Kann die Kritik an den Präsenzgottesdiensten nicht wirklich nachvollziehen: Dechant Jürgen Lürwer. © Markus Gehring
St. Otger

Kirche im Corona-Jahr: abgesagte Trauungen, Unverständnis für Kritik

Corona überschattete auch in der Pfarrgemeinde St. Otger in Stadtlohn vieles. Zahlreiche Hochzeiten und Taufen wurden abgesagt oder verschoben. Doch es gab auch positive Nachrichten.

Corona hat auch das Kirchenjahr 2020 gehörig auf den Kopf gestellt. Gottesdienste waren während des ersten Lockdowns komplett untersagt, selbst Sakramente wie die Taufe konnten zu dieser Zeit nicht gespendet werden. Die Politik hat nachjustiert und während der zweiten Welle beschlossen, der Kirche unter Berufung auf die Religionsfreiheit einige Sondergenehmigungen auszustellen. Eine nicht unumstrittene Entscheidung.

Jürgen Lürwer, Dechant in der Pfarrei St. Otger Stadtlohn, blickt mit gemischten Gefühlen auf das „Corona-Jahr“ zurück. „Das Virus überschattet fast alles. Vor zwölf Monaten war für mich zum Beispiel unvorstellbar, dass wir Weihnachten und Ostern keine Präsenzgottesdienste anbieten können.“ Doch es waren nicht nur die großen Feste, die unter besonderen Umständen stattfanden. Auch viele heiratswillige Paare mussten spontan umplanen.

Nur zehn kirchliche Hochzeiten 2020

Nur zehn kirchliche Trauungen wurden 2020 in St. Otger gefeiert. „Die meisten haben sich dazu entschieden, ihre Hochzeit um ein Jahr zu verschieben. Einige Pärchen haben jetzt sogar schon vorsorglich 2022 anvisiert“, sagt Jürgen Lürwer. Er weiß, dass bei einigen die Lebensplanung dadurch auf den Kopf gestellt wird: „Die Reihenfolge wird sich manchmal ändern. Da kommt dann vielleicht das erste Kind oder der Hausbau vor der Hochzeit. Es kann auch sein, dass einige gar nicht mehr kirchlich heiraten möchten oder warten, bis die Kinder mitfeiern können.“

Das sei zwar schade, aber er habe dennoch „absolutes Verständnis“ dafür, dass Sakramente, die aufschiebbar sind, aktuell aufgeschoben werden. Das gelte auch für Taufen, die 2020 ebenfalls zu einer großen Zahl abgesagt wurden. „Die Monate Juni, Juli, August, September waren relativ normal. Im Rest des Jahres gab es nur sehr vereinzelt Taufen“, sagt der Dechant. Die Gründe liegen auf der Hand. „Wenn man nach den Zeremonien nicht gemeinsam feiern kann, ist es schwierig.“

Flexibilität und Spontanität gefragt

Als Gemeinde hat man versucht, möglichst große Flexibilität zu zeigen. „Bei einer Goldhochzeit habe ich spontan vorbeigeschaut und von der Türschwelle aus den Segen gespendet. In diesen Zeiten ist mehr denn je Kreativität gefragt“, erklärt Jürgen Lürwer. Der Gottesdienst im Autokino und die Streaming-Angebote seien weitere Beispiele dafür. „Das hat viel Spaß gemacht.“

Ein positives Signal aus dem Jahr 2020 ist auch die Zusammenarbeit mit der evangelischen Gemeinde. „In der Ökumene haben wir einen Schritt nach vorne gemacht. Durch den gemeinsamen Druck, der auf den Kirchen lastete, ist man coronabedingt enger zusammengerückt“, berichtet der Seelsorger. Ganz besonders gerne erinnert er sich an den ökumenischen Pfingstmontagsgottesdienst zurück.

Kein Verständnis für scharfe Kritik

Weniger gut zu sprechen ist Jürgen Lürwer auf die teils scharfe Kritik an den Präsenzgottesdiensten, die in den vergangenen Wochen vor allem in den sozialen Netzwerken aufflammte. „Wir haben das wahrgenommen und analysiert. Der Großteil der Kommentare stammt von Leuten, die nicht Mitglied in unserer Gemeinde sind. Da verstehe ich die Gründe ehrlich gesagt nicht ganz.“

Was ihn besonders stört: Dass nun die Pfarreien besonders in der Kritik stehen, die wie St. Otger zum Jahreswechsel und auch an Weihnachten freiwillig auf Präsenzgottesdienste verzichtet haben. „Durch die Meldung, dass wir nun die Kirchen wieder öffnen, flammt das Ganze erst wieder auf. Die Gemeinden, die durchgehend Präsenzgottesdienste angeboten haben, sind von der Kritik kaum betroffen.“

Hoffnung auf baldige Normalität

Schlussendlich ist der Dechant der Meinung: „Wenn die Politik eine solche Entscheidung trifft, kann uns als Kirche das nicht negativ ausgelegt werden. Wir haben strenge Hygieneregeln, an die sich alle halten.“

Wie so viele andere hofft Jürgen Lürwer nun darauf, dass durch Impfungen möglichst schnell Normalität zurückkehrt. „Die Menschen gehen auf dem Zahnfleisch. Sie sehnen sich nach echter Begegnung“, sagt er. Nicht nur in diesen schweren Zeiten helfe ihm persönlich das Beten. „Als Christ kann es einen entlasten. Aber man sollte nicht erwarten, dass drei Tage später die ganze Welt von allem Bösen befreit wird.“

Über den Autor
1991 in Ahaus geboren, in Münster studiert, seit April 2016 bei Lensing Media. Mag es, Menschen in den Fokus zu rücken, die sonst im Verborgenen agieren.
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Johannes Schmittmann

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