Huhn Erna und ihre 221 Mitbewohnerinnen mögen ihr Hühnermobil

dzHühnermobil in Stadtlohn

Vorösterlicher Legestress auf dem Hühnerhof? Keine Spur. Erna und ihre glücklichen Kolleginnen genießen die Sonne und das stets frische Grün rund um ihr Hühnermobil. Wir waren zu Besuch.

Stadtlohn

, 19.04.2019 / Lesedauer: 3 min

Der 20-jährige Junglandwirt Jannik Lesker betreibt seit dem vergangenen Jahr einen mobilen Hühnerstall am Heideweg. Der automatisierte und dank Photovoltaik vom Stromnetz unabhängige Stall kann ohne Aufwand versetzt werden, wenn die Hühnerschar die Weide abgegrast hat.

Huhn Erna und ihre 221 Mitbewohnerinnen mögen ihr Hühnermobil

Jannik Lesker (20) ist der Juniorchef in der Bio-Gemüsegärtnerei am Heideweg. Sein erstes eigenes Projekt ist das Hühnermobil, das sich dank Photovoltaik und Hightech automatisch regelt. Nur ab und zu muss es versetzt werden. © Stefan Grothues

Morgens um kurz vor 10 am Heideweg in Stadtlohn: Erna streckt sich noch einmal. Sie und ihre 221 namenlosen Mitbewohnerinnen haben ihre Hühnerstangen verlassen und drängeln sich am Ausgang des Stalls. In der Nacht war die Enge angenehm warm. Jetzt aber will Erna ins Freie, genau wie alle anderen.

Um Punkt 10 öffnet sich leise surrend die Klappe dank Zeitautomatik. Gemächlich stolzieren die Hühner aus ihrem Hightech-Hühnerstall ins Freie. So wie jeden Tag erwartet sie grünes Gras, frische Luft, und in dieser Woche lacht dazu auch noch die Sonne vom blauen Himmel.

Huhn Erna und ihre 221 Mitbewohnerinnen mögen ihr Hühnermobil

Nach 15 Monaten werden aus Legehennen Suppenhühner. Nur Erna wird dieses Schicksal nicht ereilen. Nach einer Verletzung und Einzelpflege ist sie Jannik Lesker ans Herz gewachsen. Sie wird noch einige Jahre scharren können. Auf dem Foto ist nicht Erna zu sehen. Sie war gerade nicht greifbar. © Stefan Grothues

Erna ist eine Lohmann-Brown-Henne. Sowie ihre 221 Mitbewohnerinnen. Jetzt picken sie Grashalme und scharren im Sand – friedlich, denn Platz und Gras gibt es im Überfluss. Hektisch wird es erst, als Jannik Lesker nach dem schwarzen Eimer greift. 222 Hühner und drei Hähne scharen sich nervös gackernd um den Junglandwirt. Jetzt gibt es Weizenkörner, ein echter Leckerbissen fürs Federvieh.

Jannik Lesker strahlt. Der 20-Jährige mag seine Hühner. Schon als Kind kümmerte er sich um eine kleine Hühnerschar auf dem elterlichen Hof, auf dem sein Vater Franz-Josef Lesker seit 26 Jahren Bio-Gemüse anbaut. Für die Bio-Gärtnerei schlägt auch Jannik Leskers Herz. „Ich wollte nie etwas anderes machen“, sagt er. Nach der Schule absolvierte er eine Ausbildung zum Landwirt.

Huhn Erna und ihre 221 Mitbewohnerinnen mögen ihr Hühnermobil

Wenn die Hühnerschar die Weide abgegrast hat, wird das Mobil mit Hilfe eines Treckers einfach an einen anderen Standort versetzt. © Stefan Grothues

Seit dem letzten Jahr arbeitet er auf dem Hof seines Vaters. Und das Hühner-Mobil ist das erste betriebswirtschaftliche Projekt, das Jannik Lesker ganz allein auf die Beine gestellt hat. Nach der Familienphilosophie geht es ihm dabei nicht um Effizienz um jeden Preis, schon gar nicht auf Kosten der Tiere und der Natur. Aber das Projekt muss sich betriebswirtschaftlich rechnen.

Der mobile und automatisierte Hühnerstall war die Lösung: Mit wenig Aufwand lässt sich eine artgerechte Haltung organisieren. Denn seine Arbeitszeit braucht Jannik fürs Gemüse: Porree und Rotkohl sind gerad abgeerntet. Jetzt werden Kartoffeln und Salate gepflanzt.

Huhn Erna und ihre 221 Mitbewohnerinnen mögen ihr Hühnermobil

Zusätzlich zum Weide-Gras sorgen überschüssige Salatköpfe oder krumme Gurken aus der Bioland-Gemüsegärtnerei für Abwechslung auf dem Speiseplan. Und was die Hühner nicht verwerten, wandert in die Biogasanlage, mit der die Gewächshäuser des Biobetriebs CO2-neutral geheizt werden. © Stefan Grothues

Zur artgerechten Hühnerhaltung gehören auch die drei Hähne. Jannik Lesker: „Die Hähne geben den Hühnern Sicherheit. Sie verteidigen sie notfalls gegen Eindringlinge. Und sie kümmern sich da-rum, dass sich das Gezicke unter den Hennen in Grenzen hält.“

Mit einem täglichen Kontrollgang, der Weizenzufütterung und dem Eiereinsammeln ist die meiste Arbeit schon getan. Und wenn die Hühner die Flächen abgegrast haben, wird das Hühnermobil kurzerhand versetzt.

Warum hat Erna eigentlich einen Namen und alle anderen 221 Hühner nicht? Weil Erna ein Problemhuhn und ein Mobbingopfer war. „Bei soviel Auslauf ist die Hackordnung in der Hühnerschar eigentlich kein Problem“, sagt Jannik Lesker.

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In ein weiches Bett aus Buchweizenspelze legen die Hühner ihre Eier ab. Jeden Tag kann Jannik Lesker rund 190 Eier einsammeln. Sie werden im Hofladen in Mehrweg-Boxen verkauft. Das Dotter ist sonnengelb und nicht orange, weil synthetische Dotterfarbe im Futter bei Bioeiern verboten ist. © Stefan Grothues

Doch Ernas Widersacherinnen pickten ihr den Kamm blutig. Jannik Lesker nahm Erna mit auf den Hof und pflegte sie in Einzelhaltung gesund. Erna wuchs der Familie ans Herz. Im Sommer wird Erna daher dem Schlachter entgehen, wenn alle anderen Legehühner als Suppenhennen enden.

Aber davon ahnen die 222 glücklichen Hühner und 3 Hähne an diesem schönen April-Abend kurz vor Ostern noch nichts. Bei Dämmerungsbeginn eilen sie in ihren mobilen Stall, um einander auf den Hühnerstangen zu wärmen, während der lichtgesteuerte Automatismus leise die Klappen schließt.

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Das Hühnermobil ist kein Hobby. Für den Junglandwirt Jannik Lesker muss sich das Projekt auch rechnen. So trägt er Legeleistung, Erträge, Aufwand und Abschreibung regelmäßig in Excel-Listen ein. Die große Hühnerfreiheit hat am Ende ihren Preis: Ein Weide-Ei kostet 49 Cent. © Stefan Grothues

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