Run auf Stoffe und Co.: Maskenpflicht sorgt für Menschenschlangen

dzCoronavirus

Seit der Wiedereröffnung am Montag ist die Nachfrage nach Stoffen für Masken und Masken selbst im Stoff- und Wollparadies enorm. Mit der Maskenpflicht hat das Interesse weiter zugenommen.

Stadtlohn

, 23.04.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Donnerstagmorgen, kurz vor 9 Uhr, Tag eins nach Verkündung der Maskenpflicht unter anderem bei Einkäufen und im Öffentlichen Nachverkehr in NRW: Schon seit 7 Uhr bereitet Stephanie Brockherde das Stoff- und Wollparadies an der Eschstraße vor. Immer wieder wird sie unterbrochen von Telefonanrufen: „Ja, Masken sind wieder vorrätig. Zurücklegen kann ich aber nichts mehr, das wäre den anderen Kunden gegenüber nicht fair“, erklärt die Filialleiterin.

Denn: Vor der Tür bildet sich allmählich wieder eine Menschenschlange, die kurz darauf schon bis tief in die Eschstraße reicht. Diesem „täglichen Wahnsinn“ stellt sich Stephanie Brockherde mit ihrem Team seit Wiedereröffnung am Montag „hoch motiviert“. Mit der Einführung der Maskenpflicht erwartet sie kurzfristig nun gar eine weitere Steigerung.

Nachschub wird immer schwieriger

„95 Prozent der Kunden kommen, um die Mund- und Nasenbedeckung selbst zu nähen. Aktuell werden fast ausschließlich Baumwollstoffe und Gummis nachgefragt. Gerade bei der Gummibändern ist kaum mehr Nachschub zu erhalten“, weiß die Filialleiterin zu berichten. Sind es sonst zwei bis drei Tage Lieferzeit, so könnten die Lieferanten nun nicht einmal mehr sagen, wann und was sie liefern können.

Die weiteren fünf Prozent der Kunden kommen wegen der Masken, die Stephanie Brockherde zum Selbstkostenpreis selbst näht – gemäß der Anleitung, die sie auch ihren Kunden gerne mitgibt.

Seit der Wiedereröffnung am Montag bildet sich vor dem Geschäft an der Eschstraße durchgehend eine Menschenschlange. Das Gros der Kunden näht dabei selbst.

Seit der Wiedereröffnung am Montag bildet sich vor dem Geschäft an der Eschstraße fast durchgehend eine Menschenschlange. Das Gros der Kunden näht dabei selbst. © Michael Schley

„Wenn ich nach Hause komme, setze ich mich hin und nähe noch bis spät in die Nacht“, berichtet sie von einem echten Familienprojekt. Alle helfen, selbst die Kinder, die die Masken verpacken.

Schon während der Zeit der „Zwangsschließung“ des Geschäfts hatte sie ehrenamtlich Masken genäht und diese unter anderem an Ärztehäuser und an die Corona-Hilfe weitergegeben. „Bestimmt zwischen 300 und 400 Stück“, sagt sie. Wie viele nun seit Montag hinzugekommen sind, das kann sie kaum mehr in Worte fassen: „Irgendwann verliert man den Überblick.“

Einige Hundert Masken ehrenamtlich genäht

Die Chance, in dieser für alle schwierigen Zeit etwas Gutes tun zu können, nutzt sie gerne. „Das wird sicher nicht ewig zu stemmen sein, aber wir machen erst mal weiter.“ Mit einer Kollegin wechselt sie sich aktuell im Laden ab. „Wir haben auch Teammitglieder, die zur Risikogruppe zählen. Da nehmen wir natürlich Rücksicht.“ Da man nun aber nur noch zu zweit sei, habe man die Öffnungszeiten anpassen müssen: täglich morgens ab 9 Uhr sowie zusätzlich am Dienstag- und Donnerstagnachmittag ab 14.30 Uhr.

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Für die beiden Mitarbeiterinnen ist die aktuelle auch aus einem weiteren Grund eine spezielle Situation. „Es dürfen sich immer nur zwei Kunden im Laden aufhalten. Und die Verweildauer muss kurz gehalten werden“, erklärt Brockherde. Das widerspricht der eigentlichen Philosophie, in der die „enge und individuelle Betreuung“ der Kunden im Mittelpunkt stehe. „Das ist gerade für ältere Kunden eine Umstellung“, weiß Brockherde.

Insbesondere Baumwollstoffe und Gummibänder stehen hoch im Kurs. In Teilen macht der Nachschub schon Probleme, die Lieferanten arbeiten mit Hochdruck.

Insbesondere Baumwollstoffe und Gummibänder stehen hoch im Kurs. In Teilen macht der Nachschub schon Probleme, die Lieferanten arbeiten mit Hochdruck. © Michael Schley

9 Uhr, die ersten beiden Kunden betreten den Laden. Vor dem Laden wächst die Schlange weiter. Seit zwei Wochen bereits näht Jessica Horst Mund- und Nasenbedeckungen für die Familie, Freunde, Bekannte und Kollegen. „Vor drei Wochen habe ich mir schon das Material gesichert. Ich hoffe auch weiter, noch etwas zu bekommen, aktuell ist mir das Garn ausgegangen. Sonst muss ich mir was einfallen lassen“, sagt die Stadtlohnerin.

Kunde sind sehr geduldig

Erfolgreich ist Carolin Hillenkötter, die dritte Kundin an diesem Morgen. „Seit den Nachrichten gestern habe ich mich früh aufgemacht, um für meine Eltern und Großeltern Masken zu bekommen.“ Ebenso die gesamte Familie – insbesondere die älteren Mitglieder – versorgen die Geschwister Chantal und Renee Marpert, 18 und 11 Jahre alt: „Dafür sind wir extra früh aufgestanden.“ Sie alle beweisen Geduld – so wie weitere gut 20 Kunden vor der Tür, die sich mittlerweile in die Schlange eingereiht haben.

Bis tief in die Eschstraße zieht sich die Menschenschlange schon früh nach Ladenöffnung am Donnerstagmorgen. Immer nur zwei Kunden dürfen gleichzeitig das Geschäft betreten, Abstände werden beachtet.

Bis tief in die Eschstraße zieht sich die Menschenschlange schon früh nach Ladenöffnung am Donnerstagmorgen. Immer nur zwei Kunden dürfen gleichzeitig das Geschäft betreten, Abstände werden beachtet. © Michael Schley

Darüber freut sich auch Stephanie Brockherde: „Wir tun, was wir können. Die Kunden sind nicht nur geduldig, sie sind auch nicht verärgert, wenn mal etwas nicht lieferbar ist.“ Es sind nun mal besondere Zeiten. Und dass der „tägliche Wahnsinn“ erst einmal weitergeht, darauf hat sich auch Stephanie Brockherde eingestellt. Von der Maskenpflicht hatte sie am Mittwoch übrigens erst gehört, als sie wieder zu Hause war. „Da wusste ich, jetzt geht’s erst richtig los.“

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