Feldversuch in Stadtlohn: Was die elektronische Gesundheitskarte alles kann

dzApotheke

Die Stadtlohner Tilly-Apotheke nimmt als eine von 15 Apotheken in Westfalen-Lippe an einem mehrwöchigen Feldversuch teil. Es geht um die Anwendung der elektronischen Gesundheitskarte.

Stadtlohn

, 26.03.2020, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Millionen Versicherte haben sie, doch nur wenige wissen, dass die elektronische Gesundheitskarte mehr kann als nur den Versichertenstatus zu übertragen.

Auf der elektronischen Gesundheitskarte gespeicherte Notfalldaten können Leben retten. Ein Medikationsplan kann lebensgefährliche Wechselwirkungen verhindern. Was die Gesundheitskarte noch alles leisten kann, darum geht es aktuell in einem mehrwöchigen Feldversuch, an dem auch die Stadtlohner Tilly-Apotheke teilnimmt.

Passfoto und Chip

2015 hat die elektronische Gesundheitskarte die „Krankenversichertenkarte“ der gesetzlichen Krankenkassen abgelöst. Seitdem befindet sich auf jeder Gesundheitskarte neben einem Passfoto auch ein Chip, auf dem Daten gespeichert werden (können), daher auch der Name „elektronische Gesundheitskarte“.

Die Anwendungen dieser Karte werden schrittweise eingeführt. Seit der ersten Märzwoche läuft im Gebiet Westfalen-Lippe ein Pilotprojekt, in dem diese Technik in einem Feldversuch getestet wird. 75 Ärzte, ein Notarzt und 15 Apotheken wurden in diesem Bezirk dazu ausgewählt.

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Rund zwei Millionen Patienten bekamen Post von ihren gesetzlichen Krankenkassen. Sie erhielten – im Falle einer Teilnahme an diesem Feldversuch – die elektronische Gesundheitskarte „G2“ mit PIN (persönliche Indentifikationsnummer) und PUK (Super-PIN).

In Stadtlohn nehmen die Praxen Drs. Bülsing und Ammo, Dr. Dischinger und Drs. Kuckuck sowie die Tilly-Apotheke teil.

Dr. med Markus Jansen und Anne Jansen von der Tilly-Apotheke versprechen sich von der elektronischen Gesundheitskarte eine präzisere Kommunikation.

Wechselwirkungen beachten

„Wir haben als Apotheke die Aufgabe, die Bevölkerung mit Medikamenten und medizinischen Hilfsmitteln zu versorgen und sie über Arzneimittel zu informieren“, erklärt Markus Jansen. „Dazu gehört, die Wechselwirkungen der verschiedenen Arzneimittel und der anderen Mittel, die jemand einnimmt, im Blick zu behalten.“

Je genauer die Apotheke über die Medikamenten-Einnahme des Patienten informiert sei, desto besser könne sie ihn beraten.

„Stellen wir fest, dass riskante Wechselwirkungen auftreten, können wir – natürlich mit Einverständnis des Patienten – mit dem betreuenden Arzt Kontakt aufnehmen und gegebenenfalls gemeinsam die Medikation anpassen“, erläutert Markus Jansen.

Ziel der Einführung ist laut Bundesgesundheitsministerium ein besserer Informationsaustausch zwischen den verschiedenen Ärzten, Fachärzten, Apotheken und sonstigen Leistungserbringern. Dadurch könnten zum Beispiel Doppeluntersuchungen vermieden und Kosten eingespart werden.

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„Der Vorteil für den Patienten liegt eindeutig in der Arzneimittelsicherheit“, sagt Markus Jansen. Allerdings gehe das nicht ohne das Mitwirken des Patienten selbst. Er müsse umfassend angeben, welche Mittel er wirklich wann und wie oft einnehme. „Dann ergibt sich ein vollständiges Bild mit einer realistischen Einschätzungsmöglichkeit.“

Im Notfall seien wichtige Daten schnell abrufbar. Sie werden auf der Karte nur gespeichert, wenn der Patient dies ausdrücklich wünscht und in die Speicherung einwilligt.

Die Patientendaten werden verschlüsselt auf zentralen Servern gespeichert. Um an das Netz angeschlossen zu werden, benötigen teilnehmende Ärzte und Apotheken eine besondere Technik, die einer hohen Datensicherheit unterliegt.

Zugriff auf Daten

Anne Jansen: „Auf die Daten der Karte kann nur mit einem Heilberufeausweis zugegriffen werden.“ Später sollen auch Patienten selbst auf die Inhalte zugreifen und diese ergänzen können.

Dass die elektronische Gesundheitskarte das Arbeiten in der Apotheke gravierend verändert, davon gehen Markus und Anne Jansen aktuell nicht aus. Es gebe in der Phase des Feldversuchs nur leichte Veränderungen. „Zurzeit sind nur die Notdaten und die Medikationspläne abgespeichert“, erläutert Markus Jansen. „Mit ausgedruckten Medikationsplänen arbeiten wir ja heute schon.“

Der Arzt sei verpflichtet, den Plan ab drei verschriebenen Arzneimitteln auszustellen. „Viele Apothekenbesucher lassen bereits Kopien ihrer Pläne bei uns, die wir datenschutzgerecht aufbewahren und zur Beratung heranziehen.“

Mit vielen Veränderungen rechnet die Tilly-Apotheke erst dann, wenn weitere Anwendungen auf der Gesundheitskarte freigeschaltet werden. Markus Jansen nennt als Beispiel das e-Rezept. „Das wird es vielen Apothekenbesuchern vereinfachen, ein Medikament vorzubestellen.“

Botendienst für Stammkunden

Doch schon heute gibt es eine ähnliche Möglichkeit: Kunden senden der Apotheke vorab ihr Rezept per E-Mail oder App und holen es später ab. „Stammkunden können wir auch mit unserem Botendienst beliefern“, sagt Anne Jansen. Das e-Rezept soll voraussichtlich im Frühjahr 2021 eingeführt werden.

Seit vergangener Woche läuft der Feldversuch im Bezirk Westfalen-Lippe. Geplant war er für eine Dauer von acht Wochen. „Durch die Situation mit dem Coronavirus wird über eine Verlängerung nachgedacht“, berichtet Markus Jansen.

Ziel der Stadtlohner Tilly-Apotheke ist es, dass in der Testphase rund 40 Kunden mit einer elektronischen Gesundheitskarte kommen. Ob diese Zahl erreicht wird? Markus und Anne Jansen wissen es nicht.

Noch kein Kunde mit der neuen Karte

Wie viele Stadtlohner sich freiwillig für eine Teilnahme am Feldversuch angemeldet haben, das wurde der Apotheke nicht mitgeteilt. „Noch hatten wir keinen Kunden mit der neuen Gesundheitskarte“, berichtet Markus Jansen am Dienstag im Gespräch mit unserer Redaktion. „Ich glaube, viele haben aktuell einfach nicht den Kopf frei, um sich eingehend damit zu beschäftigen. Derzeit haben die Leute ganz andere Sorgen.“

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