Das neue Baugebiet am Auenpark bekommt Lärmschutz. Für das alte Baugebiet Seiland direkt auf der anderen Straßenseite ist das kein Thema. Nicht nur Ehepaar Nasemann versteht das nicht.

Selm

, 26.05.2019, 10:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die roten Edelrosen beginnen zu blühen. Die weißen Pfingstrosen haben erste Knospen. In Beeten und Töpfen gedeihen andere Pflanzen prächtig. Es sieht richtig schön aus, wenn man sich im Garten der Nasemanns umschaut. Wenn man sich dort umhört, fällt das Urteil aber komplett anders aus.

Vogelgesang? Fehlanzeige auf dem grünen Grundstück des Hauses Nummer 88, an dessen Wand der wilde Wein rankt. Dafür rauscht es: tief und holprig, wenn Trecker vorbeirollen, jaulend und hoch, wenn Motorräder Gas geben und klappernd, wenn es Autos mit Anhänger sind. „Das ist doch heute gar nichts“, sagt Sigrid Nasemann. Es ist Freitagmittag, 13 Uhr. „Kommen Sie mal zu den Stoßzeiten morgens und nachmittags wieder.“

„Die Errichtung einer Lärmschutzwand wäre wünschenswert.“
Lärmaktionsplan Stadt Selm

„Die Errichtung einer Lärmschutzwand wäre wünschenswert“, hatte der städtische Gutachter bereits 2013 befunden. Jetzt wird bald entlang der Fahrbahn ein Gebäuderiegel gebaut, der den nervtötenden Lärm abhalten soll - allerdings auf der anderen Straßenseite. Die Nasemanns schütteln den Kopf. Die Bewohnerinnen und Bewohner der Seniorenresidenz wenige hundert Meter weiter ebenso.

Noch kein einziges Mal auf dem Balkon gesessen

Es sei so laut, dass sie noch kein einziges Mal den Balkon ihrer 2014 bezogenen Wohnung genutzt habe. Das hatte Annemarie Darda, die mit ihren Mann eine der 17 Seniorenwohnungen bewohnt, bereits im Februar den RN berichtet.

Sigrid und Klaus Nasemann haben Pech: Sie wohnen auf der falschen Seite der Münsterlandstraße - der Seite, die auch künftig auf Lärmschutz verzichten soll.

Sigrid und Klaus Nasemann haben Pech: Sie wohnen auf der falschen Seite der Münsterlandstraße - der Seite, die auch künftig auf Lärmschutz verzichten soll. © Sylvia vom Hofe

Im selben Monat haben Lärmgutachter bestätigt: Der Straßenlärm der B 236 liegt tatsächlich „oberhalb der schalltechnischen Orientierungswerte für Allgemeine Wohngebiete“. Schutz sei daher unbedingt erforderlich, um die Bebauung zu ermöglichen - auf der rechten Straßenseite, wo das neue, attraktive Wohngebiet am Auenpark entstehen soll. Die Bebauung auf der linken Straßenseite war nicht Gegenstand dieses Gutachten - aber des Selmer Lärmaktionsplans.

Stress und Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Laut einer EU-Richtlinie haben alle Städte und Gemeinden einen solchen Plan aufzustellen. In Selm war es 2013 zum ersten Mal so weit, die Fortschreibung erfolgt gerade. „Da Lärm schon ab 60 Dezibel (Anm. d. Red.: ein Rasenmäher in zehn Metern Entfernung) das Gehör beeinträchtigen, Stress und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachen kann, liegt es in den Händen der Kommunen, mit Hilfe jener Pläne nicht nur positive Auswirkungen auf den Gesundheitsschutz und die Verbesserung der Lebensqualität zu erzielen, sondern auch die Kommune an sich als Wohn- und Investitionsstandort aufzuwerten.“ So erklärt das Deutsche Institut für Urbanistik in Köln die Bedeutung dieses Instruments. Auf positive Auswirkungen für sie und ihre Nachbarn warten die Dardas und Nasemanns aber bislang vergebens.


Wünschenswert, aber Anspruch besteht nicht

Im Selmer Lärmaktionsplan steht nämlich nicht nur, dass an der Münsterlandstraße eine Lärmschutzwand „wünschenswert“ sei, sondern auch, dass „kein Anspruch auf die Umsetzung einer solchen Maßnahme“ besteht. Das hat sich bis heute nicht geändert, wie Peter Beiske vom Landesbetrieb Straßen NRW sagt.

„Lärmschutz an bestehenden Straßen so nicht vorgesehen.“
Peter Beiske, Landesbetrieb Straßen NRW

Mit dem neuen Baugebiet „haben wir nichts zu tun“, so der Bochumer Behördensprecher, mit dem geplanten Lärmschutz dort durch einen durchgehenden Gebäuderiegel ebenfalls nicht. Grundsätzlich seien „Lärmschutzmaßnahmen an bestehenden Straßen so nicht vorgesehen“. Denkbar sei bestenfalls eine „Lärmsanierung statt einer Lärmvorsorge“, wie sie nur beim Neubau von Straßen üblich sei. Mit anderen Worten: „Es kann Zuschüsse zu Fenstern geben.“


Seniorenresidenz hat keine Ansprüche

Die Bewohner der Seniorenresidenz haben es inzwischen schriftlich, dass sie nicht auf Lärmschutz zu hoffen brauchen. Als der Bauverein zu Lünen im Februar 2012 den Bauantrag stellte, um die Senioreneinrichtung auf dem ehemals städtischen Grundstück zu errichten, stimmte er einer Ausnahmegenehmigung zu. Danach kann weder der Bauherr noch ein Rechtsnachfolger wegen der nahen Bundesstraße Entschädigungsansprüche stellen, wie der Landesbetrieb in einem Brief an eine Angehörige der Senioren schreibt.

Nur in einem Punkt werden die Bewohner der linken Straßenseite aufatmen können: Die Höchstgeschwindigkeit auf der Münsterlandstraße wird wohl von 70 auf 50 Stundenkilometer reduziert werden - auch aus Rücksicht auf das Wohngebiet am Auenpark. Dieses Tempolimit hatte auch schon der Lärmaktionsplan in Aussicht gestellt - vor sechs Jahren. Riesengroß ist die Freude darüber aber nicht.


Tempo 50 soll erlaubte Höchstgeschwindigkeit werden

„Zurzeit ist das Tempo ja auf 30 reduziert“, sagt Sigrid Nasemann in das auf- und absteigende Rauschen jenseits der Hecke hinein. Sie und ihr Mann Klaus fühlen sich „von Politik und Verwaltung alleingelassen“. Immer wieder hätten die Seiland-Siedler auf das Lärmproblem hingewiesen - vergebens. Jetzt sei nur vom Neubaugebiet auf der anderen Straßenseite die Rede. Obwohl: In der jüngsten Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses war das Seiland doch Thema.

Ob der geplante Gebäuderiegel zum Neubaugebiet auf der rechten Straße nicht den Schall reflektiere und auf die gegenüber liegende Seite werfe, wollte ein Ausschussmitglied wissen. Ihm nahm der Gutachter diese Sorge, den Nasemanns aber nicht.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt