Vier Generationen der Familie Räwer sind zusammen 400 Jahre alt: (hinten von links) Martin (59) und Margret (59), Josef (92) und Elfriede (88), Christine (37) und Michael (40) mit Gerda (1) sowie (vorne von links) Robert (8), Karl (10) und Josef (6). © Stefan Grothues
Mehrgenerationen-Haushalt

Die Vier-Generationen-WG in Estern feiert einen 400. Geburtstag

Vier Generationen auf einem Hof in Estern: Familie Räwer genießt einen echten Glücksfall. Vom 92-jährigen Urgroßvater bis zum einjährigen Enkel leben drei Familien unter einem Dach.

Die kleine Gerda wird am Sonntag ein Jahr alt. Für ihre Familie auf dem Hof Räwer in Estern ist das ein ganz besonderer, ein runder Geburtstag. Aus bunten Legosteinen haben ihre Brüder schon die Zahl 400 zusammengesteckt. So alt werden die Räwers, zählt man die Lebensjahre der „Vier-Generationen-WG“ zusammen. Karl (10) findet das „sehr cool“, sein Urgroßvater sagt „prima“.

Josef Räwer lebt schon seit 92 Jahren auf dem Hof in Estern

An der Summe der Lebensjahre haben die Urgroßeltern Josef und Elfriede (88) Räwer natürlich den entscheidenden Anteil. Josef Räwer erblickte vor 92 Jahren auf dem Hof das Licht. „Damals lebten auch schon drei Generationen auf dem Hof“, erzählt Josef Räwer, der sein Leben lang als Landwirt gearbeitet hat. Den Hof im Alter zu verlassen kamen ihm und seiner Frau Elfriede nie in den Sinn.

Auch nicht 1991, als die beiden den Hof an seinen Sohn Martin und dessen Frau Margret übergaben, die ihn seither als Nebenerwerbsbetrieb führen – als „Hobby“ wie Martin Räwer sagt. Die drei Töchter der beiden hatten ein inniges Verhältnis zu den Großeltern. „Da bleibt man selber auch länger jung“, sagt Elfriede Räwer lachend.

Stille Jahre nach dem Auszug

Doch dann zogen die drei Mädchen aus. „Ich war damals 20“, erzählt Christine Räwer. „Aber ich habe mir immer offen gehalten, wieder zurückzukommen.“ In Stadtlohn gründete sie zusammen mit ihrem Mann Michael eine eigene Familie, schätzte die kurzen Wege. „Da kann man ja alles zu Fuß erledigen.“

Auf dem Hof in Estern wurde es stiller. Kein Kinderlachen war mehr zu hören. „Das war schon ein bisschen komisch, als wir hier nur noch zu viert gewohnt haben“, sagt Margret Räwer. 2015 fragten sie und ihr Mann ihre Tochter Christine und Schwiegersohn Michael: „Wollt ihr nicht zu uns auf den Hof ziehen?“

Die richtige Mischung aus Nähe und Distanz schafft Harmonie

Christine und Michael zögerten nicht lange. Christine, weil sie das Landleben kannte. Und ihr Mann und ihre Söhne, weil sie sie davon überzeugen konnte. Karl, Robert und Josef finden es klasse, hier so frei aufzuwachsen. Ihre Mutter sagt: „Hier stören sie niemanden.“ Michael lobt die gute Nachbarschaft. Die sei persönlicher und näher – obwohl man hier ja weiter auseinander wohne.“

Und wie vertragen sich die Generationen unter einem Dach? „Bestens“, sagt Margret Räwer. Die wichtigsten Grundsätze für das Zusammenleben sind erstens „Nähe ist gut“, zweitens „Distanz schafft Harmonie“ und drittens „Toleranz ist das A und O.“ Michael Räwer sagt: „Hier leben ja zehn Personen. Jeder hat seine eigenen Vorstellungen und Ideen. Da muss man den anderen auch mal gewähren lassen und Kompromisse eingehen. Und jeder braucht seinen eigenen Raum, in den er sich zurückziehen kann.“

„Wir haben wohl keine echten Probleme“

Und es gibt wirklich keine Spannungen? „Oh doch“, sagt Margret Räwer und outet sich augenzwinkernd als generationenübergreifende Mülltrennungskontrolleurin. Tochter Christine und Schwiegermutter Elfriede stimmen lachend ein. „Ja das stimmt, sie passt auf dass wir auch die Pappe zerreißen“, sagt Elfriede. Und Christine ergänzt: „Die Mülltrennung ist Mamas größtes Problem – also haben wir wohl keine echten Probleme.“

Die Abfalltonnen teilen sich die Familien. Ansonsten aber leben die vier Generationen auf dem Hof in drei getrennten Wohnungen, haben jeweils eigene Gärten. Auch die Urgroßeltern versorgen noch ihren eigenen Haushalt. Und doch finden alle immer wieder auch zu gemeinsamen Familienrunden zusammen. Die Räwers lachen gerne. „Einsamkeit in der Coronazeit? Die gab es hier auf dem Hof nicht. Wir haben ja miteinander immer viel Abwechslung“, sagt Margret Räwer.

„Schöne Sicherheit“ für die Urgroßeltern

Doch das Zusammenleben mit älteren Menschen verlangte gerade in der Pandemiezeit auch viel Rück- und Vorsicht. „Da haben sich die Jüngeren schon sehr eingeschränkt“, sagt Margret Räwer.

Vielmehr aber profitieren die Generationen voneinander. Die Großeltern passen auf die Enkel auf, und die Urgroßeltern fühlen sich mitten im Leben. „Das ist eine schöne Sicherheit, dass wir hier so gut versorgt werden“, sagt Elfriede Räwer. Nur Gerda schweigt noch zu allem. Doch ihren ersten Geburtstag wird sie am Sonntag genießen – im Kreise der 400 Familienjahre.

Über den Autor
Redaktion Ahaus
Vor Ort und nah dran für den Leser, hört gerne auch die andere Seite
Zur Autorenseite
Stefan Grothues
Lesen Sie jetzt