Bomben-Inferno vor 75 Jahren in Stadtlohn: Requiem erinnert an dunkle Stunden

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Bomben, Trümmer und Tote: Noch heute leben in Stadtlohn über 1000 Menschen, die den Schrecken der Märztage 1945 miterlebt haben. Ein Requiem erinnert an den 75. Jahrestag der Bombardierung.

Stadtlohn

, 19.02.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, am 11., 21. und 22. März 1945, flogen die alliierten Luftstreitkräfte mehrere schwere Bombenangriffe gegen die Stadt Stadtlohn. 330 Menschen verloren während der Bombardements ihr Leben. Fast die Hälfte der Gebäude wurde schwer beschädigt oder völlig zerstört.

Der Blick auf die Innenstadt nach den Bombenangriffen lässt das Ausmaß der Zerstörungen erkennen, von denen Stadtlohn im März 1945 kurz vor Kriegsende noch getroffen wurde.

Der Blick auf die Innenstadt nach den Bombenangriffen lässt das Ausmaß der Zerstörungen erkennen, von denen Stadtlohn im März 1945 kurz vor Kriegsende noch getroffen wurde. © Foto Stadtarchiv Stadtlohn

Das sind die nüchternen Fakten. Wie tief der Schmerz auch heute noch sitzt, das erfuhr Bürgermeister Helmut Könning jetzt, als er auf der Suche nach Zeitzeugen war, die öffentlich über das Erlebte sprechen wollen.

Anlass ist der 75. Jahrestag der Bombardierung. Eine Gedenkstunde und ein Requiem in der St.-Otger-Kirche sollen am Sonntag, 22. März, an die Stunden erinnern, die zu den dunkelsten der Stadtlohner Geschichte zählen. Über 1000 Menschen leben noch in Stadtlohn, die die Bombardierung als Kinder oder Jugenliche miterlebten.

Augenzeuge wird in der Gedenkfeier berichten

„Wir hatten eine Zeitzeugin gefunden, die in der Gedenkstunde über ihre Erinnerungen sprechen wollte“, sagt Bürgermeister Helmut Könning. Doch dann seien ihr die schrecklichen Bilder wieder ins Bewusstsein gerückt, Tränen flossen. Die Zeitzeugin sagte ab. Mittlerweile hat ein anderer Augenzeuge zugesagt. Franz-Josef Demes, der die Bombardierung als Achtjähriger überlebte, wird am 22. März von den Schrecknissen berichten.

Am 22. März 1945 lagen bereits zehn Tage Bombardement hinter vielen Städten im Münsterland. Stadtlohn war bis dato von dem Gröbsten verschont geblieben. An diesem Tag aber sollte es die Stadt besonders schlimm treffen. Am 22. März 1945, einem Donnerstag, herrschte schönes Frühlingswetter. Gegen 16 Uhr kamen die Bomberverbände.

Diese Bilddokument zeigt gut erkennbar alliierte Bomber beim Angriff auf Stadtlohn. In der Bildmitte links ist die Fabrik van Bömmel zu sehen. Rauchwolken verhüllen den Stadtkern.

Diese Bilddokument zeigt gut erkennbar alliierte Bomber beim Angriff auf Stadtlohn. In der Bildmitte links ist die Fabrik van Bömmel zu sehen. Rauchwolken verhüllen den Stadtkern. © Stadtarchiv Stadtlohn

Der Stadtlohner Augenzeuge Hubert Vogtt schrieb vor einigen Jahren über den Angriff: „Ganz Stadtlohn brannte, über der Stadt stand ein hunderte Meter hoher Rauchpilz: unten rotglühend, dann weißer Qualm und oben ganz schwarz. Ein schauriges Schauspiel bot sich abends, als es dunkel wurde: Der Kirchturm brannte wie ein Weihnachtsbaum, und viele Stadtlohner, die mit ihren Bollerwagen in Richtung Wenningfeld zogen, haben dann gesehen, wie er gegen 18.30 Uhr in sich zusammenstürzte“.

Requiem fürs Leben

75 Jahre später, am 22. März wird gegen 17 Uhr die Totenglocke von St. Otger noch einmal für die Opfer läuten. Dann erklingt in der Kirche das „Requiem for Living“ des amerikanischen Komponisten Dan Forrest. Aufgeführt wird es vom Konzertchor der VHS unter der Leitung von Heike Haefner-Volmer mit der Sopranistin Evelyn Ziegler. Begleitet werden die 35 Sängerinnen und Sänger von einem Kammerorchester.

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„Es ist keine reine Totenmesse“, sagt Rudolf Kleyboldt, einer der Sänger. „Der letzte Satz, das Lux aeterna, verweist mit schwebenden Klängen in die Zukunft und auf unsere Verantwortung für das Leben.“ Bürgermeister Helmut Könning, der katholische Pfarrer Jürgen Lürwer und der evangelische Pfarrer Uwe Weber werden in der ökumenischen Gedenkstunde neben dem Zeitzeugen Franz-Josef Demes das Wort ergreifen.

Die Friedensspitze des Vredener Künstler Walter Wittek wird als Schenkung dauerhaft in der Gedenkhalle für die Opfer der Weltkriege am Rathaus bleiben.

Die Friedensspitze des Vredener Künstler Walter Wittek wird als Schenkung dauerhaft in der Gedenkhalle für die Opfer der Weltkriege am Rathaus bleiben. © Markus Gehring

Nach dem Requiem wird in der Ehrenhalle die „Friedensspitze“, ein Kunstwerk des Vredener Künstlers Walter Wittek, offiziell vom Evangelischen Kirchenkreis und der Stifterfamilie Stenau an die Stadt Stadtlohn übergeben.

Hier ein Blick auf die Vredener Straße, von der Einmündung Eschstraße aus gesehen, nach der Bombardierung im März 1945. In der Bildmitte rechts sind Vierfässer vom Bierverleger Lensker.

Hier ein Blick auf die Vredener Straße, von der Einmündung Eschstraße aus gesehen, nach der Bombardierung im März 1945. In der Bildmitte rechts sind Vierfässer vom Bierverleger Lensker. © Foto: Londoner Kriegsmuseum

Am gleichen Tag wird im Rathaus eine Bilderausstellung eröffnet, die Fotografien der zerstörten Stadt Stadtlohn zeigt. Es handelt sich vor allem um Aufnahmen aus dem Londoner Kriegsmuseum, die von den britischen Truppen gefertigt wurden, die am Karsamstag 1945 (31. März) in die Stadt einzogen. Stadtarchivar Ulrich Söbbing will auch bislang selten öffentlich gezeigte Filmaufnahmen des britischen Militärs zeigen.

„Die Bomben haben auch eine Vorgeschichte gehabt“

Die Ausstellung zeigt aber nicht nur Fotografien der Trümmerstadt. Söbbing: „Es werden auch Bilder der vorangegangenen Militarisierung, der Gleichschaltung und der Aufrufe zum Endkampf gezeigt, damit klar wird: Die Bomben sind ja nicht einfach vom Himmel gefallen. Sie haben auch eine Vorgeschichte gehabt.“

Auch heute noch werden bei Bauvorhaben in Stadtlohn nichtexplodierte Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt.

Auch heute noch werden bei Bauvorhaben in Stadtlohn nichtexplodierte Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt. © Stefan Grothues

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