Der Castrop-Rauxeler Thilo Schlüsener hat sich intensiv mit der Historie des Castroper Fußballs beschäftigt. © privat
Fußball

120 Jahre Castroper Fußball – Thilo Schlüsener fahndet nach allen Erfolgen, Fotos und Anekdoten

Ein Castrop-Rauxeler hat sich selbst eine Aufgabe gestellt, die nach einem Lebenswerk aussieht: die Chronik der SG Castrop. Diese und ihre Vorgänger-Klubs haben eine 119 Jahre lange Vereinsgeschichte.

Heutzutage sind Vereins-Chronisten – Leute, die die Klubgeschichte von der Gründung bis zum heutigen Tag dokumentieren – rar gesät. Dadurch gehen in immer mehr Vereinen die Erinnerungen an Erfolge, Helden und Anekdoten verloren.

Die SG Castrop hat das Glück, dass sich jemand um Namen, Fakten und Fotos kümmert: Thilo Schlüsener (Jahrgang 1967). Der Ex-Fußballer der als Senior in Waltrop, beim VfR Rauxel und bei der SG kickte, hat viele Dinge zusammengetragen und stellt diese im Internet dar.

Per E-Mail erreichbar ist Schlüsener unter archiv@sg-castrop.de. Wir haben bei ihm nachgefragt, was der aktuelle Stand seines Projektes ist – und wie es zu diesem Lebenswerk kam.

Hallo Thilo, wie bist Du überhaupt darauf gekommen, die komplette Chronik der SG zusammenzutragen ?

Wenn ich auf der Tribüne stand und gehört habe „Mensch, Ernst, den hättest Du aber früher mit links reingemacht“, habe ich mich immer gefragt: „Wer ist das überhaupt? Wo und wie hoch hat dieser ehemalige Fußballer gespielt? Und hat er wirklich so viel Tore geschossen?“ Als mir dann noch mein Vater erzählt hat, die SG Castrop hätte mal mit Arminia Ickern und dem VfB Habinghorst in der Verbandsliga gespielt, konnte ich es nicht glauben. Ich war angepiekst und wollte mehr wissen. Also habe ich Zeitungsausschnitte zunächst bei den Ruhr Nachrichten und dann im Stadtarchiv gesammelt. Als ich soweit war, habe ich gedacht, ich könnte es auch gleich ins Internet stellen. Das war 1999.

Wenn man die Website sieht, ist es aber nicht dabei geblieben…

Na ja, dann ergab eins das andere. Ich habe alte Spieler des SV Castrop 02 und der SG Erin 11 interviewt. Ich habe Mannschaftsbilder, Spielszenen und andere Devotionalien zusammengesammelt, eine Datenbank angelegt, Statistiken und Landkarten erstellt und fotografiert.

Und was machst Du gerade im Moment?

Derzeit bringe ich die Internet-Seite auf Vordermann, weil die Technik ja auch weiter voranschreitet. Daher reicht die Seite auch derzeit erst wieder in die Saison 2008/09 zurück. Wenn alles klappt, ist sie in zwei Jahren wieder auf dem Stand von 1961/62 bis heute. Theoretisch habe ich auch Daten bis in die Jahre 1945 und 1946 zurück.

Auch das gehört zur Vereinsgeschichte der SG Castrop: Im Jahr 2002 wurde die Sprecherkabine im Stadion an der Bahnhofstraße wegen Baufälligkeit vor dem Besuch der deutschen Nationalmannschaft mit Trainer Rudi Völler abgerissen. Thilo Schlüsener: „Unvergessen sind die Durchsagen von Horst 'Eppi' Gelardi in den 1980er und 90er Jahren.“
Auch das gehört zur Vereinsgeschichte der SG Castrop: Im Jahr 2002 wurde die Sprecherkabine im Stadion an der Bahnhofstraße wegen Baufälligkeit vor dem Besuch der deutschen Nationalmannschaft mit Trainer Rudi Völler abgerissen. Thilo Schlüsener: „Unvergessen sind die Durchsagen von Horst ‘Eppi’ Gelardi in den 1980er und 90er Jahren.“ © Thilo Schlüsener © Thilo Schlüsener

Welches sind die größten Hindernisse bei dem Projekt?

Seit fast 20 Jahren wohne ich jetzt schon in Köln. Da ist man leider nicht mehr so nah dran am Verein. Da geht mir viel Historie verloren, die man nur über den Flurfunk erfährt. Und es ist schwieriger, an Daten zu kommen. Sehr ermüdend ist es auch oft, aktuelle Bilder, die ja schon in einem Jahr Historie sind, zusammenzutragen. Es ist auch stets schade, dass sich die Leute nicht „rechtzeitig“ von Ihren Objekten trennen. Wenn Sie dann verstorben sind, haben die Nachkommen meistens schon alles weggeschmissen.

Was sind Deine nächsten Schritte?

Augenblicklich werte ich alte Castroper Vorkriegszeitungen aus, die es seit einiger Zeit frei zugänglich im Internet gibt. Das endgültige Ziel ist es natürlich, die gesamte Historie bis zurück zum Jahr 1902 aufzuschreiben. Dann gibt es auch noch quasi eine große Paderborner Filiale, weil dorthin einige Castroper Spieler gewechselt sind in den 60er und 70er Jahren. Da müsste ich sicher mal wegen einiger Interviews hinfahren. Mindestens einmal muss ich sicher auch noch mal in die Deutsche Nationalbibliothek nach Leipzig. Die Bibliothek der Deutschen Sporthochschule in Köln ist nahezu ausgeschlachtet. Die ist ja bei mir um die Ecke.

Das ist Thilo Schlüsener

  • Seine ersten fußballerischen Schritte unternahm Thilop Schlüsener (Jahrgang 1967) in der Saison 1976/77 bei der SG Castrop in der E-Jugend. Er blieb bei der SG bis zu seinem Wechsel als A-Junior zum SV Sodingen.
  • Seine Senioren-Stationen waren Teutonia/SuS Waltrop, VfB Waltrop (jeweils Landesliga) sowie ab 1991 die SG Castrop (anfangs Bezirksliga). Mit dem VfR Rauxel stieg Schlüsener 1999 in die Bezirksliga auf, ehe es zurück zur SG ging.

Was war Dein bisher größtes Aha-Erlebnis?

Wenn man sich stetig damit beschäftigt, wächst man da so rein. Da wird es immer schwieriger, sich zu überraschen. Aber als Theo Reder in der Verbandszeitschrift „Fußball und Leichtathletik“ im Jahr 1917 als „gefallen“ gemeldet wurde, lief es mir eiskalt den Rücken runter. Denn er war doch noch bis Mitte der 1960er ein wichtiger Mann in unserem Verein. Also: Der Tod war eine Zeitungs-Ente.

Hast Du zwischendurch auch Hilfe?

Mein Vater hat vor ein paar Jahren das Papierarchiv aufgebaut. Ich habe ja alles digital. Außerhalb gezielter Interviews ist das ansonsten immer alles sehr zufällig, wenn zum Beispiel jemand auf mich zukommt. Vor ein paar Jahren hat mir beispielsweise Herbert Kantereit von den Altherren ein Bild der ersten Mannschaft von Castrop 02 aus dem Jahr 1933 mitgebracht. Bislang ist dieses Foto die wertvollste Reliquie. Das erfordert aber immer das Mitdenken, dass sich „der Schlüsener“ für so etwas auch interessiert. Also, ich bin immer auf der Suche nach alten Devotionalien. Bilder, Anstecknadeln, Trikots, Unterlagen…

Über den Autor
Lokalsport Castrop-Rauxel
Ein Journalist macht sich aus Prinzip keine Sache zu eigen, nicht einmal eine gute (dieses Prinzip ist auch das Motto des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises).
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Jens Lukas
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