Alter Spieker auf dem Hof Lembeck fiel in sich zusammen

dzDenkmal verschwunden

Die Stadt Stadtlohn hat ein Denkmal verloren: Nach einem Dacheinsturz im Dezember ist jetzt der alte Spieker auf dem Hof Lembeck komplett abgerissen worden. Heimatfreunde bedauern das.

Stadtlohn

, 25.04.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Anfang vom Ende für das zweitälteste nichtkirchliche Gebäude in der Stadt kam unerwartet und zunächst unbemerkt: In einer Dezembernacht 2018 ist das Dach des historischen Spiekers auf dem ehemaligen Hof Lembeck eingestürzt. „Keiner hat etwas gehört, auch die Nachbarn nicht, die in unmittelbarer Nähe zum Spieker wohnen“, erinnert sich Kurt Roessing, der Eigentümer des Hofes Lembeck, der dort auch seit 2004 wohnt. Erst am nächsten Morgen wurden die immensen Schäden sichtbar. „Es war keine Sturmnacht“, sagt Kurt Roessing. Es war wohl der Zahn der Zeit, der an dem Gebäude genagt und das Dach und die Giebelseiten zum Einsturz gebracht hatte.

Speicher war fast 200 Jahre alt

Der Speicher auf dem Hof Lembeck wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts errichtet, aber nicht vor dem Jahr 1826. Das haben Recherchen des Stadtarchivars Ulrich Söbbing ergeben. Der zweigeschossige Spieker mit einer Grundfläche von zehn mal zehn Metern wurde nicht nur als Speichergebäude genutzt. Davon zeugte zum Beispiel ein Kamin im Erdgeschoss. Der Speicher wurde bis nach dem Zweiten Weltkrieg zeitweise bewohnt. Zuletzt wurde er als Abstellkammer genutzt. Ein Raum diente Hühnern als Quartier.

Alter Spieker auf dem Hof Lembeck fiel in sich zusammen

Der Spieker (links neben dem Haupthaus auf dem Hof Lembeck) ist Geschichte. Diese Luftaufnahme stammt aus dem Frühjahr 2018. Am oberen Bildrand ist die Straße Breul und die Firma Kemper zu erkennen. © Geodaten Kreis Borken

Mit seiner Bauweise war der Speicher ein typisches Beispiel für die Epoche des 19. Jahrhunderts und stand deshalb auch unter Denkmalschutz, sagt Stadtarchivar Ulrich Söbbing. Als das Gebäude noch stand, beschrieb er es so: „Der Backsteinbau mit pfannengedecktem Satteldach ruht auf einem soliden Sandsteinfundament. An den Seiten lassen sich insgesamt fünf Fensterachsen zählen. Tür- und Fensteröffnungen sind mit Sandsteingewänden gestaltet worden.“ Aber das ist jetzt Geschichte. Der Abrissbagger hat jetzt im April das Gebäude komplett beseitigt. Auf der Fläche wird es bald blühen. Kurt Roessing hat eine Wildblumenwiese eingesät.

Aus der Denkmalliste gestrichen

In der jüngsten Ratssitzung hat Bürgermeister Helmut Könning über den Fall des Denkmals am Breul berichtet. In Abstimmung mit den Denkmalschützern des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe wurde der Speicher im Februar aus der Denkmalschutzliste gestrichen. Schweren Herzens, wie Claudia Volbers betont. Sie ist im Fachbereich Bauen der Stadt Stadtlohn zuständig für die Denkmalpflege. „Der Landschaftsverband hat zunächst über eine sofortige Sicherung des beschädigten Gebäudes durch ein provisorisches Dach nachgedacht.“ Nach mehreren Ortsterminen seien aber alle Experten zu dem Schluss gekommen: Eine Instandsetzung des Gebäudes ist zu aufwendig und zu kostspielig.

Wohnhauspläne wurden hinfällig

„Ich hatte ja lange mit dem Gedanken gespielt, den Spieker in ein Wohnhaus für meinen Sohn umzubauen. Wir haben uns auch schon um eine Genehmigung bemüht“, sagt Hofeigentümer Kurt Roessing. Doch nun sei sein Sohn dauerhaft beruflich in Köln gebunden. Der Spieker blieb also als weitgehend ungenutztes Denkmal stehen – bis zum Dacheinsturz im Dezember. „Das Mauerwerk war von Rissen durchzogen. Eine Instandsetzung hätte mich 300.000 bis 500.000 Euro gekostet, ohne dass ich eine Verwendung für das Gebäude hätte. Das ist nicht tragbar“, sagt Kurt Roessing. „Aber es tut mir schon leid um das Denkmal.“

Stadtarchivar sieht „schmerzhaften Verlust“

Als „schmerzhaften Verlust“ bezeichnet auch Stadtarchivar Ulrich Söbbing den Abriss des Gebäudes. „Schließlich war es nach dem Haus Hakenfort das älteste profane Gebäude im Stadtbereich“, sagt Ulrich Söbbing, der auch Vorsitzender des Heimatvereins ist. Noch vor zwei Jahren hatte er eine Winterwanderung der Heimatfreunde zum Spieker geführt. Damals hegte er noch die Hoffnung auf eine Renovierung und Nutzung des Gebäudes. Heute äußert er aber auch Verständnis für den Eigentümer: „Das wäre schon ein gewaltiger finanzieller Aufwand gewesen, das Gebäude zu erhalten.“

Nur ein Fenster aus Eichenholz bleibt erhalten

Einen Weg zur Rettung hätte es theoretisch gegeben. „Ich hätte das Gebäude auch der Stadt geschenkt“, sagt Kurt Roessing. Claudia Volbers bestätigt das Angebot. Aber: Das Geschenk hätte die Stadt immens viel Geld gekostet – und aufgrund der Lage und des Zuschnitts des Gebäudes hätte sich keine sinnvolle Nutzung ergeben.

Nun fiel das Geschenk Kurt Roessings an die Stadt kleiner und handlicher aus. Die verzierte Eichentür, die die Fassade im Obergeschoss schmückte, hat Kurt Roessing der Stadt überlassen. Roessing: „Vielleicht gibt es ja wenigstens dafür noch eine schöne Verwendung.“

Stichwort „Speicher“

  • Speichergebäude sind seit der Frühgeschichte bekannt. Der Name leitet sich vom spätlateinischen Wort „spicarium“ ab, was zu deutsch Ährenbehälter bedeutet. Spica übersetzt sich aus dem Lateinischen mit Ähre. Die ältesten aus dem Westmünsterland erhaltenen „Spieker“ stammen aus dem Spätmittelalter.
  • Am Anfang des 18. Jahrhunderts wurden zweigeschossige Gebäude mit aufwendigen Fachwerkkonstruktionen, teilweise mit Backstein-Untergeschoss, gebaut. Mit der Zeit wurde das Fachwerkgefüge schlichter, dafür wurde mehr Wert auf Zierelemente und Bildtafeln gelegt.
  • Manche Speicher waren von einer Gräfte umgeben und konnten dadurch auch als Schutzraum dienen. Während das Obergeschoss zur Getreidelagerung ausgelegt blieb, diente das Erdgeschoss mit der Zeit sozialeren Zwecken.
  • Mit dem Einbau eines Kamins konnte es als Arbeits- und teilweise auch als Wohnraum genutzt werden. Daher stammen auch Familiennamen wie „Spieker“, „Spicker“ oder „Spiekermann“.
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