Schrebergärtner fürchten, dass ihre Gärten dem Wohnungsbau weichen müssen

dzRahmenplan Bahnallee

Schmale Wege und hohe Buchenhecken – viel mehr sehen Spaziergänger in der Gartenanlage am Immings Hof nicht. Hinter den Hecken liegen kleine Paradiese. Sie sind von der Stadtplanung bedroht.

Stadtlohn

, 20.06.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Jeden Morgen nach dem Frühstück setzt sich Stefan Resing auf sein Fahrrad und fährt vom Owwering zur Schrebergartenanlage am Immings Hof. Über schmale Wege vorbei an hohen Buchenhecken führt sein Weg. Ein lautstarkes Konzert der Blaumeisen, Rotkehlchen und Heckenbraunellen empfängt ihn dort. Und wenn er das Tor zu seiner Parzelle aufschließt, dann gibt es den Blick frei auf ein kleines Paradies.

Stefan Resing pausiert an der Gartenhütte. Den Knoblauch hat sein Sohn Mario angebaut und geerntet.

Stefan Resing pausiert an der Gartenhütte. Den Knoblauch hat sein Sohn Mario angebaut und geerntet. © Stefan Grothues

Die Sonne lacht heute vom Himmel, doch über dem Paradies ziehen dunkle Wolken auf. Die ganze Schrebergartenanlage mit rund 25 Gärten soll einer Wohnbebauung weichen. Das sieht jedenfalls der Rahmenplan für die Bahnallee vor, der zurzeit in der Politik diskutiert wird. Stefan Resing und die anderen Schrebergärtner, die ihre Parzellen von der Stadt gepachtet haben, wollen aber für den Erhalt der grünen Oase kämpfen.

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Stefan Resing und sein Gartenparadies

Doch erst einmal steht ein andere Aufgabe an. Nach dem Regen der letzten Tag muss Stefan Resing darauf achten, dass das Unkraut nicht überhand nimmt. Tag für Tag schaut der 67-jährige Rentner in seinem Garten nach dem Rechten. Rote Beete, Salat, Erbsen und Zwiebeln stehen bestens, nur die Gurken wollen in diesem Jahr nicht so recht gedeihen.

Die Resings gärtnern biologisch

„Ich bin der klassische Gemüsegärtner“, sagt Stefan Resing lachend und blickt auf die akkuraten Reihen. Für neue Impulse im 300 Quadratmeter großen Gartenreich sorgt sein Sohn Mario (42). Er experimentiert mit vielen Tomatensorten, Knoblauch, Pastinaken, Soja und Chilibohnen. Eines aber eint Vater und Sohn beim Gärtnern: Kein Gift und kein Kunstdünger kommt ihnen in den Garten. Komposterde, Ziegendung und natürliche Schädlingsbekämpfung sind die Mittel ihrer Wahl.

Ein scharfes Experiment: Die Resings bauen in diesem Jahr auch Chilischoten an.

Ein scharfes Experiment: Die Resings bauen in diesem Jahr auch Chilischoten an. © Stefan Grothues

Sohn Mario Resing war es auch, der mit seinem Vater 2004 den Schrebergartentraum in die Tat umsetzte. Als Chemietechniker ist Mario Resing weltweit unterwegs. Umso mehr genießt er die Ruhe und die Naturverbundenheit des Gartens. „Wir hatten damals als junge Familie nur eine Dachgeschosswohnung“, erzählt er. Weil er seinen Kindern aber die Natur nahe bringen und zeigen wollte, wie das Gemüse wächst, ging er mit seinem Vater das Schrebergartenprojekt an. Und die Kinder lieben den Garten, besonders die Zuckererbsen und die Erdbeeren.

Aus der Zeitung erfuhren die Resings, dass ihr grünes Reich nun bedroht ist. Das nahegelegene Areal der ehemaligen Firma Spahn wird überplant. Hier soll Wohnbebauung entstehen. Im Auftrag der Stadt haben Planerinnen der landeseigenen Stadtplanungsgesellschaft NRW.Urban in einem Entwurf für einen Rahmenplan auch das Umfeld in den Blick genommen. Sie schlagen auch für den Bereich der Schrebergartenanlage am Immingfeld eine Wohnbebauung vor.

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Mario Resing sagt: „Dass das Spahn-Areal mit einer Wohnbebauung aufgewertet werden soll, ist eine gute Sache. Dass aber auch die Gärten auf Dauer einer Wohnbebauung weichen sollen, sehen wir mit großer Skepsis.“ Und sein Vater sagt: „Innerörtliche Grünflächen sind wichtig.“ Gerade die Gartenanlage schaffe ökologische Vielfalt für Mensch und Tier.

Ökologisches und soziales Miteinander

Schon in den achtziger Jahren war Stefan Resing Mitbegründer des Gartenbauvereins. Damals hatte er einen Schrebergarten in Pastors Gorden von seinem Vater übernommen. Auch dieser Garten musste aber später eine Wohnbebauung weichen. Noch einmal möchte Stefan Resing das nicht erleben. „Hände weg von Immings Grün!“, sagt er. „Die Grünflächen am Immings Hof müssen erhalten bleiben.“ Die Bebauung dürfe nicht den inneren Grüngürtel der Stadt zerstören.

„Kleingärten“, so sagt Stefan Resing, „sind auch ein Ort des sozialen Miteinanders und Integration ungeachtet von Herkunft und Religion.“ Und das ist nicht nur bloße Theorie. „Hier die weißen Zucchini haben wir von unserm Gartennachbarn Bashir. Und diesen Salat hier haben wir auch von ihm. Ich weiß gar nicht wie die Sorte heißt, wir nennen ihn Bashir-Salat.“

Omeirat Bashir ist der dienstälteste Schrebergärtner am Imminghof.

Omeirat Bashir ist der dienstälteste Schrebergärtner am Imminghof. © Stefan Grothues

Omeirat Bashir stammt aus dem Libanon. Er ist der dienstälteste Schrebergärtner am Immings Hof. Seit über 30 Jahren baut er auf 600 Quadratmetern soviel Salat, Kohl und anderes Gemüse an, dass er seine große Familie und seinen Freundeskreis versorgen kann. Auch seinem Gartennachbar zur Linken reicht er gerne mal einen Salatkopf oder Gärtnertipp über die Hecke.

Darüber freuen sich Petra und Sebastian Weßels, die ihre Parzelle von Sebastians Vater übernommen haben. „Wir wollen unseren Kindern zeigen, woher das Gemüse kommt“, sagt Petra Weßels. Und mit zwei Bienenvölkern und einer große Blühwiese will Familie Weßels auch ein ökologisches Zeichen setzen. „Es wäre zu schade, wenn wir das hier aufgeben müssten“, sagt Petra Weßels.

Petra Weßels in ihrem Garten. Hier wächst nicht nur der Spargel, sondern auch eine Wildblumenwiese für die eigenen Honigbienen.

Petra Weßels in ihrem Garten. Hier wächst nicht nur der Spargel, sondern auch eine Wildblumenwiese für die eigenen Honigbienen. © Stefan Grothues

Stefan Resing, der früher selbst mal Ratsmitglied war, sucht jetzt das Gespräch mit den Politikern aus verschiedenen Fraktionen. Er will sie vom ökologischen und sozialen Wert der Kleingartenanalge überzeugen. Er weiß aber auch, dass die Gartenflächen begehrtes Bauland werden könnten, mit dem die Stadt hohe finanzielle Erlöse erzielen würde. „Es wird nicht einfach werden, das zu verhindern“, sagt Stefan Resing.

Stefan Resing pflanzt noch einen Apfelbaum

Aber die Hoffnung gibt er nicht auf. „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“, soll Martin Luther einst gesagt haben. Stefan Resing belässt es nicht beim Sprichwort. Ganz ungeachtet der städtebaulichen Rahmenplanungen sagt er: „Sollte ich etwa resignieren und nichts mehr machen? Nein, hier werde ich demnächst Spalierobst pflanzen – einen Birnbaum und natürlich auch einen Apfelbaum.“

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