Im Profi-Fußball gibt es den Videobeweis schon. Jetzt prüft die Fifa auch eine Einführung im Amateurbereich. © picture alliance/dpa
Pro und Kontra

Video-Beweis im Amateurfußball: Gute Präventionsmaßnahme oder Utopie eines Weltverbandes?

Die Fifa lässt eine neue Technologie entwickeln: den VAR light. Der soll künftig auch im Amateurfußball bis runter zur Kreisliga C Anwendung finden. Aber ergibt das überhaupt Sinn? Zwei Meinungen.

Darf sich der Amateurfußball bald über einen Videoschiedsrichter freuen? Die Fifa plant den „Video Assistant Referee (VAR) light“. Sogar bis runter in die Kreisliga C könnte der Videoschiedsrichter künftig mit von der Partie sein. Das wäre eine Revolution im Amateurfußball. Wäre das eine notwendige und sinnvolle Entwicklung – oder totaler Quatsch? Zwei Sportjournalisten diskutieren über die Sinnhaftigkeit des VAR light im Amateurfußball.

Ja, der „VAR light“ ist im Amateurfußball sinnvoll… (Von Patrick Schröer)

Zugegeben: Viele Fragen bezüglich des „VAR light“ sind zum jetzigen Zeitpunkt noch völlig ungeklärt. Wie soll der Videoschiedsrichter finanziert werden? Welchen Teil tragen die Vereine? Was erwartet künftig die Schiedsrichter? Müssen sie gesondert geschult werden? Und wie soll der ganze Spaß überhaupt technisch funktionieren?

Mir ist natürlich in jeder Hinsicht klar, dass das Projekt noch in den Kinderschuhen steckt und viel Arbeit, Mühe und Geld investiert werden muss, um den „VAR light“ im Amateurfußball flächendeckend einzuführen und zu realisieren. Die reine Idee der Fifa dahinter ist allerdings nachvollziehbar und ergibt Sinn.

Die Fifa möchte für eine Vereinheitlichung der Regeln sorgen – das ist zunächst einmal ein löblicher Ansatz und führt den Amateurfußball zumindest gefühlt wieder ein kleines Stückchen näher an den Profifußball heran. Viel wichtiger ist allerdings die Tatsache, dass die Partien allesamt per Video überwacht würden.

Dies hätte den Vorteil, dass Gewalt-Vergehen, die im Dortmunder Amateurfußball zuletzt vor allem in den niedrigsten Ligen wieder zugenommen hatten, besser aufgezeichnet werden könnten.

Die Schiedsrichter behalten dadurch einen besseren Überblick über das Spielgeschehen und könnten sogar auf Videomaterial zurückgreifen, das bei einer möglichen Spruchkammersitzung vorgelegt werden könnte. Gewalt-Sünder würde in irgendeiner Form davon abgeschreckt.

Sinken dadurch die Spielabbruchsquote und die Gewalttaten auf dem Sportplatz hätte sich die Anschaffung eines Videoschiedsrichters schon ausgezahlt.

Nein, der „VAR light“ ist im Amateurfußball unnötig… (Von Lukas Wittland)

Es ist ja nicht so, als hätte es noch eines weiteren Beweises bedurft, dass das, was die Fifa-Funktionäre treiben, mit der Fußball-Basis nur herzlich wenig zu tun hat. Sie liefern trotzdem einen: Ein Video-Assistenten für den Amateurfußball. Wie kommt man überhaupt auf den Gedanken, dass das eine gute Idee sei?

Noch gibt es keinen konkreten Plan wie der „VAR light“ für den Amateursport aussehen könnte, aber es ist auch nur schwer vorstellbar, dass es überhaupt ein Konzept geben könnte, in dem er sinnvoll zum Einsatz käme. Auf den Fußballplätzen gibt es keine dutzenden Fernsehkameras wie in den Profi-Ligen, deren Bilder bei fraglichen Situationen hinzugezogen werden können.

Einige Vereine haben mittlerweile automatisierte Kameras, die aber teilweise am anderen Ende des Spielfelds kleben, während im gegenüberliegenden Strafraum ein Spieler umgegrätscht wird. Und auch bei Abseitsentscheidungen, die im Amateurfußball wohl für die meisten Diskussionen sorgen, wird bei engen Situationen keine Entscheidung möglich sein.

Außerdem fehlen schon jetzt die Ressourcen. Viele Vereine haben wenig Geld zur Verfügung. Schiedsrichter sind ebenfalls ein rares Gut. Will man jetzt auch noch ein paar von ihnen in irgendeinen Keller setzen, in dem sie 30 Spiele gleichzeitig im Blick haben sollen?

Klar, kann man sagen, nimmt die Einführung eines VAR etwas Druck von den Schiedsrichtern, die sich auf den Amateur-Fußballplätzen eine Menge anhören müssen. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass sie nicht weniger, sondern eher noch mehr diskutieren müssen. Neigen Fußballer ohnehin dazu, zu lamentieren, wird von den Spielern bald nach jedem Zweikampf ein Viereck mit den Händen geformt, um den Schiedsrichtern zu signalisieren, die Entscheidung noch mal zu überprüfen.

Ein VAR im Amateurbereich macht den Fußball nicht gerechter. Es nimmt ihm die Einfachheit, von der er lebt. 22 Spieler, ein Ball, ein Feld, zwei Tore. Überall auf der Welt kann man diesen Sport so spielen. Ist eine flächendeckende Einführung eines „VAR light“ in Deutschland vielleicht – wenn auch nur schwer – vorstellbar, wird das in anderen Ländern nicht umzusetzen sein. Die Technik wird es bei einem kleinen Klub in einer brasilianischen Favela wohl eher nicht geben. Der Sport würde nicht mehr überall derselbe sein.

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Sportredaktion Dortmund
Ist bereits seit Kindesbeinen an von Ballsportarten – insbesondere Fußball – fasziniert. Stets neugierig auf der Suche nach Geschichten, auch abseits des Ballsports. Die Liebe zum Journalismus entdeckte er über sein großes Hobby: Fotografie. Gebürtig aus Selm, mittlerweile in Lünen wohnhaft.
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Patrick Schröer
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Als gebürtiger Dortmunder bin ich großer Fan der ehrlich-direkten Ruhrpott-Mentalität. Nach meinem journalistischen Start in der Dortmunder Stadtredaktion, schreibe ich mich gerade als Volontär durch die Redaktionen in der Region.
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