Wilhelm Gryczan-Wiese tritt als einziger Bürgermeisterkandidat als Parteiloser an. Also als Einzelkämpfer ohne Partei hinter sich. Angst davor hat er nicht. Kämpfen hat er gelernt.

Selm

, 24.08.2020, 13:06 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wilhelm Gryczan-Wiese ist Selmer Junge. Geboren am 28. Dezember 1949 in Beifang in der Kolonie Schulstraße. Dort hat er 1956 bei seiner Einschulung zum ersten Mal richtig Kontakt zu dem Gebäude bekommen, das ihn 2018 in den Fokus der Öffentlichkeit gebracht hat: die Lutherschule. Wer ihn bis dato noch nicht aus seiner früheren politischen Tätigkeit für die SPD im Rat der Stadt Selm oder als Architekt kannte, lernte ihn kennen. Er war Mitinitiator eines Bürgerbegehrens gegen den Abriss des leer stehenden Gebäudes. Man kann Gryczan-Wieses Widerstand gegen den Abriss und den vorhergehenden Ratsbeschluss sowie seine aktuelle Kandidatur für das Bürgermeisteramt in Selm besser nachvollziehen, wenn man in seine Vergangenheit blickt.

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Da sind seine Wurzeln: eben in Beifang, mitten in Selm also. Der Vater war Straßenbauschachtmeister, geflüchtet aus Ostpreußen. Die Mutter hatte ihre familiären Wurzeln in einem landwirtschaftlichen Betrieb in Ostpreußen. Bodenständige Wurzeln also, die den jungen Wilhelm bestimmten.

Der Garten ist Wilhelm Gryczan-Wieses grüne Oase.

Der Garten ist Wilhelm Gryczan-Wieses grüne Oase. © Arndt Brede

Die Familie ist ihm wichtig. Wilhelm Gryczan-Wiese ist in zweiter Ehe mit seiner Frau Martina verheiratet. Tochter Angela (48) stammt aus der ersten Ehe, Sohn Max (24) aus der zweiten Ehe. Tochter Angela hat zwei Kinder - Rouven-William und Reja-Mia. Die Enkel sind Opa Wilhelms ganzer Stolz. Da ist er, der direkte Bezug zur Zukunft.

Handeln an der Zukunft ausgerichtet

Zukunft, das war wohl auch immer der Begriff, nach dem er sein Handeln ausrichtete. Nach dem Schulabschluss habe er eine Bauzeichnerlehre absolviert. Er legte so die Grundlage für sein späteres berufliches Schaffen als Architekt. Ende der 1960er-Jahre hat er über den zweiten Bildungsweg die Fachhochschulreife erlangt. Es folgte das Architekturstudium in Münster. In der Zeit der Studentenbewegung. „In dieser Zeit bin ich eigentlich politisiert worden“, sagt der 70-Jährige. Er sei sehr schnell im Allgemeinen Studentenausschuss aktiv gewesen. Das Motto, das ihn geprägt habe, lautete „Bei allem, was Du tust, frag, warum Du es tust und für wen Du es tust“.

Und schon damals hat er sich wohl nicht gescheut, gegen Widerstände zu kämpfen. „Es sollte ein Professor aus der DDR bei uns sprechen, aber die Leitung der Fachhochschule war dagegen. Wir haben Rabatz gemacht, und der Professor durfte seinen Vortrag halten“, erzählt er lächelnd. Schon damals habe er den Menschen als Ganzes gesehen. „Die Einteilung in rechts und links ist doch gar nicht relevant.“ Grüne Liste in Waltrop, SPD in Selm: Gryczan-Wieses späteres politisches Wirken basiert auf den Erfahrungen dieser Jahre.

Nicht grundsätzlich gegen Abriss

Zurück zum Beruflichen: Stadt- und Regionalplanung studierte er in Berlin. Es folgte der Wechsel nach Dortmund (mit Besetzung von Häusern, die abgerissen werden sollten). Später kehrte er zurück nach Selm und fand den beruflichen Einstieg als Architekt. Da könnte man mit Blick auf die Hausbesetzer-Episode und seinen Kampf gegen den Abriss des Gebäudes der ehemaligen Lutherschule meinen, Gryczan-Wiese sei grundsätzlich gegen Abriss. „Nein, nein“, sagt er, „nicht grundsätzlich.“

Er baut aber lieber auf. „Ich habe mich stets mit Zukunftsplanung beschäftigt“, sagt er. Inklusive Elementen in der Bebauung, die dem Klimaschutz folgen. „Denn das ist ja keine neue Erfindung.“

Womit wir in der Gegenwart angekommen sind. Planung und Beratung als Architekt mache er immer noch. Aber mit reduzierter Stundenzahl. Zurzeit sowieso. Als Politiker ist er umtriebig. So engagiert er sich beim Klimatreff Selm. „Der Treff hat schon viel erreicht“, erzählt Gryczan-Wiese. Zum Beispiel habe der Klimatreff den Klimaschutzpreis Selm bekommen.

Kleine Demonstrationen, unter anderem zum Kohlekraftwerk Dattteln, gehören zu den Akzenten, die öffentlich gesetzt worden seien. Genauso wie die Demo für Fridays for future. Mit Wilhelm Gryczan-Wiese mitten drin. „Das fand ich gut, dass dort ältere und junge Menschen zusammen waren.“ Solche Aktionen „machen einem Mut, dass es doch noch Leute gibt, die was verändern wollen“, sagt er - und ein wenig Rührung ist ihm anzumerken.

Stadtweite Bürgerkomitees im Wahlprogramm

Mitbestimmung, das ist ein weiterer Begriff, der das Leben Wilhelm Gryczan-Wieses prägt. Deshalb ist wohl auch der Gedanke der stadtweiten Bürgerkomitees für Selm, in denen Bürger aktiv an politischen Entscheidungen mitwirken, statt diese Entscheidungen nur zur Kenntnis zu nehmen, in sein Wahlprogramm gekommen.

Die Bürger mitnehmen. Mit ihnen zusammen was bewegen in und für Selm. Das will er, auch, falls er Bürgermeister wird. Auch mit 70 Jahren. Apropos: „Alter ist nicht entscheidend. Entscheidend ist meine Lebenserfahrung.“ Politische Erfahrung habe er. Berufserfahrung auch. Lebenserfahrung sowieso. Das zusammengenommen lässt ihn im Gespräch mit der Redaktion gelassen diesen Satz sagen: „So gut wie die Mitbewerber bin ich mindestens.“

STELLEN SIE IHRE FRAGEN AN WILHELM GRYCZAN-WIESE

Wir stellen die Kandidaten für das Bürgermeisteramt in der Stadt Selm vor. Außerdem sind wir mit dem Bewerber zu einem weiteren Interview verabredet - für das Sie uns per E-Mail Fragen schicken können, an selm@ruhrnachrichten.de. Die Fragen werden wir im Gespräch stellen. Die Antworten können Sie anschließend im Videomitschnitt sehen.
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