Anzeige

Experten warnen vor Leichtsinn beim Heimbesuch

Interview

Abstandsregeln und Voranmeldung: Besucher von Seniorenheimen müssen in der Corona-Krise einiges beachten. Ein Interview gibt Einblicke in einen Risikobereich.

22.05.2020, 11:11 Uhr / Lesedauer: 5 min
Privatsphäre mit Abstandsregeln: In diesen Besucher-Pavillon können sich Angehörige treffen.  SeniorenDO

Privatsphäre mit Abstandsregeln: In diesen Besucher-Pavillon können sich Angehörige treffen. SeniorenDO © SeniorenDO

Lange haben die Bewohner der Seniorenheime in Dortmund auf die Besuche von Angehörigen gewartet. Martin Kaiser, Geschäftsführer der städt. Seniorenheime Dortmund gGmbH (SHDO) und Tobias Berghoff, Geschäftsführer der Altenhilfe Dortmund sehen den Lockerungen mit gemischten Gefühlen entgegen und bitten Besucher zur Vorsicht. Denn die Gefahr Covid-19 mit in eine der Einrichtungen zu bringen, ist allgegenwärtig.

Was würde es bedeuten, wenn sich einer der Seniorenheim-Bewohner mit dem Coronavirus infiziert?

Martin Kaiser: Dann würde wahrscheinlich die gesamte Einrichtung unter Quarantäne gestellt und Besuche wären nicht mehr möglich. Die Pflegekräfte müssten zur Versorgung der Bewohner Schutzausrüstung tragen.

Sind die aktuellen Lockerungen angemessen?

Tobias Berghoff: Wir sind für den Schutz unserer Bewohner verantwortlich. Gerade Besuche außerhalb der Einrichtungen können wir nicht kontrollieren, was das Tragen und einhalten von Schutzkleidung und Hygienevorschriften betrifft. Es kann sich also jemand außerhalb der Einrichtung infizieren und wir bekommen dies erst mit, wenn sich Symptome einstellen. Dann ist es aber unter Umständen schon zu spät.

Wie laufen Besuche momentan ab?

Tobias Berghoff: Besuche werden in der Regel im Außenbereich der Einrichtung organisiert und werden in den Altenhilfeeinrichtungen auf ca. 30 Minuten begrenzt. Einzelheiten sind hierzu in den jeweiligen Einrichtungen zu erfragen. Besuche sind auf maximal einen Besuch pro Tag pro Bewohner beschränkt. Die Besucher werden listenmäßig erfasst und müssen bestätigen, dass bei ihnen keine Erkältungssymptome vorliegen und dass keine COVID-19 Infektion bzw. kein Kontakt mit Infizierten bekannt ist. Den Anweisungen des Einrichtungspersonals muss Folge geleistet werden und vor Ort vorhandene Aushänge über Hygienemaßnahmen müssen beachtet werden.

Tobias Berghoff

Tobias Berghoff © SeniorenDO

Während des Besuchs – und auch vor dem Besuch während eventueller Wartezeiten – muss ein grundsätzlicher Abstand von mindestens 1,5 Metern zur besuchten Person und zu allen anderen eingehalten werden, zudem muss ein Mundschutz getragen werden. Besuche sind in der jeweiligen Einrichtung telefonisch anzumelden.

Ein dezidiertes Hygiene- und Besuchskonzept wird gerade im Rahmen der SeniorenDo-Gemeinschaft erarbeitet,

Wer darf zu Besuch kommen?

Tobias Berghoff: Kommen kann grundsätzlich jeder. Es muss aber eine vorherige telefonische Anmeldung bei der Einrichtung erfolgen. Ob und wer kommen darf, entscheidet die jeweilige Einrichtung

Wie können sich Angehörige auf den Besuch vorbereiten?
Tobias Berghoff: Angehörige sollten sich darauf vorbereiten, dass der Besuch eine emotionale Herausforderung sein kann. Man möchte seinen Lieben gerne in den Arm nehmen und begrüßen. Dies geht leider zum Schutz im Moment nicht. Dies kann eine Belastung und Herausforderung für beide Seiten sein. Es ist eine Mundschutz mitzubringen. Ist keiner vorhanden, wird dieser durch die Einrichtung gestellt.

Wie hat die Isolation die Bewohner und das Leben im Heim verändert?

Martin Kaiser: Fehlende Kontakte zu Angehörigen haben sich sicher bemerkbar gemacht. Die Mitarbeiter haben es wirklich sehr gut verstanden, in kleinen Gruppen das Leben im Heim weiterhin interessant und abwechslungsreich zu gestalten. Sie haben viel Aufklärungsarbeit geleistet und so zu einem guten gemeinsamen Verständnis für die Maßnahmen beigetragen.

Was fehlt den Bewohnern zurzeit am meisten?

Martin Kaiser: Die Bewohner haben sich wirklich sehr gut mit der Situation auseinandergesetzt. Sie haben viel Verständnis und wissen, dass alle Maßnahmen ausschließlich zum Schutz ihres Lebens eingeleitet wurden. Vieles im Heim muss nun ohne Angehörige organisiert werden. Da fehlt sicher ein wenig der bisher sehr offene Kontakt von draußen nach drinnen.

Wie können Angehörige Bewohner trösten, ohne sie anzufassen?

Martin Kaiser: Ganz wichtig ist, die Situation zu verstehen und daran mitzuwirken, den Schutz des Lebens zu erhalten. Trost können wir virtuell über Laptop und andere moderne Kommunikationsmittel spenden.

Martin Kaiser

Martin Kaiser © SeniorenDO

Die Möglichkeiten des sich Sehens nur getrennt durch eine geschützte Glaswand lässt den langsamen Start von Kontakten wieder zu.

Dürfen Besucher etwas mitbringen?

Tobias Berghoff: Vom Mitbringen von Geschenken möchten wir abraten. Geschenke müssten aufgrund von Kontakt- und Schmierinfektionen desinfiziert werden. Dies ist bei Kuchen und Blumen sicherlich nicht so ratsam!

Wie geht es Ihren Pflegekräften mit der Lockerung?

Martin Kaiser: Unsere Pflegekräfte, die einen unglaublich tollen Job in den letzten zwei Monaten gemacht haben, möchten vor allem eins: Vorsichtige, langsame und kluge Lockerung. Sie möchten nicht, dass der Erfolg dieser Zeit durch zu unbedachte, spontane Kontakte vernichtet wird.

Natürlich möchten alle Pflegekräfte einen guten Kontakt zwischen Angehörigen und Bewohnern. Das ist immer Ziel einer guten Pflegeplanung. Unsere Pflegekräfte wissen aber auch, dass eine zu schnelle Lockerung das Leben der Bewohner und auch ihr Leben in Gefahr bringt.

Haben alle Angehörigen mittlerweile Verständnis für Auflagen wie Sicherheitsabstand und Vorabanmeldungen?

Martin Kaiser: Der ganz große Teil der Angehörigen versteht unsere Sorge und unsere Anstrengungen zum Schutz der Bewohner. Die Auflagen üben sie zusammen mit uns ein; die Pflegeheime sind ja hier nicht alleine. In vielen anderen Geschäften und öffentlichen Einrichtungen gelten ähnliche Auflagen.

Wie schützen sich die Pflegekräfte und wie werden die Bewohner geschützt?

Martin Kaiser: Unsere Pflegekräfte haben eine sehr gute Ausbildung und damit verbunden auch eine professionelle Auffassung von ihrer Arbeit.

Sie machen sicher einen persönlichen Gesundheitscheck für sich und kommen zunächst nicht zum Dienst bei dem Verdacht auf Symptome.

Für die pflegerische Versorgung steht ausreichend persönliche Schutzausrüstung – soweit geboten – zur Verfügung. Bei den Bewohnern wird auf Abstandsregelungen und Veranstaltungen in kleinen überschaubaren Gruppen geachtet.

Wie viel Kontakt war für die Senioren in den letzten Wochen möglich?

Martin Kaiser: In allen unseren Häusern standen neben Telefonen auch Tablets für persönliche Kontakte zur Verfügung. Es war spannend zu beobachten, wie schnell sowohl das Personal als auch die Bewohner mit dieser neuen Technik umgehen konnten. Das war für uns alle so etwas wie der Start in die „Digitalisierung der Pflege“.

Natürlich war es für demenziell erkrankte Bewohner deutlich schwieriger, mit dieser Technik zurecht zu kommen und zu verstehen, warum man den nahen Angehörigen nur hören und sehen aber nicht anfassen kann.

Wie erklären Pflegekräfte den Bewohnern die aktuelle Situation und wie können Angehörige sie dabei unterstützen?

Tobias Berghoff: Durch aufklärende Gespräche. Dabei wird auf die Sorgen der Bewohner eingegangen und wir versuchen diese Sorgen, auch durch die Zuhilfenahme von Infomaterialien, Videos und Piktogrammen zu begegnen.

In unseren Einrichtungen arbeiten viele Menschen auch mit verschiedensten Nationalitäten, sodass eine Verständigung bisher kein Problem darstellte.

Wie können Angehörige Pflegekräften „danken“?

Tobias Berghoff: Indem über den Beruf der Altenpflege endlich mit Wertschätzung gesprochen wird und dies kann nur über die Solidargemeinschaft erfolgen, damit Politik zum Handeln gebracht wird.

Wenn uns dies nach der Krise gelingt, dass Ansehen der Pflege ins richtige Licht zu rücken, haben wir viel erreicht. Darüber würden sich unsere Mitarbeiter sehr freuen. Hierbei kann und muss uns jeder einzelne helfen. Unsere Mitarbeiter haben in den vergangene Wochen eine herausragende Arbeit geleistet. Die richtige Anerkennung wäre, in der Gesellschaft und Politik endlich den entsprechenden Stellenwert zu erhalten.

Mit welchen Fehleinschätzungen zur aktuellen Situation möchten Sie gerne aufräumen?

Martin Kaiser: Das Corona-Virus ist kein Mythos, sondern tötet Menschen. Schweden hat mit mehr als 10.400 Menschen die höchste Todesrate seit 1993. Der größte Teil davon ist in Altenheimen gestorben. In Deutschland sind an COVID-19-Erkrankungen über 8200 Menschen gestorben. Viele der Maßnahmen zum sogenannten Lockdown und damit der Schließung der Pflegeheime sind ausschließlich zum Schutz der höchsten Risikogruppe getroffen worden – und das sind die Bewohner in den Pflegeheimen.

Es wäre jetzt in höchstem Maße fahrlässig, so zu tun, als ob Corona vorbei wäre. Der Virus ist unter uns und verteilt sich weiter. Kommt er durch unüberlegtes Verhalten in einem Heim an, kann es zu katastrophalen Verhältnissen kommen. Das will keiner und deshalb müssen sich alle Besucher ihren Angehörigen vorsichtig und zunächst über Kontakte von außen – wie Besucher-Pavillons – bis nach innen, zum Beispiel in abgetrennten Besuchsbereichen, nähern.

Der Dortmunder Pflegeweg war bisher richtig. Stand heute gibt es keine Toten in Dortmunder Heimen. Das sollte auch der Anspruch für die Zukunft sein.