-Fachwerkstatt“ in Bocholt betrieben, so Lange. Die lag nach dem Zweiten Weltkrieg am Nordwall 4 neben der Kleiderfabrik Benders. Heute befindet sich dort der freie Platz südlich der Schulmensa am Benölkenplatz. 1970 wird das Radio-Geschäft abgerissen, um den Bocholter Stadtring zu verbreitern. Da ist Alois Beuker bereits 75 Jahre alt und geht in den Ruhestand. Zwei Jahre später, am 9. Oktober 1972, stirbt er.

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