Jugendamt in Stadtlohn muss nach Morddrohung von Security bewacht werden

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Ein Security-Mann bewacht seit Monaten den Eingang der Jugendamts-Nebenstelle in Stadtlohn. Es gab Morddrohungen gegen die Mitarbeiter und die Bedrohungslage besteht offenbar weiterhin.

Stadtlohn

, 16.08.2019, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Vor dem Haus an der Josefstraße 17 steht ein Security-Mann. Seit Mai. Nach Morddrohungen gegen Mitarbeiter der Jugendamts-Nebenstelle Stadtlohn hat der Kreis Borken diesen Schutz veranlasst. Brigitte Watermeier, Fachbereichsleiterin Jugend und Familie beim Kreis Borken, bestätigt auf Nachfrage, dass es ein solches Bedrohungsszenario gegeben hat und dass es weiter vorhanden ist: „Ein Vater, dessen Kinder in Obhut genommen wurden, hat angedroht, alle zu töten.“ Das Problem: Die Polizei konnte ihn bislang nicht ausfindig machen.

Eine Anzeige – Bedrohung ist ein Straftatbestand – liegt der Kreispolizeibehörde Borken vor, erklärt Polizeipressesprecher Frank Rentmeister. Und: „Der Aufenthaltsort des Mannes ist uns nicht bekannt.“ Die Staatsanwaltschaft sei eingeschaltet, Ermittlungs- und Strafverfahren liefen.

Bedrohungen sind im Moment Alltag für die Polizei

Frank Rentmeister stellt aber auch klar, dass solche Bedrohungen zurzeit zum polizeilichen Alltag gehörten. „Leider“, ergänzt er. 486 Anzeigen seien es allein in diesem Jahr bei der Kreispolizeibehörde Borken.

Jugendamt in Stadtlohn muss nach Morddrohung von Security bewacht werden

Jeden Tag steht ein Mitarbeiter von PMC vor dem Gebäude in der Josefstraße. Es ist nicht unbedingt einfach, in der sonst ruhigen Wohnstraße die Konzentration hochzuhalten. © Stephan Teine

Unter Bedrohung fielen Nachbarschafts- oder häusliche Streitigkeiten ebenso wie Morddrohungen. Frank Rentmeister: „Wenn ein Mensch mit einem Verbrechen bedroht wird.“ Nicht auf Anhieb sei aber erkennbar, wie ernst solche Drohungen zu nehmen seien.

Polizeiliche Aufgabe sei es daher, in Abstimmung mit der Staatsanwaltschaft eine Gefährdungsbewertung vorzunehmen. „Wir müssen uns jeden Fall ganz genau anschauen und dann entscheiden, welche Maßnahmen zu treffen sind. Bis hin zur ‚Begleitung‘ rund um die Uhr.“

Polizei und Kreis schweigen zu konkreten Hintergründen

Zu einzelnen Methoden und erst recht zu dem konkreten Fall will sich Rentmeister aber nicht äußern: „Dazu gibt es von uns keine Auskunft.“ Auch der Kreis Borken gibt sich zugeknöpft. „Zu den näheren Umständen können wir – auch zum Schutz unserer Mitarbeiter – nichts sagen“, erklärt Kreispressesprecher Karlheinz Gördes schriftlich.

Von ähnlichen Fällen sei der Kreis aber immer mal wieder betroffen. Vor allem in den ordnungsrechtlichen Bereichen und dort wo es um die vermeintliche Existenz von Menschen gehe: etwa bei Leistungskürzungen im Jobcenter, bei Führerschein-Entzug, Pfändungen, Tierschutz oder „aufenthaltsbeendenden Maßnahmen“, also wenn Asylbewerber abgeschoben werden sollen. Zu konkreten Fallzahlen sagt Gördes aber auch nichts.

Bürgerfreundlichkeit gegen Sicherheit der Mitarbeiter abwägen

Der Kreis stehe in diesen Situationen vor der Herausforderung, einen Mittelweg zwischen einem bürgerfreundlichen Haus und dem Schutz der Mitarbeiter zu finden. Die Abstimmung dazu erfolge in enger Zusammenarbeit mit der Polizei.

Unabhängig von der polizeilichen Arbeit hat der Kreis Borken in diesem Fall die private Sicherheitsfirma PMC beauftragt. Zur Sicherheit seines Personals, aber auch der Besucher „Ich bin morgens vor Dienstbeginn der erste und abends der letzte“, erzählt der Mitarbeiter. Ein Einsatz, bei dem er ständig hochkonzentriert alles im Blick haben muss, das Gebäude, die Menschen, die sich ihm nähern. Meist läuft er zu Fuß Patrouille, mal hat er vom Auto aus, das vor der Tür steht und das mit etlichen Spiegeln ausgestattet ist, auf alles ein wachsames Auge.

Security-Mitarbeiter muss ständig konzentriert und aufmerksam sein

„Man muss für Abwechslung sorgen, damit Konzentration und Spannung bleiben.“ Keine leichte Aufgabe: Schließlich befindet sich die Außenstelle des Jugendamts in der eher ruhigen Josefstraße. Für ihn jedoch keine besondere Herausforderung. Seit über 20 Jahren ist er bei dem Sicherheitsdienst beschäftigt. Zu seinen Aufgaben gehört neben der Absicherung von Großveranstaltungen auch immer wieder der Objektschutz. „Da entwickelt man so seine Strategien“, sagt er. Wichtig sei, dass man immer etwas zu tun habe. Sei es, indem er die Passanten beobachtet und sich Gesichter einprägt oder indem er sich Kennzeichen merkt.

Mitarbeiter reagieren unterschiedlich auf die Bedrohung

Für die 16 Sozialarbeiter der Jugendamts-Nebenstelle ist das zumindest eine Beruhigung. Denn selbst für sie, die tagtäglich professionell mit zum Teil heftigen Konflikten umgehen, ist es seit Monaten eine Ausnahmesituation. „Viele haben Angst“, sagt Nebenstellen-Leiter Josef Rolvering. Allerdings reagierten die Mitarbeiter auch ganz unterschiedlich auf die extreme Situation.

Eine der Mitarbeiterinnen, die an diesem frühen Abend in den Feierabend geht, sieht es offensichtlich recht locker: „Ach ja, der gehört bei uns ja schon fast zum Inventar“, sagt sie beim Blick auf den Sicherheitsposten und fährt im Auto davon.

Schweigen ist keine Lösung

Kommentar von Stephan Teine „Kein Kommentar“, lautete die erste reflexartige Antwort von Polizei und Kreis auf unsere Anfrage, was dort am Jugendamt los sei. Um die Mitarbeiter zu schützen, wollten beide Behörden nicht näher auf die Lage rund um die Nebenstelle des Kreisjugendamtes in der Josefstraße eingehen. Erst auf vehemente Nachfrage und nach längerer Rücksprache in der Kreisverwaltung kamen schließlich die Tatsachen auf den Tisch – natürlich relativ unkonkret. Und das ist in Ordnung. Aber: Mal ganz abgesehen davon, dass der Mann vom Sicherheitsdienst ja nun ziemlich öffentlich vor dem Haus steht – es sich also nicht um eine verdeckte Aktion handelt – hat die Medaille ja noch eine zweite Seite. Wenn die Bedrohung so ernst ist, dass eine ständige Bewachung des Gebäudes angebracht scheint, dann muss die Öffentlichkeit das wissen. Deswegen müssen Fragen danach nicht nur beantwortet werden. Eigentlich hätten Kreis und Polizei auf die Situation hinweisen müssen. Und zwar schon im Mai. So wie sie es sonst bei jedem Parkplatzrempler oder jedem noch so kleinen Drogenfund bei einer Verkehrskontrolle tun. Sicherlich eine unangenehme Nachricht, aber eine, die man nicht verschweigen darf.
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