Dealer verkaufte in Stadtlohn auch minderjährigen Schülern Marihuana

dzDrogenprozess

Dieser Prozess gewährte einige Einblicke in die Stadtlohner Drogenszene. Am Dienstag stand ein Dealer vor Gericht. Sein Handy führte zu etlichen Kunden, darunter auch minderjährige Schüler.

Stadtlohn

, 02.09.2020, 04:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

„Uns ist ja wohl allen klar, dass das nur die Spitze eines Eisbergs ist,“ sagte der Richter am Schöffengericht. Zuvor hatte er einen 30-jährigen Stadtlohner wegen der Einfuhr von insgesamt einem halben Kilo Marihuana und dem Weiterverkauf der Drogen in einem Dutzend Fällen zu zwei Haftstrafen auf Bewährung verurteilt.

Handyauswertung führt zu einer ganzen Reihe von Strafprozessen

Die Protokolle der WhatsApp-Chats des Dealers mit seinen Kunden, darunter auch drei Stadtlohner Jugendliche unter 18, füllten einen dicken Ordner auf dem Richtertisch. Die Handyauswertung hatte schon zu einer Reihe von Prozessen geführt, in denen die Drogenkunden zu Lasten des 30-Jährigen ausgesagt hatten.

So versuchte der 30-Jährige vor Gericht erst gar nicht, die Taten abzustreiten. Zu eindeutig war wohl die Beweislast gegen ihn. Ein zweiter Grund saß im Zuschauerraum: seine schwangere Freundin.

„Mit Marihuana wie mit Tomaten gehandelt“

„Ich bereue das, was ich getan habe“, sagte der Angeklagte. Er habe gedealt, um seinen eigenen Drogenkonsum zu finanzieren. Drei bis vier Gramm täglich habe er konsumiert. Jetzt seien es nur noch zwei Gramm die Woche. „Ich rauche nur noch abends Marihuana, weil ich Schlafstörungen habe.“ Er beteuerte aber: „Bevor das Kind auf die Welt kommt, höre ich ganz auf.“

Freimütig gestand der Angeklagte vor Gericht die ihm zur Last gelegten Taten. Er räumte sogar ein, den Drogenhandel wie ein „kleines Unternehmen, das mit Tomaten oder Basilikum handelt“, geführt zu haben. Einen Beruf habe er „leider nicht gelernt“. Er arbeitete für eine Zeitarbeitsfirma als Produktionshelfer.

Großeinkäufe in Enschede

Als Nebenerwerbs-Dealer kaufte er zusammen mit zwei gesondert verfolgten Mittätern das Marihuana in größeren Mengen von 200 oder 300 Gramm in Enschede zum Preis von fünf Euro je Gramm ein, um es in Stadtlohn für sieben oder acht Euro je Gramm weiterzuverkaufen – „je nachdem wie gut die Kunden verhandeln konnten.“

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Per WhatsApp meldeten sich die Kunden beim Dealer, um sich dann mit ihm im Owweringpark oder an anderen öffentlichen Plätzen in Stadtlohn zur Übergabe zu treffen. Der Richter zitierte einen der Drogenkäufer aus den Chat-Protokollen: „Bin noch bis eins in der Schule.“ Nachweislich waren drei der Drogenkunden noch keine 18 Jahre alt.

„Vor Drogenverkäufen auch Ausweise kontrolliert“

Der Angeklagte versicherte: „Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich ihnen nichts verkauft.“ Er habe sogar Ausweiskontrollen gemacht, wenn die Käufer zu jung ausgesehen hätten. Auf den Vorhalt des Richters, dass ein Kunde erst 15 Jahre alt gewesen sei, erklärte der Angeklagte: „Ach der! Ja der hat doch den Stoff für seinen älteren Bruder oder für seine Eltern gekauft. Die kiffen ja alle in der Familie. Die Eltern haben mir gesagt: ,Wir schicken den Kleinen vorbei.‘“

Für die beiden nachgewiesenen Fälle der Drogeneinfuhr aus den Niederlanden wurde der Angeklagte vom Schöffengericht zu einem Jahr und zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Für den Weiterverkauf in zwölf nachgewiesenen Fällen verhängte das Gericht eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und acht Monaten.

Die Strafen wurden für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Dem 30-Jährigen wurde zur Auflage gemacht, 200 Sozialstunden abzuleisten und sich einer Drogentherapie zu unterziehen.

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„Ohne das umfassende und glaubhafte Geständnis wären Sie an einer Freiheitsstrafe nicht vorbeigekommen“, erklärte der Richter. Und er redete dem Angeklagten ins Gewissen: „Sie haben schwere Straftaten begangen. Wenn Sie die Bewährungschance nicht nutzen, müssen sie tatsächlich für dreieinhalb Jahre ins Gefängnis.“

Gebrochene Gesamtstrafe

Eigentlich können nur Freiheitsstrafen mit einer Dauer von bis zu zwei Jahren zur Bewährung ausgesetzt werden. Dass in diesem Fall die in der Summe deutlich längeren Haftstrafen zur Bewährung ausgesetzt werden, ist auf die juristische Besonderheit der „gebrochene Gesamtstrafe“ zurückzuführen. Sie wurde verhängt, weil es eine Vorverurteilung gab, die nicht mit allen nun angeklagten Taten gesamtstrafenfähig war.

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