So sah es noch 2016 aus: das Grundstück, auf dem damals noch die Josefskirche stand, von der nur der Turm übriggeblieben ist. Inzwischen steht dort das neue Jugendheim Findus, und das Seniorenheim ist um eine Kapelle erweitert worden. © Tobias Weckenbrock (A)
Meinung

Wohnprojekt für Suchtkranke in Selm: Debatte ist Chance statt Gefahr

Wer in Selms Zentrum zwischen Schule und Jugendheim Wohnungen für Suchtkranke bauen will, löst Diskussionen aus. Das ist nicht schlimm, meint unsere Autorin, sondern eine Chance.

Zentraler geht es kaum in Selm: hier das neue Zentrum mit Auenpark, Campus und Schul- und Sportzentrum, da die zur Flaniermeile umgebaute Kreisstraße mit den hoffentlich bald wieder geöffneten Geschäften. Genau dazwischen liegt schräg unter dem Kirchturm von St. Josef das Grundstück, um das es geht: die Fläche, die die Kirchengemeinde bebauen lassen will. Das allein wäre schon ein Grund, das Thema möglichst breit zu diskutieren. Die Tatsache, dass dort Wohnungen für zehn chronisch suchtkranke Menschen geht, erst recht. Das sehen nicht alle so.

Stadtentwicklungsausschuss wäre richtige Adresse gewesen

Das Vorhaben nicht im Stadtentwicklungsausschuss in aller Breite diskutiert zu haben, war ein Fehler. Auch wenn es für die Fläche keine planerischen Festlegungen gibt und der Bauherr errichten dürfte, was er wollte: Hier geht es um eine derart attraktive Fläche und ein so sensibles Projekt, dass die Verwaltung gut beraten gewesen wäre, das Fachgremium nicht zu übergehen. Und noch wichtiger: die Bürgerinnen und Bürger.

Um es klar zu sagen: Ich habe nichts gegen die Wohnungen. Ich denke, dass alle davon profitieren können, wenn wir Menschen mit Problemen in unsere Mitte holen und nicht abdrängen. Und dass es ein gutes Signal der Kirche ist, sich genau für die Gruppe einzusetzen. Trotzdem: Dass es auch Sorgen und Bedenken angesichts der neuen Nachbarn geben wird, liegt doch auf der Hand. Es ist nur eine Frage, wie laut man sie ausspricht. Und wo.

Verständnis wecken statt totreden

Ich wünschte mir eine Gesellschaft, die alle vorurteilsfrei mit offenen Armen begrüßt: die Schwachen und Fremden und die, die ins Straucheln gekommen und an etwas gescheitert sind, das uns alle mehr oder weniger bedroht: die Sucht, wonach auch immer. Diese Gesellschaft gibt es aber leider noch nicht, auch nicht in Selm. Genau darum müssen wir miteinander sprechen – eher mehr als weniger. Das hat nichts mit Totreden zu tun, sondern damit, gegenseitig Verständnis zu wecken.

Das sind die beiden Richtigen in Sachen Öffentlichkeitsarbeit zusammengekommen: Auf der einen Seite die die katholische Kirche, deren Vertreter in Köln gerade Transparenz schmerzhaft vermissen lassen; auf der anderen Seite die Stadt Selm, die gerne erst mal Fakten schafft und dann die Öffentlichkeit einbezieht – ob beim Abriss der Lutherschule oder beim Verkauf des exklusiven städtischen Baugebietes Wohnen am Auenpark an einen privaten Investor.

Ich bin mir sicher, dass sie bei dem Projekt „Wohnen verbindet“ in bester Absicht handeln. Umso ärgerlich, dass sie sich so zugeknöpft geben. Gutes tun und darüber reden – das wäre jetzt richtig. Am Dienstag besteht Gelegenheit dazu. Nutzen wir sie.

Über die Autorin
Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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Sylvia vom Hofe

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