Tief enttäuscht haben viele Frauen auf die geplante Schließung des Stadtlohner Kreißsaals reagiert. Bianka Rathmer war geschockt, als diese Nachricht sie erreichte.

Stadtlohn

, 09.11.2018 / Lesedauer: 5 min

Jonas hat jetzt Hunger. Gerade eben stand er noch wankend am Bücherregal und zog laut lachend ein Bilderbuch nach dem anderen heraus. Der Einjährige erobert die Welt. Jetzt sitzt er auf Mamas Schoß und genießt glucksend einen Löffel Brei nach dem anderen. Und auch seine Mutter Bianka Rathmer strahlt.

„Ich war richtig geschockt“

Vor einem Jahr hat Jonas seinen ersten Schrei im Stadtlohner Kreißsaal getan. Ein mögliches künftiges Geschwisterchen indes wird woanders zur Welt kommen müssen. Der Stadtlohner Kreißsaal wird im Jahr 2019 geschlossen. Das hat das Klinikum Westmünsterland nur wenige Tage nach Jonas‘ erstem Geburtstag am 22. Oktober mitgeteilt. „Ich war richtig geschockt“, sagt Bianka Rathmer. „Und die anderen Mütter in meiner Krabbelgruppe waren es auch. Drei von ihnen sind schwanger und würden ihr Kind gerne in Stadtlohn bekommen.“

Entbindungen in Stadtlohn ab April unwahrscheinlich

Das Stadtlohner Krankenhaus Maria-Hilf ist seit diesem Sommer Teil des Klinkums Westmünsterland – ein Krankenhausstandort unter fünf weiteren in Ahaus, Vreden, Bocholt, Rhede und Borken. Das Klinikum versteht sich als „ein Krankenhaus mit sechs Eingängen“. In Stadtlohn wird es ab dem zweiten Quartal 2019 keinen Eingang für werdende Mütter mehr geben. Er wird nach Ahaus verlegt. Dort wird die Geburtshilfe zentralisiert.

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Die werdenden Mütter aus Bianka Rathmers Krabbelgruppe, die Ende Januar ihren Entbindungstermin haben, werden ihr Kind noch in Stadtlohn bekommen können. „Aber was ist mit meiner Freundin, die erst im April ihren Termin hat?“, fragt sich Bianka Rathmer. Sie wird voraussichtlich nicht mehr in Stadtlohn entbinden können, lautet die Antwort von Kliniksprecher Tobias Rodig. Bis dahin seien auch in Ahaus die baulichen Voraussetzungen geschaffen. Wann genau die Geburtshilfe in Stadtlohn geschlossen wird, das soll bis Januar 2019 klar sein.

„Die Geburt ist ein unglaublich intimer Moment“

Bianka Rathmers Erinnerungen an Jonas‘ Geburt sind noch so lebendig, als wäre sie erst gestern gewesen. Sechs Tage lang über den errechneten Termin hinaus hat Jonas auf sich warten lassen. Minutiös kann Bianka Rathmer schildern, was sich an jenem entscheidenden Montag abgespielt hat, als der Wehenschreiber morgens immer noch kaum Aktivität zeigte. Wie sie Tabletten einnahm. Und wie dann plötzlich alles ganz schnell ging: Um 11.30 Uhr wurde sie in den Kreißsaal gerollt. Um 15.11 Uhr hielt sie das 4040 Gramm schwere Glück dieser Erde in ihren Armen. Die Gefühle rund um die Geburt kann sie nur schwer in Worte zu fassen: die Aufgewühltheit, die Ängste, die frohe Erwartung, die Unsicherheit, die Erleichterung. Bianka Rathmer fasst es so zusammen: „Die Geburt ist ein unglaublich intimer Moment. Da muss alles drumherum stimmen.“

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Die Rathmers wohnen zurzeit in Wüllen, nur fünf Autominuten vom Ahauser St.-Marien-Krankenhaus entfernt. Dennoch entschieden sie sich für die Geburt im Stadtlohner Krankenhaus Maria-Hilf. „Das war für uns gar keine Frage. Wir sind eigentlich Stadtlohner“, sagt Bianka Rathmer. „Und wir werden bald wieder nach Stadtlohn ziehen, in unser eigenes Haus.“

Für die Geburt in Stadtlohn sprach aus ihrer Sicht aber vor allem etwas anderes: „Das Stadtlohner Krankenhaus ist total schön, das Team ist klasse. Und meine Frauenärztin ist dort Belegärztin, die Hebammen kommen aus Stadtlohn. Ich wollte lieber in ein kleines und feines Krankenhaus als in ein großes.“ Sie schüttelt den Kopf: „Es ist einfach nur traurig. Für mich ist das nicht nachvollziehbar: Stadtlohn verliert tolle Hebammen und Krankenschwestern, die mit Herzblut werdenden Mamis und auch frischen Papis mit Rat und Tat zur Seite standen.“

„Nur ein kleiner Teil der Menschen ist schwanger“

Wie schmerzhaft die Schließung der geburtshilflichen Abteilung in Stadtlohn ist, bekamen am 31. Oktober auch die Gesellschaftsvertreter und Mitglieder des Aufsichtsrats des Klinikums Westmünsterland in der Mitarbeiterversammlung zu spüren. „Die Geburtshilfe ist sicherlich ein sehr wichtiges und ein besonders emotionales Thema“, erklärte der Aufsichtsratsvorsitzende Klaus Ehling in der anschließenden Pressekonferenz. Er bezeichnete die Geburtshilfe als einen von mehreren zentralen Bausteinen im medizinischen Gesamtkonzept. „Im Kreis Borken leben insgesamt aktuell 370.000 Bürgerinnen und Bürger – aber nur ein kleiner Teil von ihnen ist gerade schwanger.“ Es gelte eine qualitätvolle medizinische Versorgung für alle zu sichern.

Entscheidung macht Krankenhäuser fit für die Zukunft

Die Bündelung der geburthilflichen Kompetenz des Nordkreises am Standort Ahaus sei Teil eines Spezialisierungskonzepts, das alle sechs Krankenhausstandorte für die Zukunft fit machen soll. Die Konzentration bestimmter Leistungen verbessere nicht nur die Qualität der medizinischen Versorgung, sondern helfe auch, attraktive Arbeitsplätze für dringend gesuchte Mediziner, Hebammen und Pflegekräfte zu schaffen. Klinikum-Geschäftsführer Ludger Hellmann sagt: „Am Ende zählen die Leistung und dankbare Patienten.“

Dieser Trend zur Zentralisierung lässt zum Beispiel in den Coesfelder St.-Christophoros-Kliniken, die über ein zertifizierten Perinatalzentrum verfügen, die Geburtenzahl seit Jahren steigen. Im letzten Jahr waren es fast 1900. „Wir haben das nicht aktiv betrieben“, sagt Chefarzt Klaus-Dieter Jaspers. Die normalen Geburten könnten medizinisch gesehen eigentlich auch in kleineren Geburtsstationen erfolgen. Hochspezialisierte Abteilungen brauche es nur bei Risikogeburten, wenn die Mutter oder das Kind erkrankt seien.

Qualität vor Fahrzeit

Und was wollen die Patienten im Kreis Borken? Repräsentative Zahlen gibt es nicht. Das Klinikum hat aber eine Umfrage in Auftrag gegeben, an der laut Klinikum-Sprecher Tobias Rodig 111 Menschen teilgenommen haben. Ergebnisse aus dieser Befragung: 74,5 Prozent der Befragten gaben an, dass es bei der Entbindung wichtiger ist, dass Fachpersonal rundum die Uhr vor Ort ist, als dass das Krankenhaus in der eigenen Stadt ist. 82 Prozent der Befragten würden für eine bessere Behandlung sogar 45 Minuten extra fahren. Und 90,1 Prozent legen mehr Wert auf die medizinische Qualität als auf die Erreichbarkeit.

Neu orientieren

Bianka Rathmer ist Heilerziehungspflegerin. „Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Mitarbeiter in der Pflege oft unter Zeitdruck stehen. Ich weiß auch, dass Stationen nicht zu klein sein dürfen, dass eine gescheite Zahl an Mitarbeitern wichtig ist, damit die Dienste geregelt werden können.“ Aber ihr Herz sagt ihr: „Ich will aber keine Massenabfertigung in einem Krankenhaus mit 1000 Geburten. Es kann nicht richtig sein, dass in Stadtlohn eine bestens funktionierende Abteilung mit einem superguten Ruf geschlossen wird.“

Sie sagt aber auch: „Vielleicht sind wir in Stadtlohn auch ein bisschen verwöhnt, so ein kleines und feines Krankenhaus vor der Haustür zu haben.“ Jetzt schaltet sich Jonas ins Gesprächen ein: Lallend erforscht er mit den Fingern im Mund neue Laute. Mutter und Sohn sehen sich lachend sich an. Bianka Rathmer sagt: „Ich werde mir mal die Kreißsäle in Ahaus und Coesfeld anschauen. Nur weil die Geburtshilfe in Stadtlohn geschlossen wird, ist das ja kein Grund, kein Kind zu kriegen.“

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