Als die Stadtlohner noch kein Bad hatten: Brausen im Keller der Marienschule

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Samstag ist Badetag. Dieser Satz galt schon, als die Stadtlohner zuhause noch gar kein eigenes Bad hatten. Was für ein Fortschritt war da die Warmwasserbadeanstalt. Eine Spurensuche.

Stadtlohn

, 16.09.2020, 17:40 Uhr / Lesedauer: 2 min

Im Keller der alten Marienschule schlummert noch die längst vergessene Welt der öffentlichen Warmwasserbadeanstalt. 1950 wurde sie frisch gekachelt in Betrieb genommen, 1980 versiegten die Brausen und Badenwannenzuläufe für immer. Doch die Relikte einer vergangenen Hygiene-Ära sind noch immer im Keller zu sehen.

Waschen im Brausenraum stand einmal die Woche auf dem Stundenplan der Marienschüler.

Waschen im Brausenraum stand einmal die Woche auf dem Stundenplan der Marienschüler. © Stefan Grothues

Ernst Honermann öffnet die mattgraue Tür auf der in altertümlichen Buchstaben feinsäuberlich „Brauseraum“ geschrieben steht. Wasserdampf und Seifengeruch sind längst dem Kellerstaub gewichen. Aber noch sind sie da, die langen Reihen der Duschkabinen, die damals aber nicht so hießen. „Wir kannte ja früher keine Duschen, nur Brausen“, sagt Ernst Honermann lachend. Die Expedition in den Keller der Marienschule ist für den 78-Jährigen eine Expedition in seine eigene Kindheit.

Brausen stand auf dem Stundenplan

Vor 70 Jahren hat er die Tür im Keller der Marienschule schon einmal geöffnet. Da war er gerade acht Jahre alt und Schüler der neuerrichteten Marienschule.

Einmal die Woche stand statt Rechnen und Schönschreiben „Brausen“ auf dem Stundenplan – natürlich mit Unterhose. „Früher kamen mir die Reihen der Duschkabinen viel länger vor“, sagt Ernst Honermann. Und er hört noch den Lehrer auf dem Flur auf und abgehen und rufen: „Auch untenrum waschen!“

Zuhause gab es nur eine Zinkwanne in der Küche

Kein Wunder, dass die gekachelten Duschen und Badewannenkabinen auf den kleinen Ernst und die meisten seiner Mitschüler Eindruck machten. Die meisten von ihnen hatten ja kein eigenes Bad zuhause.

„Samstags wurde in der Küche die Zinkwanne aufgestellt“, erinnert sich Ernst Honermann. Ein aufgehängtes Bettlaken sorgte für Privatsphäre. Und das Wasser wurde im großen Kessel, der sonst zum Einmachen genutzt wurde, heiß gemacht.

Eine Wannenfüllung reichte für die Eltern und die sechs Kinder. „Die Eltern badeten zuerst, dann die sechs Kinder. Der letzte brauchte keine Seife mehr zu nehmen, weil das Wasser schon eine Seifenlauge war“, erzählt Ernst Honermann.

Ältere Stadtlohner badeten damals auch noch in der Berkel. Ernst Honermann kann sich noch gut an einen Klassenausflug erinnern, als der Lehrer die Kinder streng mahnte, wegzugucken, weil sich am Berkelufer ein Mann von Kopf bis Fuß mit Seife wusch.

Die Marienschule, die heute vom Stadtarchiv und der Musikschule genutzt wird, war von 1950 bis 1980 auch öffentliche Warmwasserbadeanstalt.

Die Marienschule, die heute vom Stadtarchiv und der Musikschule genutzt wird, war von 1950 bis 1980 auch öffentliche Warmwasserbadeanstalt. © Markus Gehring

Der Neubau der Marienschule mitsamt der Badeanstalt war notwendig geworden, weil die alte Wallschule an dieser Stelle im Bombenhagel der Märztage 1945 völlig zerstört worden war. Stadtarchivar Ulrich Söbbing weiß, dass auch in der alten, 1896 errichteten Wallschule bereits eine Badeanstalt für mehr öffentliche Hygiene sorgen sollte.

„Jedem Deutschen wöchentlich ein Bad“

Ende des 19. Jahrhunderts entstanden in vielen deutschen Städten Volksbäder.

Einer ihrer Vorkämpfer war der Berliner Dermatologe Oskar Lassar, der 1874 den Berliner Verein für Volksbäder gründete, dessen Motto lautete: „Jedem Deutschen wöchentlich ein Bad!“ Der entscheidende Erfolg bei der Durchsetzung des Volksbrausebads kam mit der Berliner Hygieneausstellung im Jahre 1883.

An einem langen Flur reihen sich die Türen zu den Badewannen-Kabinen der alten Badeanstalt im Keller der Marienschule. Noch als Lehrling nahm Ernst Honermann hier sein Samstagsbad.

An einem langen Flur reihen sich die Türen zu den Badewannen-Kabinen der alten Badeanstalt im Keller der Marienschule. Noch als Lehrling nahm Ernst Honermann hier sein Samstagsbad. © Stefan Grothues

Ernst Honermann nutzte die Badeanstalt auch noch als er seine Lehre als Maschinenschlosser in der Landmaschinenfabrik Kemper machte. „Meistens ging ich zusammen mit einem Bruder, da konnten wir Geld sparen, weil wir nur einmal zahlen mussten.“

Er erinnert sich noch daran, dass die Stadtlohner Schornsteinfeger ein eigenes Bad in der Badeanstalt hatten. So mussten sie den Ruß nicht mit ins eigene Haus tragen.

Das war übrigens noch 1980 so. Bis dahin wurde auch die öffentliche Badeanstalt genutzt: Erwachsene zahlten eine Mark, Kinder 60 Pfennig. Geöffnet war das Bad samstags von 13 bis 17 Uhr. Doch die meisten Stadtlohner hatten nun längst ein eigenen Bad.

Weil den Einnahmen in Höhe von 900 Mark im Jahr Ausgaben in Höhe von über 10.000 Mark gegenüberstanden, schlug Stadtdirektor Engelbert Sundermann 1980 vor, es zu schließen. Der Beschluss im Hauptausschuss fiel einstimmig: Schließlich gab es ja inzwischen auch die Möglichkeit, im Frei- und Hallenbad zu duschen.

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