Auf die Taktik und vorausschauendes Spielen kommt es beim Schach an. © picture alliance/dpa
Sportgeschichte

Vor 20 Jahren taktierte eine Castrop-Rauxeler Mannschaft in der 1. Bundesliga

Berührungspunkte zwischen der Bundesliga und Castrop-Rauxel gab es in der Vergangenheit nicht allzu oft. Zwischen 1993 und 2002 gab es aber eine heimische Bundesliga-Mannschaft.

Die Bundesliga ist in Deutschland die höchste Klasse für die Sportler in nahezu allen Sportarten. Die 1. Fußball-Bundesliga wurde im Jahr 1963 gegründet. Castrop-Rauxel war nie mit einer Mannschaft dort vertreten. In den vergangenen fünf Jahrzehnten war die Europastadt allerdings in anderen Mannschafts-Disziplinen in den beiden höchsten deutschen Spielklassen dabei.

In der Rangliste der heimischen Vorzeige-Vereine der vergangenen 30 Jahre liegen neben den Billardspielern des ABC Merklinde (1. Bundesliga Mehrkampf), den Sportkeglern der SK Castrop-Rauxel und den Squashern des 1. CSC Forum (beide 2. Bundesliga) auch die Schachspieler des SV Castrop-Rauxel 1923 weit vorn. Durch ihre Bundesliga-Geschichte.

Im Jahr 1989 wurde das Nachwuchs-Team des SV Castrop-Rauxel 23 Deutscher Mannschaftsmeister. Michael Hoffmann (vorne links) hatte seine schachliche Karriere Anfang der 1980er-Jahre beim SV23 begonnen, war Deutscher Meister in mehreren Jugendklassen und blieb dem Club bis zum Rückzug aus der Bundesliga treu.
Im Jahr 1989 wurde das Nachwuchs-Team des SV Castrop-Rauxel 23 Deutscher Mannschaftsmeister. Michael Hoffmann (vorne links) hatte seine schachliche Karriere Anfang der 1980er-Jahre beim SV23 begonnen, war Deutscher Meister in mehreren Jugendklassen und blieb dem Club bis zum Rückzug aus der Bundesliga treu. © Helmut Orwat © Helmut Orwat

Der Macher und Mäzen in der Schach-Bundesliga-Glanzzeit des SV23 war Rudolf Veith (2010 verstorben). Er war es auch, der den heutigen Großmeister Ralf Appel als 19-Jährigen nach einem Jugendturnier in Budapest (Ungarn) eingekauft hat. Diesem jungen Mann gefiel die Losung des Vereins „Wir sind jung, wir haben Spaß, wir wollen aufsteigen“. Das klappte. Als 22-Jähriger spielte Appel mit dem SV Castrop-Rauxel 23 in der 1. Bundesliga.

In Pirmasens wohnend blieb Ralf Appel bis 2002 beim freiwilligen Ausstieg der Castrop-Rauxeler aus der 1. Liga. Direkt nach der Zeit in der Europastadt heuerte er um die Ecke bei Bundesligist Wattenscheid an.

„In Castrop-Rauxel hat es mir gut gefallen. Zu den Heimspielen bin ich freitags angereist, samstags wurde gespielt – danach haben wir ein paar Bierchen getrunken. Sonntags ging‘s zurück nach Pirmasens. Wir haben uns alle richtig gut verstanden. Es war eine schöne Zeit.“ Mit den früheren Kollegen Michael Hoffmann und Dirk Hennig besteht noch Kontakt. Appel: „Der wird aber immer weniger.“

Damals druckten die Zeitungen oft noch in Schwarz/Weiß: Ralf Appel (am Zug), hier in einer Bundesliga-Spielszene aus dem Jahr 2002.
Damals druckten die Zeitungen oft noch in Schwarz/Weiß: Ralf Appel (am Zug), hier in einer Bundesliga-Spielszene aus dem Jahr 2002. © Goldhahn © Goldhahn

Rudolf Veith habe alles dafür getan, dass sich die Spieler wohlfühlten, so Ralf Appel, der für den SV 1923 „in der Bundesliga in der Mitte an Brett drei oder vier“ gespielt hat. Internationaler Meister wurde Appel im Jahr 1996 – vom FIDE-Weltverband erhielt er 2008 den Rang Großmeister. Ein Titel für die Ewigkeit. Denn: Einmal Großmeister, immer Großmeister. Weltweit gibt es mit Stand Januar 2021 nur 1719 Schachspieler in dieser Liga – 91 davon sind aus Deutschland.

Anfang des Jahres 2001 – also vor genau 20 Jahren – deutete sich beim SV 1923 das Bundesliga-Ende an. Der freiwillige Ausstieg kam ein Jahr später – obwohl der Abstieg knapp abgewendet wurde. Ralf Appel hatte in der letzten Spielzeit der 23er beim 2:6 gegen die SG Solingen dem Deutschen Schach-Nationalspieler Robert Hübner ein Remis abgetrotzt.

Bei Bundesliga-Spielen säumten um die 50 Fans die Schachbretter in der Mensa der Willy-Brandt-Gesamtschule. Internationale Großmeister wie Nigel Short (Großbritannien), Paul van der Sterren (Niederlande) und Ian Rogers (Australien) spielten für Castrop-Rauxel. Mit der Fusion zum SK Sodingen/Castrop endete 2015 die eigenständige Vereins-Geschichte.

Großmeister Ralf Appel beendete 2016 bei der SG Solingen mit dem Titel Deutscher Meister seine Bundesliga-Karriere. „Was? So lange ist das schon her?“, ist der 49-Jährige erstaunt. Auch beim Clube Pesca Nautica Desportiva Albufeira in Portugals 1. Liga machte er zeitgleich Schluss. „Nach Portugal wurde ich auf Vereinskosten eingeflogen – an der Algarve habe ich dann öfter ein paar Urlaubs-Tage drangehängt. Der Spaß durfte nie zu kurz kommen.“

Ralf Appel (vorne, rechts) spielt mittlerweile ausschließlich in seiner Heimat beim SC Pirmasens.
Ralf Appel (vorne, rechts) spielt mittlerweile ausschließlich in seiner Heimat beim SC Pirmasens. © SC Pirmasens © SC Pirmasens

Nach dem DM-Titel mit Solingen ging es für Appel zurück zu den Wurzeln. Er spielte wieder für den SC Pirmasens in die 1. Rheinland-Pfalz-Liga. „Meine Karriere ist eingeschlafen.“ Was macht ein Schachspieler in Corona-Zeiten? „Einige Kollegen spielen in Internet-Ligen – oder trainieren mit einem Computer. Für mich ist das nichts. Ich war nie trainingsfleißig.“

Schach und Computer – wer gewinnt? „Gegen einen Computer hat selbst Weltmeister Magnus Carlsen keine Chance“, so Appel. Dabei weist der Norweger mit 2835 die höchste ELO-Zahl auf. Beim Pirmasenser waren es zur besten Zeit 2552 ELO-Punkte. Großmeister Appel war ganz nebenbei als Blitzschach-Spezialist gefürchtet – er gewann etliche Titel.

Die Netflix-Serie „Das Damengambit“, die einen regelrechten Schach-Boom ausgelöst hat, ist dem 49-Jährigen fremd: „Die habe ich nie gesehen.“ Dort dreht sich alles um Beth Harmon, ein Schach-Wunderkind zwischen Genie und Wahnsinn, Alkohol und Medikamenten. Eigentlich nichts Neues im Spitzenschach: Auch einige Weltmeister geisterten zwischen Genie und Wahnsinn herum.

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Über 30 Jahre als Sportredakteur aktiv, bin ich nun im "Unruhestand" seit der Saison 2018/2019 als Freier Mitarbeiter für den Castroper Sport am Ball - eine neue, spannende Erfahrung. Meine journalistischen Fachgebiete sind alle Ballsportarten, die Leichtathletik und Golf. Mit den deutschen Spitzen-Fechtern war ich in den frühen 2000er-Jahren bei Welt- und Europameisterschaften in der "halben Welt" unterwegs.
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Jens Lukas

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